Wozu denn dann?

Zwei Medien-Probleme, die der #schorndorf-Trend zeigt. Fehlen "Faktenfinder" dort, wo sie gebraucht würden? Und gibt es eigentlich noch diese "Fake-News"? Dazu zwei Auffälligkeiten rund um das Emirat Katar. Außerdem: neue mena-watch.com-Kritik an ARD-/ZDF-Wortwahl; das NetzDG wird international (erst mal im Osten); was uebermedien.de "sehr peinlich" ist (aber der Süddeutschen Zeitung aktuell nur begrenzt hilft).

Anfang des Jahres waren "Fake-News" ein absolutes Topthema, besonders bei entscheidungsbefugten Politikern. Die Spiegel-News, dass das Innenministerium ein "Abwehrzentrum gegen Falschmeldungen" plane, war sozusagen die allererste Medienmeldung von 2017. Viele Medienhäuser, ganz besonders öffentlich-rechtliche Anstalten, gründeten eigens Faktencheck-Abteilungen.

Inzwischen wird der Begriff längst nicht mehr so viel verwendet. Justizminister Maas' NetzDG – das seine ersten ausdrücklichen Nachahmer in Russland finden könnte (Reporter ohne Grenzen) – richtet sich eher gegen "Hate Speech" und überhaupt vieles Schlechte im Internet. Vielleicht hat Donald Trump, mit dem sich hierzulande niemand gemein machen möchte, einfach zu oft "Fake-News" gesagt und -twittert.

Gibt's überhaupt sie noch? Aber hallo, schreibt zumindest die FAZ in ihrem Politikressort unter Berufung auf die Washington Post. Da geht es um die schwere Krise zwischen dem mal Qatar, mal Katar buchstabierten Emirat und seinen Nachbarstaaten, darunter Saudi-Arabien. Die WP

"berichtet unter Berufung auf amerikanische Geheimdienstquellen, dass mutmaßlich die Vereinigten Arabischen Emirate die Falschmeldung mit der umstrittenen Äußerung plaziert haben sollen. Demnach haben Mitglieder der Regierung der Emirate am 23. Mai ein Hacken der Webseite der qatarischen Nachrichtenagentur diskutiert. Dort erschien dann am folgenden Tag die Meldung, von der Qatar von Beginn an gesagt hat, es handle sich um eine Falschmeldung."

Bei der "umstrittenen Äußerung" geht es um ausdrückliche Unterstützung der palästinensischen Hamas-Terroristen und des Irans. Lesenswert ist Rainer Hermanns Bericht auch, weil es überdies um "eine Meldung, die die Nachrichtenagentur Reuters zunächst verbreitet, dann aber wieder zurückgezogen hat", und um weitere internationale Gemengelagen geht:

"Die Vereinigten Arabischen Emirate gehören in den Vereinigten Staaten zu den größten Lobbyisten, sie bezahlen dafür beispielsweise das Beratungsunternehmen Camstoll, das frühere ranghohe Mitarbeiter der amerikanischen Regierung beschäftigt. Das Unternehmen habe Kontakt zu amerikanischen Journalisten aufgenommen, die in der Folge kritische Artikel über Qatar geschrieben hätten, berichtet die 'New York Times'"

Online findet sich in der NYT dazu nur ein Bericht von 2014. Doch vermutlich dürfen und sollen Lobbyisten langfristiger denken als Echtzeit-getriebene Journalisten.

[+++] Ins Inland, in die deutsche Provinz, die immer gern mit Fachwerkhaus-Fotos bebildert wird.

Gestern wurden Nutzer des Netzwerks Twitters (dem sich auch uneingeloggt folgen lässt) mit den Trends #themar und #schorndorf konfrontiert. Beim Thema Themar ging es um das Rechtsrock-Konzert in einer thüringischen Ortschaft, das in der Medienberichterstattung recht breit vertreten war, bei Schorndorf um "Krawall in der schwäbischen Provinz" (TAZ) bzw. "Randale bei Stadtfest" (FAZ). Wer weiter nach unten scrollt, sieht dann jeweils auch, dass "junge Männer mit Migrationshintergrund" (FAZ) dabei offenbar eine recht wesentliche Rolle spielten.

