Irgendwas weglassen muss man ja immer

Die Medien-"Flüchtlingskrise"-Studie ist noch gar nicht ganz verdaut, da kommt schon die nächste Studie, nun zu Berichterstattung über "Eingewanderte und Geflüchtete" als "Angstfiguren". Agieren deutsche Medien plötzlich wieder zu wenig pädagogisch? Außerdem: eine NDR-Webseite, auf der Facebook-Posts verlinkt werden, die zu Götz Kubitschek führen; der Trend zum "Bezahlradio im Internet" und Jan Böhmermann endlich mit Welterfolg. Im Korb: Erdogans Fernsehserienpolitik und die "McDonaldisierung" der Fernsehbilder.

Vermutlich haben viele Medienbeobachter die Studie "Die 'Flüchtlingskrise' in den Medien" noch gar nicht ganz durchgearbeitet. Sie ist, wie gesagt (Altpapier), lesenswert, aber auch ohne das umfangreiche Bonusmaterial 176 Seiten stark.

Und es wurde schon viel drüber berichtet. In der umfangreichen Auswahl "Berichte über und Reaktionen auf die Studie", die tatsächlich nur eine Auswahl darstellt, listet die Otto-Brenner-Stiftung am Dienstagmorgen stolze 20 Links auf, bevor darunter noch weitere Linksammlungen u.a. zur "Rezeptionsgeschichte der Studie" folgen.

Was noch nicht jetzt auch in der Auswahl enthalten ist, aber hinein gehört: Gabriele Hooffackers ausgeruhte Besprechung dieser Studie und einer weiteren (dieser) bei carta.info:

"Nimmt man Formulierungen des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude hinzu, wie sie die Süddeutsche Zeitung wiedergibt ('Manche Passagen darin würde man aus einer ganz anderen politischen Ecke erwarten', so die SZ) könnte man den Eindruck gewinnen: Die bundesdeutschen Medien seien 2015 beim Wort 'Willkommenskultur' kollektiv im pädagogischen Wahn versunken und hätten ihre Nutzer nicht nur nicht angehört, sondern auch noch in die Irre geführt. Doch das ist ein Irrtum. Die Rezeption etwa von Michael Hallers Studie ist ein Lehrstück in medialer Verkürzung und Zuspitzung. Denn die Studie ist klug und lesenswert und liefert eine Menge empirischer Daten ..."

Dann beschreibt und lobt Hooffacker, die selbst ebenfalls Journalismus-Professorin ist, Hallers Empirie-Ansatz. Und äußert in einem Punkt auch methodische Kritik ("Ist die 'Schweigespirale' ein geeigneter Theorieansatz? Man braucht einen normativen Bezugsrahmen, mit dem man empirische Ergebnisse abgleicht, um zu vergleichen ... Die Schweigespirale liefert diesen normativen Ansatz nicht, da sie eine Art Leerstelle beschreibt .... Diese Leerstelle kann fast beliebig ausgefüllt werden"), bevor sie ein trotz allem positives Fazit sowohl der Studie als auch der Medien-Entwicklung seit 2015 zieht:

"In Folge der sogenannten 'Flüchtlingsdebatte' haben alle dazugelernt: Die klassischen Medien haben sich mit den Vorwürfen auseinandergesetzt und wieder begonnen, ihr Publikum ernst zu nehmen. Der Journalismus ist dadurch besser geworden, nicht schlechter. Das Thema 'Filterblase' ist vielen Social-Media-Nutzern bewusst geworden. Die Nutzer haben in weiten Teilen gelernt, Informationen und Meinungen aus Social Media besser einzuordnen und zu überprüfen ..."

Vielleicht konterkariert es das schöne Fazit ein wenig, wie Hoofacker zwischendurch Christian Ude gegen die Berichterstattung der Süddeutschen über sein Buch in Schutz nehmen muss. Als konstruktive Einordnung ausführlicher empirischer Journalismus-Studien in den echtzeit-getriebenen Medienalltag ist Hoofackers Text jedenfalls hoch lesenswert.

[+++] Und da kommt schon die nächste, auch von einem Journalismus-Professor, nun Thomas Hestermann. "Wie deutsche Zeitungen und das Fernsehen über Eingewanderte und Geflüchtete berichten" heißt sie. Die Pressemitteilungs-Überschrift (idw-online.de, Macromedia-Hochschule) lautet:

"Angstfigur versus Willkommenskultur: Medienberichterstattung über Flüchtlinge im Jahr 2017."

