Crystal Speed, High-Speed-Alltag und der Mut zur Entschleunigung

Volker Beck

Foto: dpa/Uwe Anspach

Crystal Speed, High-Speed-Alltag und der Mut zur Entschleunigung
Eine Ikone der Schwulenbewegung ist über ihren Drogenbesitz gestolpert. Halten wir die Taktung unseres Alltags nur noch mit Drogen aus? Nachdenkliche Überlegungen von Wolfgang Schürger angesichts der "Ereignisse" um Volker Beck.

Eine Ikone der Lesben- und Schwulenbewegung ist über seinen Drogenbesitz gestolpert: In der letzten Woche hat Volker Beck, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen und jahrzentelanger Vorkämpfer für die Rechte von LGBTIQs alle Ämter bis auf sein Bundestagsmandat niedergelegt. Bei einer Polizeikontrolle war "eine betäubungsmittelartige Substanz", vermutlich Crystal Meth, bei ihm gefunden worden.

Crystal Meth, auch Crystal Speed genannt, ist ein starkes Psychostimulans, das Müdigkeit und Erschöpfungsgefühle unterdrückt und zu gesteigerter (auch sexueller) Aktivität führt. Kein Wunder, dass es in der Partyszene weit verbreitet ist! Aber auch Menschen, die unter ständigem Druck arbeiten oder hohen Leistungsanforderungen ausgesetzt sind, sollen gerne mal auf Crystal zurück greifen, um ihren Alltag bewältigen zu können. Volker Beck ist nicht der erste Parlamentarier, bei dem Drogen gefunden werden...

In einer Zeit des immer schneller, immer mehr und immer effektiver sind Crystal Speed und andere Drogen für viele offenbar der passende "Beschleuniger" für den eigenen Körper, der der Taktverdichtung unseres High-Speed-Zeitalters nicht mehr stand hält.

Der "Fall" Volker Beck hat daher auch sogleich eine Debatte um eine angemessene Drogenpolitik entfacht - seine Erklärung, als er die Ämter niederlegte, hat dazu fast eingeladen: Beck betont, dass er immer eine Liberalisierung der Drogenpolitik gefordert habe. Vertreter_innen der LINKEN merken an, dass es nicht mehr zeitgemäß sei, den Besitz von Kleinstmengen von Drogen und deren Konsum zu bestrafen. Vielmehr gehe es darum, die Unterstützung für Drogenabhängige zu verbessern.

Aber ist das alles überhaupt ein Thema für "kreuz und queer"? Ich denke schon. Man kann geteilter Meinung sein, wie glücklich die Berufung Becks zum kirchenpolitischen Sprecher seiner Partei war. Tatsache aber ist, dass seine kritischen Rückfragen sicher manche Personen in unseren Kirchenleitungen ins Nachdenken gebracht haben. Wenn es um Diskriminierung oder Ungleichbehandlung von Queers geht, dann lässt Volker Beck nicht so einfach locker... Für mich gehört er daher wirklich zu den Ikonen der Lesben- und Schwulenbewegung um die Jahrtausendwende.

Jetzt stürzt diese Ikone ein zweites Mal: Bereits 2013 war Volker Beck im Zusammenhang der Pädophilie-Affäre nicht mehr als Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion angetreten. Quer durch alle Parteien haben Männer und Frauen Volker Beck nun Respekt gezollt für die konsequente und rasche Reaktion auf den Polizeibericht. Alles andere wäre für seine Partei in der Endphase von drei Landtagswahlkämpfen wohl auch sehr gefährlich geworden.

Aber was bedeutet das für die Person Volker Beck? Ich meine, der "Fall" zeigt ziemlich gut, wie die Kriminalisierung von Kleinkonsumenten sehr schnell Existenzen vernichten kann. Damit ist vermutlich weder der Gesellschaft noch den Drogenabhängigen geholfen. Auch Volker Beck war wohl einfach nur erschöpfter und zerbrechlicher, als er sich und anderen zugestehen wollte...

Das aber führt mich zu dem dritten Grund, warum es mir wichtig war, den "Fall" in diesem Blog aufzugreifen: Kraft, Stärke, Vitalität - das sind Charakterzüge, die zumindest in der schwulen Community den begehrlichen Mann bezeichnen. Wer putscht sich da nicht gerne auf, um diese Erwartungen zu erfüllen? Es geht ja (zunächst) auch mit einem Red Bull Wodka oder ähnlichem... Die Enttäuschung, nach der Partynacht dann doch allein nach Hause gegangen zu sein, wird dann zu Hause vielleicht noch schnell mit einem Bierchen oder einm Wiskey hinunter gespült. Die (legale!) Droge Alkohol und die Partydrogen - sie scheinen unser Leben so viel einfacher zu machen! In Wirklichkeit aber bekämpfen sie nur die Symptome, ihre Nebenwirkungen zeigen sich oft erst später.

Wie wäre es, stattdessen einmal nüchtern darüber nachzudenken, dass ich mit 51 Jahren halt doch nicht mehr der "junge Boy" bin, der die ganze Nacht durchtanzt? Und dass mein Körper auf manch eng' getaktete Woche, die ich früher problemlos weg gesteckt habe, heute mit eindeutigen Erschöpfungssignalen reagiert? Oder sollte ich gar das regelmäßige Feierabendbier weniger als Mittel zur Entspannung verstehen als vielmehr als Zeichen, dass ich zu viele Gedanken aus der Arbeit mit nach Hause nehme?

Volker Beck und Crystal-Speed: Für mich sind das Warnzeichen, dass wir dem High-Speed-Alltag, den wir uns zumuten, immer weniger gewachsen sind. Die christliche Tradition kennt übrigens gute Wege, diese Beschleunigungs-Spirale zu durchbrechen: Der Sonntag als bewusster Ruhetag, die "Auszeit" des Pilgerns oder der Retrait, aber auch die tägliche Meditation (mit dem Herzensgebet, den Losungen oder der ökumenischen Bibellese) helfen dabei, den Alltag zu entschleunigen.

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