Wie sehr die Journalisten und die, die sie zitieren, jedes Wort auf die Goldwaage legten, um keineswegs Menschen in die Hände zu spielen, die die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisch sehen, zeigt am besten der gewundene sueddeutsche.de-Bericht, der kurz nach Mitternacht online ging und nun unten im "Panorama"-Ressort (sowie ähnlich heute in der gedruckten Zeitung) steht:

"... Polizeipräsident Eisele räumte ein, dass die Lage teilweise außer Kontrolle war und die Beamten sich kurzzeitig zurückziehen und neu aufstellen mussten. In der rund tausendköpfigen Menge hätten sich 'viele Menschen mit Migrationshintergrund, aber nicht nur' befunden, sagt Eisele. Der Anteil von Migranten sei nicht überdurchschnittlich gewesen. Andererseits hatten die eingesetzten Polizisten, wie zu hören ist, den Eindruck, auch von Migranten angegriffen worden zu sein. Deshalb der Vermerk im Polizeibericht. Über die Identität der Täter wurde bislang nichts bekannt ...."

Wenn privatwirtschaftliche Medien so berichten, ist das natürlich in Ordnung. Sie haben das Recht, Ereignisse aus der Perspektive zu betrachten, die ihrer politischen Haltung entspricht, und merken ja längst schnell, wenn ihre Leser sie für wenig glaubwürdig halten sollten. Springers welt.de zum Beispiel hatte das Thema Schorndorf gestern nachmittags ganz oben auf der Startseite platziert und benutzt, um das "Kontrollverlust"-Narrativ weiterzutreiben. Wer der SZ beim Thema Kriminalität nicht besonders vertraut, kann ja dorthin klicken.

Das eine Problem besteht jedoch in der Echtzeit-Ära, in der #schorndorf mindestens seit 48 Stunden trendet. Wer nicht in Württemberg wohnt und z.B. gestern morgen etwas darüber wissen wollte, einfach weil der Begriff ihm an prominenter Stelle angezeigt wurde, stieß nur auf die zirkulierenden Tweets (in denen die Worte natürlich weniger abgewägt wurden; Beispiele zitiert der o.g. TAZ-Text)  – und musste in den klassischen Medien lange suchen, um knappe Agenturmeldungen zu entdecken. Schneller mit einem längeren Text am Start war etwa Wolfram Weimers theeuropean.de. "Schorndorf erlebt seine Kölner Silvesternacht" heißt dieser Text.

Das andere Problem besteht darin, dass außer den privatwirtschaftlichen Medien auch öffentlich-rechtliche im Internet sehr ähnlich agieren. Das Portal tagesschau.de hatte zum Thema Schorndorf gestern zunächst ausschließlich Beiträge der lokal zuständigen ARD-Anstalt SWR verlinkt, bis im Lauf des Tages eigene Meldungen entstanden. Womöglich wären es ausführlichere gewesen, wenn die "Tagesthemen" nicht (Frauen-)Fußball-bedingt besonders kurz hätten sein müssen. Doch wenn die ARD-"Facktenchecker"-Einheit faktenfinder.tagesschau.de in diesem Jahr nicht gegründet wurde, um in genau solchen Situationen zügig zuverlässige Informationen zu aktuell kursierenden Schlagworten zur Verfügung zu stellen –  gerne nach dem eingespielten, stündlich aktualisierbaren Was-wir-wissen/ Was-wir-nicht-wissen-Muster –, wozu denn dann? Und die hauseigenen SWR-Beiträge hätten den "Faktenfindern" ja auch zur Verfügung gestanden ...

[+++] Um fair zu bleiben: Lesenswerte Artikel liefert das "Faktenfinder"-Portal durchaus; gestern erst war hier einer als ein Artikel des Tages verlinkt. Und inzwischen gibt's einen interessanten neuen, in dem Falah Elias und Demian von Osten den Bogen vom G20 zu Katar schlagen ("Ein ägyptischer Geschäftsmann hat offenbar Flüchtlinge bezahlt, um beim G20-Gipfel gegen Katar zu demonstrieren"). Solch ein Investigativjournalismus, der hier auf Berichten arabischsprachiger Medien basiert, ist zweifellos relevant.

Bloß mit dem Überprüfen von in Deutschland zirkulierenden Fakten (oder eben Nicht-Fakten), von dessen Notwendigkeit Anfang des Jahres alle überzeugt waren, hat er wenig zu tun.

[+++] Dass die Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auch dann, wenn sie Texte fürs Internet verfassen, alle Worte abwägen, ist klar. Oft geht es gut. Ob sie sie richtig wiegen, ist aber von mehreren Seiten umstritten. Aktuell auch wieder von mena-watch.com.

