Kriege, Klimawandel, soziale Ungleichheit – die Welt ist aus den Fugen geraten. Begleitet werden diese Auflösungserscheinungen von einer immer sichtbarer werdenden Machtverschiebung, die Solidarität und Gemeinsinn durch die schamlose Stärkung der Mächtigen ersetzt: Autokraten, Techmillionäre, Fundamentalisten. Das war nicht immer so.
Als ich eine junge Erwachsene war, glaubten wir ans "Ende der Geschichte" und die Zukunft erschien ebenso langweilig wie vorhersehbar. 25 Jahre später scheinen wir eher das "Ende der Demokratie" zu erleben. Dieser Gedanke ist beängstigend, aber in ihm steckt zugleich die Einladung, einen faireren und angemesseneren Umgang mit unserem Zusammenleben zu finden. Und da können wir nicht nur täglich voneinander lernen, sondern auch von der Kirche.
Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas einmal schreibe. In der Schulzeit bin ich wegen Blasphemie vom Internat geflogen, und als Frau stehe ich der Kirche äußerst kritisch gegenüber. Als spiritueller Mensch jedoch spüre ich eine große Verbundenheit. Christliche Werte sind universelle spirituelle Werte, sie kreisen um Selbsterkenntnis und Selbstführung, um Aufrichtigkeit, Menschenliebe und den Schutz der Schwachen.
Ariadne von Schirach unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und hält Vorträge im In- und Ausland. Zudem arbeitet sie als freie Journalistin und Kritikerin. Sie veröffentlichte die Sachbuch-Bestseller "Der Tanz um die Lust" (2007) und "Du sollst nicht funktionieren" (2014). "Die psychotische Gesellschaft" (2019) bildet den Abschluss dieser Trilogie des modernen Lebens. 2021 erschien "Glücksversuche" - Von der Kunst, mit seiner Seele zu sprechen. Ihre neuesten Projekte finden sich u.a. auf Instagram und LinkedIn.
Und obwohl wir hier in Deutschland immer noch in einer Demokratie leben, hat auch bei uns das ökonomische Denken das Soziale aus der Marktwirtschaft entfernt und strukturelle Probleme auf die Einzelnen verlagert. Hier hält die alte Kapitalistin Kirche tatsächlich stand und übernimmt vieles an Fürsorge und Förderung, was der Staat nicht mehr leisten will oder kann.
"Aus christlicher Sicht sind wir alle Gottes Kinder"
Denn obwohl sich wenige Institutionen im Lauf der Menschheitsgeschichte kunstvoller bereichert haben, sind Güte und Mitgefühl auch heute noch Ausweis eines gläubigen Lebens. Nicht als wohlfeile Haltung, sondern als etwas, das Gott von uns will. Dazu schreibt Lord Krishna in der Bhagavad Gita: "Wenn ein Mensch auf die Freuden und Leiden anderer Lebewesen so reagiert, als ob sie seine eigenen wären, hat er den höchsten Zustand spiritueller Vereinigung erreicht."
Auch aus christlicher Sicht sind wir alle Gottes Kinder, weshalb wir unsere Nächsten lieben sollen wie uns selbst. Aber weil niemand dieser hehren Forderung gerecht werden kann, entspringen an dieser Stelle Demut, Humor und Selbsterkenntnis. Diese Tugenden sind nicht nur elementare Bestandteile unserer Menschlichkeit, sondern unverzichtbare Kompetenzen für das Zusammenleben in einer Demokratie.
Für mich liegt die Hoffnung, die wir in diesen dunklen Zeiten in der Kirche finden können deshalb nicht nur in universeller und tätiger Nächstenliebe, sondern auch in der Haltung und den gelebten Praktiken ihrer Mitglieder. Also all diejenigen, die sich trotz der langen, grausamen und oft sehr fragwürdigen Geschichte des christlichen Glaubens für dieses alte Haus entschieden haben, es bewohnen und beleben, aufräumen und ausrichten.
Das ist der Geist, den wir alle brauchen, um uns auch wieder und wieder für unser ebenfalls durchaus fragwürdiges demokratisches Staatsmodell einzusetzen. Von der Kirche lernen heißt, überleben lernen. Aber es ist ein Überleben mit Herz. Und so, und nur so, beginnt eine gute gemeinsame Zukunft.