"Willkommenskultur war gestern. Mittlerweile berichten deutsche Leitmedien viel häufiger im Kontext von Gewaltdelikten über Flüchtlinge", geht's in im Vorspann weiter. Und die Pressemitteilung des Medienmagazins journalist, in dem am Mittwoch der erste "Bericht zur Studie" erscheinen wird, schärft den Spin noch ein Stückchen mehr:

"Medien haben gewalttätigen Ausländer als Angstfigur neu entdeckt",

lautet hier die Überschrift. [Knapper Exkurs: Der journalist ist die DJV-Mitgliederzeitschrift, die 2016 durch ihren unfriedlichen Verlagswechsel Aufmerksamkeit erregte und befremdlicherweise keinen eigenen Internetauftritt mehr hat, sondern bloß einen Facebook-Account.] Diese Überschrift klingt nun so attraktiv, dass Springers welt.de sie gleich mit übernommen hat.

Hestermann hat also "283 Artikel aus den Monaten Januar bis April 2017 aus Süddeutscher Zeitung, Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Bild und taz ausgewertet", was nicht irre viele Artikel sind (z.B. hatte Haller für seine Studie "weit über 30.000 Zeitungsberichte ... erfasst"), hat aber ein eindeutiges Ergebnis. Die Botschaft macht die Hochschulen-PM bereits schön deutlich: "'Das führt zu einem verzerrten Bild und kann Vorurteile in der Bevölkerung anheizen', macht der Medienwissenschaftler die soziale Brisanz seiner Erkenntnisse deutlich".

Haben die deutschen Medien nach Silvester 2015 eine Kehrtwende vollzogen? Haben Sie, nachdem sie vorher womöglich zu pädogisch agiert hatten, seither zu unpädagogisch und heizen Vorurteile an?

Na ja. Gleich per PM mitgeliefert wird eine Grafik über "Nichtdeutsche mutmaßliche Gewalttäter im Vergleich von Kriminalstatistik und Fernsehberichterstattung", die zwar auch zeigt, dass der Anteil der nichtdeutschen Gewalttäter in der Berichterstattung zwischen 2014 und 2017 stark gestiegen ist, aber mindestens genauso gut, dass der Anteil der nichtdeutschen Gewalttäter in der Kriminalstatistik wesentlich höher ist als in der Berichterstattung. Und in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen ist.

Heißt: Wer zur Bestätigung seines Weltbilds oder des Interesses seiner Leser einen völlig anderen Spin braucht, dürfte in dieser Studie vermutlich ebenfalls fündig werden. Oder nutzt einfach die Grafik. Irgendwas weglassen muss man ja immer, und alle ziehen aus allem neu einlaufenden Material immer das raus, was ihnen am ehesten in den jeweiligen Kram passt. Das machen wir im Altpapier ja auch nicht anders, obwohl es so regelmäßig überlange Texte wie hier nirgends sonst mehr gibt.

[+++] Ideen, was sich dagegen tun lässt? Einfach auf einer Seite in zwei Spalten möglichst konträre Interpretationen einander gegenüberstellen (wie es thebuzzard.org, das eigentlich auch mehr Aufmerksamkeit verdiente, tut)?

Hopsala, eine von NDR-Intendant Lutz Marmor verantwortete Webseite, auf der zu einem Facebook-Post von epochtimes.de verlinkt wird, in dem sich Götz Kubitschek zur "Finis Germania"-Sache äußert?

Jawohl, neu im Internet ist der "Filterzapper (Nachrichten-Filterblasen im Vergleich", dessen Originalschreibweise "FilterZAPPer" schon andeutet, dass er vom NDR-Medienmagazin "Zapp" stammt. Dort werden in zwei Spalten "Alternative Medien" und "Klassische Medien" gegenübergestellt. Das geschieht in fünf Ressorts zwischen "Gesellschaft" und "Gesundheit", von denen eines "Medienkritik" heißt. Zu den "Alternativen" gehören u.a. RT Times und die Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Puristen könnten sich wundern, dass focus.de als klassisches Medium geführt, aber klickenswert ist das Ganze.

Hintergründe lassen sich lesen, wenn Sie auf einer der "Filterzapper"-Seiten aufs unscheinbare "Mehr Infos" links oben klicken. Es geht darum, ähnlich wie es im US-amerikanischen Wahlkampf getan wurde, von Facebook erzeugte Filterblasen/ Echokammern sichtbar zu machen:

"Der Algorithmus von Facebook sorgt dafür, dass Nutzer vor allem Inhalte angezeigt bekommen, die die eigene Meinung bestärken – eine abweichende Weltsicht wird hingegen kaum noch angezeigt. Stimmt das?",

und die Kommunikationswissenschaft ("Natascha Buhl von der Universität Hamburg", "im Rahmen ihres Dissertationsprojektes erforscht sie Medienkritik und politische Ideologie von Gegenöffentlichkeiten im Internet") ist auch wieder an Bord.