Dabei handelt es sich um den österreichischen Blog, der Fernsehdokus der Öffentlich-Rechtlichen, nämlich des WDR und Arte, in diesem Jahr schon zweimal mit allerhand Wirkung unter Antisemitismus-Aspekten attackierte (Altpapier, Altpapier). Nun geht es um jüngere Meldungen und besonders Überschriften zu Terror in Israel sowie um "systematische Asymmetrie", die der Blog (mit Bezug auf Anatol Stefanowitsch) beklagt:

"Auf tagesschau.de lautet die Headline einer frühen Meldung zu den Ereignissen am Freitag: 'Polizei erschießt Angreifer am Tempelberg'. Eine spätere Nachricht ist mit 'Tote bei Schießerei auf Tempelberg' überschrieben. Im erstgenannten Fall bleibt offen, wer die Angreifer sind, wen sie angegriffen haben und welche tödlichen Folgen ihr Angriff hatte. Als handelndes, Menschenleben forderndes Subjekt mit Nachrichtenwert erscheinen hier ausschließlich die israelischen Polizisten. Im anderen Fall verschwimmen Täter und Opfer zu 'Toten' einer 'Schießerei' – so, als handelte es sich um rivalisierende, wild herumballernde Banden und als wären Angreifer und Angegriffene nicht eindeutig zu benennen. Auch beim Deutschlandfunk gibt es lediglich 'mehrere Opfer' bei einer 'Schießerei am Tempelberg'.

Das ZDF verwendet auf Twitter ebenfalls das unzutreffende, äquidistante Wort 'Schießerei' und konterkariert damit seine zuvor getroffene Feststellung, dass es ein Attentat gab (auf wen, bleibt wiederum im Dunkeln). Dass drei Angreifer getötet wurden, findet vorrangige Erwähnung, erst danach heißt es: 'Auch zwei Polizisten starben.' ...'

Im Original sind die jeweiligen Meldungen verlinkt.

[+++] Was macht eigentlich blog.tagesschau.de, der sympathische Auseinandersetzung-mit-Kritik-Blog von "ARD aktuell"?

Sommerferien, seitdem Jörg Schönenborn vor gut zwei Monaten den Beitrag "Machtwechsel in NRW" gepostet hat. Womöglich muss sich Schönenborn, der als WDR-Fernsehdirektor ja einiges mit der nordrhein-westfälischen Regierung zu tun hat, erst mal mit der neuen vertraut machen.

Wer dabei hülfe: die Medienkorrespondenz. Alles, was Medienbeobachter über den überraschend berufenen (Altpapier) und in dieser neuen Funktion vor allem als Mit-Eigentümer der Funke-Mediengruppe umstrittenen neuen Düsseldorfer Medienminister Stephan Holthoff-Pförtner wissen sollten, hat Volker Nünning dort aufgeschrieben.


Altpapierkorb

+++ "Er ist uns sehr peinlich, und wir möchten die Zeitung und unsere Leser um Entschuldigung bitten", hat uebermedien.de vermutlich noch nie geschrieben. Aber jetzt, wegen des (auch in diesem Altpapier, im Korb oben erwähnten) Oliver-Gehrs-Beitrags über eine "Türkei-Beilage" bzw. -"Propagandanummer". Die Beilage war offenbar aus einer anderen Zeitung herausgefallen: nicht aus der Süddeutschen Zeitung, der sie gar nicht beigelegen hatte, sondern aus der FAZ oder der Zeit. +++

+++ Das jüngste Gebaren der Süddeutschen angesichts türkischer Werbewünsche (AP gestern), stößt weiterhin auf Kritik: "Deutsche Tageszeitungen müssten immer wieder über politische Anzeigen entscheiden, sagte [Volker] Lilienthal im Gespräch mit @mediasres. Der Fall der Süddeutschen Zeitung nun sei ein 'extremer': Die Vorfälle des gescheiterten Putsches vom 15. Juli 2016 würden in der Anzeige beschönigt und seine Folgen verschwiegen. Die Redaktion der SZ dagegen habe seit damals regelmäßig darüber berichtet. Die Anzeige konterkariere dies nun und erzeuge einen 'schrägen Eindruck', und dies müsse sich nun die Redaktion vorhalten lassen." (DLFs "@mediasres"). +++ Aber nicht nur auf Kritik. "Während wir uns hier über eine Anzeige in der SZ empören, brachte der Guardian einen Gastkommentar des türkischen Staatspräsidenten. Deshalb besser: Anzeigen der Lobbyorganisationen abdrucken. Knapp 86.000 Euro kostet eine Anzeige in der Wochenendausgabe der SZ. Wunderbar, wenn davon Redakteur*innen und Reporter*innen bezahlt werden, die weiter unabhängig über die Türkei berichten", findet taz.gazete-Redakteurin Ebru Tasdemir in der TAZ. +++

