Die Frage der Woche, Folge 109: Was macht Frau Thomalla am Kreuz?

Die Frage der Woche, Folge 109: Was macht Frau Thomalla am Kreuz?
Sophia Thomalla hängt sich für eine Werbung ans Kreuz. Na und? Ach, Leute, lasst euch davon doch nicht so provozieren! Lasst die Beschimpfungen sein und feiert Weihnachten mit Liebe.

Liebe evangelisch.de-Nutzerinnen und -Nutzer,

die Lotterie-Werbung mit Sophia Thomalla am Kreuz hat in dieser Woche für ein bisschen Wirbel gesorgt. Mal abgesehen davon, dass der Kulturbeauftragte der EKD Johann Hinrich Claussen die Werbung "gezielt ignorieren" würde, ist diese Werbung ein Zeichen für einen deutlichen religiösen Bildungsnotstand.

Denn mir ist völlig unklar, wie die Werber auf dieses Motiv "schöne Frau am Kreuz" gekommen sind. Es soll eine Werbung für einen Lotterie-Anbieter sein. Das Versprechen ist also letztlich Glück durch materiellen Gewinn. Das Kreuz ist ein Folterinstrument und Symbol für Leiden, Tod und Auferstehung des besitzlosen Predigers Jesus von Nazareth - ziemlich genau das Gegenteil eines Lottogewinns. Das passt einfach nicht zusammen. Dass das Kreuz als Symbol auch nicht zu Weihnachten passt, weil es da nicht um Tod und Auferstehung, sondern um die Ankunft der Hoffnung auf Erden geht, haben die Werber offenbar auch nicht gemerkt.

Zum Slogan "Weihnachten wird jetzt noch schöner" fallen mir Motive ein, die viel besser in die Adventszeit passen. Als Maria mit Kind, als Engel auf dem Hirtenfeld, als Rentierhüterin oder als Mega-Klischee des verpackten Geschenks beispielsweise hätten die Werbeleute Sophia Thomalla auch verpacken können. Aber sie haben sich für das Kreuz entschieden, als optisch starken Hintergrund, der es ermöglicht, das Model möglichst sexy zu drapieren.

M'ich hat daran vor allem amüsiert, wie die Macher ihre offensichtliche Unkenntnis christlicher Glaubenswelten demonstrieren. Klar, man kann mit dem Kontrast argumentieren und damit, dass die Werbung in der Vorweihnachtszeit eben deswegen auffällt. Ich finde das Motiv aber so sinnfrei, dass selbst dieser Effekt ins Leere geht - weil das Motiv "sexy Frau am Kreuz" weder zu Lotto spielen, zur Adventszeit, zu Weihnachten, zu Geschenken und Konsum, zu Familienfeiern oder zu allen anderen Themen in diesen Tagen passt. Thema verfehlt.

Lasst euch nicht so aufregen!

Deswegen verstehe ich auch die Leute nicht, die auf unserer evangelisch.de-Facebookseite mit schärfsten Worten Sophia Thomalla angegriffen haben. Ein Auszug aus den Kommentaren, die wir gelöscht haben: "Die Schlampe, man hätte Nägel nehmen sollen". (Auf dem Bild ist das Model mit Seilen ans Kreuz gebunden.)

Leute, ihr seid in einem christlichen Kontext unterwegs, vielleicht seid ihr sogar Christen - benehmt euch entsprechend! Sophia Thomalla ist ein Model, die dafür bezahlt wird, auf Bildern gut auszusehen. Sie hängt sich doch nicht lasziv in die Seile am Kreuz, um das Christentum zu beleidigen, sondern um Geld zu verdienen. Und selbst wenn das so wäre, wäre das noch lange kein Grund, ihr im Gegenzug Folter an den Hals zu wünschen. Was ist denn das für ein kleingläubiges Christentum?

Von "Blödsinn" muss man seine religiösen Gefühle nicht verletzen lassen, hat der Kulturbeauftragte Claussen empfohlen. Und damit hat er Recht. Das Kreuz als Symbol ist stark genug, um auch von so einer absurden Werbung nicht beschädigt zu werden. Euer Christentum sollte es auch sein. Stark genug jedenfalls, um Sophia Thomalla und den Werbeleuten mindestens zu vergeben oder noch besser gar nicht erst beleidigt zu sein. Liebe statt Hass - fröhliche Weihnachten!

Für dieses Jahr war das mein letzter Blogeintrag. Ich wünsche euch und Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr 2018!


Wenn Sie Fragen zu evangelisch.de oder unseren Themen haben, sind die Redaktion und ich auf vielen verschiedenen Kanälen erreichbar:

- unter diesem Blogeintrag in der Kommentarfunktion

- evangelisch.de auf Twitter als @evangelisch_de, auf Instagram als evangelisch.de, auf YouTube als EvangelischDE.

- ich selbst auf Twitter als @dailybug

- evangelisch.de auf Facebook

Alle Fragen zu Kirche und Glauben beantwortet Ihnen unser Pastor Frank Muchlinsky auf fragen.evangelisch.de.

Ich werfe an dieser Stelle mehr oder weniger regelmäßig einen Blick auf die vergangene Woche und beantworte außerdem Ihre Fragen zu evangelisch.de, so gut ich kann. Ich wünsche euch und Ihnen einen gesegneten Start ins Wochenende!

weitere Blogs

EuroPride in Wien
Im Juni ist weltweit der Monat der queeren Pride Paraden. In diesem Jahr fand beispielsweise der EuroPride in Wien statt (Katharina Payk hat darüber im Vorfeld berichtet). Dort haben sich ca. 150 Gläubige und Anhänger*innen verschiedener Religionsgemeinschaften unter der Initiative „Religions for Equality“ gezeigt: Ich habe darüber mit der Teilnehmerin Katharina Satlow gesprochen.
Gott hat mir etwas zugetraut. Und mir sein Paradies geschenkt. Mir! Im Juni!
Das war unser Kirchentag 2019
evangelisch.de- und chrismon-Redakteurinnen und Redakteure haben für Euch den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund 2019 besucht. Hier geht es zu unseren multimedialen Impressionen aus fünf aufregenden Tagen.
... auch dann, wenn sie eher misslungen sind (und zum Beispiel Menschen "animalisieren"). Was eher ein Grund wäre, darüber zu streiten als auf sie zu verzichten.