Es handelt sich übrigens auch um Bonusmaterial zu zwei Dokus, die die ARD in ihrem "Fake News"-Themenschwerpunkt gestern nacht versendete. Falls Sie Kritiken dazu lesen mögen: Auch daran herrscht kein Mangel (die TAZ und epd medien waren jeweils wenig angetan, die SZ fand's gut).

[+++] Falls Sie statt all des Metaebenen-Stoffs lieber einen konstruktiven Medienseiten-Artikel darüber, wohin die Entwicklung geht, lesen mögen (und überhaupt noch da sind; die durchschnittliche Lesedauer im Altpapier beträgt 1:30 min, und das ist ziemlich hoch in diesem Internet ...), wäre dieser zu empfehlen.

Da geht Benedikt Frank auf der SZ-Medienseite dem Trend zum "Bezahlradio im Internet" nach, durch das kostenpflichtige bzw. optional bezahlbare Streamingdienste wie Spotify und Deezer dem Problem, dass die Musik inzwischen doch überall dieselbe ist, entgehen wollen. Und damit offenbar Erfolg haben:

"Der große Scoop dazu gelang Spotify im Mai vergangenen Jahres. Der Streamingdienst schnappte dem RBB Jan Böhmermann und Olli Schulz mit ihrem dort als 'Sanft & Sorgfältig' gestartetem Talkformat weg und machte daraus 'Fest & Flauschig' bei Spotify. Der Einkauf hat sich gelohnt: 'Fest & Flauschig' sei der weltweit erfolgreichste Podcast des Unternehmens, heißt es bei dem Streamingdienst."

Diesem Erfolg eifert nun immer mehr deutschsprachige Interprominenz zwischen Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier ("unterhalten sich ... bei Deezer über das Fernsehen") und "Moderatorin und Rapperin Visa Vie" ("spricht ... mit Musikern über aktuelle Themen für Erstwähler") nach. Da handelt es sich um ein Projekt namens "Clarify", bei dem Spotify mit "dem öffentlich-rechtlichem Jugendangebot Funk" kooperiert.

Inwieweit gebührenfinanzierte Angebote mit Anbietern wie Spotify kooperieren sollten, die vor allem ihre Nutzer zu zahlenden Kunden machen möchten, wäre gleich wieder eine Frage, über die sich vermutlich auch wieder streiten ließe. Aber das dann ein andermal.

P.S.: Falls für Sie tatsächlich "das gesprochene Wort derzeit das Medium der Stunde" (Frank, SZ) ist: Die noch jüngste von der Brenner-Stiftung verlinkte Reaktion auf Michael Hallers Studie ist in der Hauptsache auch ein Radiobeitrag, vom Leipziger Privatsender detektor.fm, dauert neuneinhalb Minuten und lässt sich anhören bzw. auch als mp3 zum Unterwegs-Hören downloaden.


Altpapierkorb

+++ Medienecho zur offenen Zukunft des Altpapiers, um die es gestern hier ging: Tagesspiegel, dwdl.de, meedia.de. +++

+++ Interessante Themen auch in TAZ: RT Erdogans Medienpolitik, die auch mit historischen Fernsehserien operiert, beleuchtet Hüseyin Topel; und wie der deutschvietnamesische Journalist Trung Khoa Le aus Berlin für vietnamesisches Publikum berichtet und bedroht wird, beschreibt Marina Mai. +++

+++ Torsten Körner hat für den Tagesspiegel seine Forderung, dass die Demokratie neue Bilder braucht (wir hatten hier schon mal seinen Medienkorrespondenz-Artikel verlinkt), weitergedreht und um starke Formulierungen umweitert: "Die konsequente Formatierung von ARD und ZDF, man könnte das auch eine McDonaldisierung der Bilder nennen, sperrt sich gegen eigenwillige Ansätze und Ideen." +++

+++ Was wir statt neuen Bildern haben: jede Menge Trumptainment, dessen Funktion ja auch darin besteht, Raum und Sendeplätze für politische Themen zu verstopfen, um die es sonst gehen könnte. +++