+++ FAZ-Wirtschaftsressort exklusiv: ARD und ZDF verhandeln doch wieder über Fernseh-Liveberichterstattung von den nächsten Olympischen Spielen. +++ In der Heimat des Rechtebesitzers Discovery ist der neue Kabelkanal "Olympic Channel: Home of Team USA" gestartet, der "auf alles verzichtet, was den durchtrainierten Körpern von Profisportlern ihre heldenhafte Überhöhung nehmen könnte: Doping, Bestechung, Vergabe der Olympischen Spiele an autoritäre Staaten - und all die hässlichen Diskussionen darum" (Süddeutsche). +++

+++ Noch mal "@mediasres": Dort ging's auch um die gestern hier im Korb erwähnte Frage, ob Mitarbeiter der Kieler Nachrichten überwacht wurden. Arbeitete der entdeckte Peilsender auf einer Frequenz für den Flugverkehr? Lesen/ hören Sie, was Christian Wolf vom NDR Kiel (ebenfalls gestern wohl hier erwähnt) dazu sagt. Außerdem reagierte Schleswig Holsteins Polizei via Twitter:

+++ "Könnten 'die Medien' bitte aufhören, ständig über Tweets von Donald Trump zu berichten? Und im Ton der Empörung vor Trumps 'Krieg gegen die Medien' zu warnen?" (Konrad Ege, epd medien). +++

+++ Hier nebenan zeigt sich evangelisch.de-Portalleiter Hanno Terbuyken als Kenner der RTL 2-Castingshow "Curvy Supermodel". +++

+++ Berliner Netflix-Kunden, die nicht aus dem Fenster schauen mögen, können ihrer Stadt nun auch "als heimliche Hauptdarstellerin" einer neuen US-amerikanischen Serie mit "exotischem 'Euro flavor'" sehen (Tagesspiegel). +++ 

+++ "Servicepool" heißt die Anzeigeninnendienst-Abteilung, die die Madsack-Mediengruppe jetzt aus Hannover wegverlegen und stark verkleinern möchte (meedia.de). +++

+++ Die neue Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin heißt "Die Erfindung der Pressefotografie", "nimmt den Mund damit aber zu voll", findet Willi Winkler in der SZ. Die Geschichte der "ersten deutschen Boulevardzeitung", die stattdessen erzählt werde, und wie diese BIZ "es, heute unvorstellbar, schließlich zu einer Auflage von zwei Millionen brachte", sei aber auch interessant. Wer die ausgestellten Fotos zur Verfügung stellte: die Axel Springer Syndication GmbH. +++ Regina Mönch im FAZ-Feuilleton: "Das Ullstein-Archiv, ohnehin ein unglaublicher Schatz, bewahrt nicht nur das Bildgedächtnis mehrerer historischer Epochen, ihrer Kriege und Katastrophen, sondern genauso Dokumente der Moderne und hier vor allem die faszinierenden, weitgehend unbekannten Bildzeugnisse der künstlerischen Avantgarde der Weimarer Republik. Der Bruch von 1933 an, als dieser wohl erfolgreichste Pressekonzern enteignet und als 'Deutscher Verlag' weitergeführt wurde, ist augenfällig ..." +++

+++ Und auf der FAZ-Medienseite geht's um die Geoblocking/ Filmrechte-Frage ("Und daran, dass die Fernsehanstalten nicht alle Lizenzen zum Preis von einer haben möchten, glaubt keiner in der Branche. Dafür ist die Abhängigkeit der Produzenten von den Öffentlich-Rechtlichen zu groß"). +++ Vor allem malt Jürg Altwegg ein feines Sittengemälde der französischen Medienlandschaft (" ... Die andauernde Hochspannung und die Wahl habe sie 'an den Rand des Burn-outs' geführt. Formuliert hat diese Einschätzung Elisabeth Martichoux vom Sender RTL, geteilt wird sie von der ganzen Branche.  Journalisten wurden im Internet beschimpft, von Ordnungskräften drangsaliert, vom Publikum ausgebuht. Reporter erzählen, sie seien bespuckt worden. Kaum Schelte gab es nur von Macon – ansonsten kritisierten alle Kandidaten die Medienschaffenden als Propagandisten des Systems, gegen das sie angetreten waren ..."), das nach allerhand Wendungen einen einstweilen versöhnlichen Ausgang nimmt: "Heilsam ist für beide Seiten die Distanz, die Macron zwischen der Macht und den Medien schaffen will. Die Journalisten sind gezwungen, ihre Rolle neu zu bestimmen. Ihre Glaubwürdigkeit kann davon nur profitieren" (45 Cent bei Blendle). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.