+++ Frank Lübberding ärgert sich auf der FAZ-Medienseite und bei faz.net über bestenfalls dümmliches Getwitter eines ARD-Experten. +++

+++ Am 29. September wird's medienpolitisch spannend am Frankfurter Flughafen, weil dann dort "eine Sondersitzung der Rundfunkkommission auf Ebene der Chefs der Staats- und Senatskanzleien" stattfindet. Es geht um die vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk selber unterbreiteten Reformvorschläge für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (Medienkorrespondenz). +++

+++ Ein Newsroom in Berlin, in dem erst mal für Deutschland, Österreich, die Schweiz, Schweden und Polen und später auch für Länder zwischen Italien und Norwegen ge-news-t wird, hat den Betrieb aufgenommen (horizont.net). "Rund 70 Mitarbeiter bestücken ... die Nachrichtenangebote von Microsoft" in den genannten Regionen und können dafür "auf die Inhalte von über 100 Medien zugreifen". Ein Verb oder so was kommt in dem Artikel nicht vor. Und die Info, dass die r "Content-Marketing-Agentur C3" zu Burda gehört, wär vielleicht auch noch ganz interessant. +++

+++ "Die BBC war allerdings auch schon immer gut darin, sich in geradezu masochistischer Weise selbst zu geißeln, wenn sie bei Fehlern erwischt wurde und das Verhalten doch nicht so tadellos war, wie es der Gebührenzahler von seiner BBC erwarten würde", aber dass Minderheiten und Frauen beim Gehalt benachteiligt wurden, steht eindeutig fest (Christian Link, epd medien). +++

+++ Discovery Communications, der US-amerikanische Konzern, der ja noch auf den deutschen Olympia-Fernsehrechten hockt, "kauft für 14,6 Mrd. Dollar (12,45 Mrd. Euro) den Programmanbieter Scripps Networks Interactive, dessen Sendungen auch bei ProSiebenSat.1 laufen" (Standard).

+++ Das schon genannte "Finis Germania" "steht bei Amazon wie festgenagelt auf Platz 1 der Bestsellerliste", die kein Spiegel-Logo drauf hat, weil ja "zweimal in relativ kurzer Folge ... der Spiegel unbezahlbare Werbung" für das Buch gemacht hat (cicero.de). Christoph Schwennicke möchte daraus dann weiiiitreichende Schlüsse für den Ausgang der Bundestagswahl ziehen. +++

+++ Noch ein Thema der FAZ-Medienseite: Streit in Israel, ob das israelische Al Dschasira-Büro  geschlossen werden soll. Die Regierung will es. Der "General und ehemalige Chef der Nachrichteneinheit '8200', Hanan Gefen", meint, "dass es ein Fehler wäre, das Büro ... zu schließen, auch weil der Sender eine wichtige Verbindung zur arabischen Welt sei. 'Nachdem ich die Sendungen lange verfolgt habe, weiß ich, dass das Publikum von Al Dschazira mit einem ausgewogenen Bild über das, was in Israel passiert, informiert wird'" +++ Und "dass jemand, der nach Deutschland kommt, um hier seinen Hass zu entladen, Attentate zu begehen und Menschen zu töten, wohl schwerlich als 'Schutzsuchender' bezeichnet werden kann, sollte sich eigentlich von selbst verstehen", ärgert sich Michael Hanfeld über das Wording der #barmbek-Berichterstattung (siehe auch AP gestern).  +++

+++ Viele freie Journalisten kennen selbst Honorarerhöhungen höchstens vom Drüberschreiben. In öffentlich-rechtlichen Journalisten-Milieus dagegen spielen Rentensteigerungen eine wichtige Rolle. Ist nun "die Begrenzung der jährlichen Rentensteigerung, die bislang in allen Sendern noch den Gehaltsteigerungen entspricht", gelungen? Das meldete die ARD gestern. Die umfangreichste Analyse der News hat dwdl.de und zitiert u.a. Frank Werneke von ver.di. Einerseits würden die Beitragszahler "finanziell erheblich entlastet". Das heißt, kommende Rundfunkbeitrags-Erhöhungen hätten für Pension-Rücklagen höher ausfallen müssen, wenn es die Einigung nicht gegeben hätten. Andererseits könnte ver.di aber den "kompletten Deal platzen" lassen wollen. +++ Kurt Sagatz vom Tagesspiegel verknüpft die Sache mit dem RBB-Problem der in Berlin und Brandenburg besonders hohen "Befreiungsquote" von der Beitragszahlungspflicht. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.