Lebensspannenübergreifendes Zusammengehörigkeitsgefühl

Wieder da: die Netzneutralitäts-Frage (nun mit Hilfe des ZDF). Geht jetzt auch: New York Times-Leser erreichen, ganz ohne die New York Times dafür zu bezahlen. Auch mal wieder in der Kritik: Microsoft. Außerdem: welcher Bundesligaverein-Sponsor jetzt auch in Investigativjournalismus investiert; "Nachrichtenflut" seit 50 Jahren; die "neue Entwicklung der Bewegtbilder" im Wechselspiel zwischen Fernsehen und Internet.

Lob für deutsche Unternehmen (oder Anstalten) für ihren Umgang mit dem Internet begegnet einem auch in der Informationsflut eher selten. Hier aber mal: "Der kühne Daten-Deal der Telekom" hieß es kürzlich bei handelsblatt.com. Da ging es vor allem um die Chance für Mobilfunk-Kunden des Unternehmens, künftig

"Videos bis zum Abwinken [zu] schauen",

zumindest Videos bestimmter Partner wie "Apple Music, Amazon, Netflix und Youtube" und einiger weiterer. Natürlich hat die nicht direkt wirtschaftsferne Redaktion [für die auch ich manchmal schreibe] die Idee dann auch problematisiert:

"Die Telekom hat bereits vor zwei Jahren kostenloses Musikstreaming angeboten und das Produkt dann im Sommer 2016 eingestampft. Es gab Zweifel, ob das Angebot nicht gegen die Netzneutralität verstößt. Demnach müssen alle Inhalte im Netz gleich behandelt werden. Die Telekom ist nun zuversichtlich, dass sie bei 'Stream on' auf der sicheren Seite ist. 'Wir bieten allen Interessenten die gleiche Möglichkeit mit uns kostenlos zusammenzuarbeiten', erklärt [Manager Michael] Hagspihl dem Handelsblatt".

Was die Sache nun unmittelbar medial interessant macht: Von Seiten eines der weiteren Telekom-Partner wird die Idee nun doch für "eine klare Verletzung der Netzneutralität" gehalten,

"weil hier zwischen Inhalten unterschiedlicher Anbieter auf Grund von für die Kundinnen und Kunden nicht nachvollziehbaren Vereinbarungen diskriminiert wird."

Da handelt es sich um einen Vertreter des ZDF, allerdings keinen Manager der Anstalt, sondern ein Mitglied ihres Fernsehrats. In der jüngsten Folge seiner netzpolitik.org-Serie "Neues aus dem Fernsehrat" schildert Leonhard Dobusch unter anderem, wie er in diesem Gremium, dessen Funktion zumeist ja im freundlichen Abnicken der Tagesordnungspunkte besteht, den Deal mit der Telekom weiterproblematisierte. Die Tatsache, dass einer seiner Fernsehrats-Kollegen der "Leiter der Abteilung Politik und Regulierung der Deutschen Telekom AG" ist, problematisiert er dann u.a. ebenfalls noch.

Generell ist auch dieser Fragenkomplex ... ähm ... komplex. Sollten Inhalte öffentlich-rechtlicher Anbieter, die die deutsche Allgemeinheit bezahlt hat, in Deutschland nicht immer so gut und schnell verfügbar sein wie die Inhalte global agierender Konzerne? Wenn ja, wie steht es dann aber mit Inhalten der privaten deutschen Konkurrenz, die ja ohnehin oft (und nicht immer zu Unrecht) über die Vorteile der gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen schimpft? Um genau so etwas geht es bei Netzneutralitäts-Fragen. Von dieser dürfte man noch hören – muss aber berücksichtigen, dass die Telekom Antwort auf die Frage "Sie sind Anbieter von Audio- oder Video-Streaming-Diensten und möchten Partner bei StreamOn werden?" bereits parat hält ...

[+++] Falls Sie Blut geleckt und Lust bekommen haben, noch mehr über komplexe Geschäfte mit Internet-Inhalten, an denen nicht allen an der Inhalte-Herstellung Beteiligten in gleichem Ausmaß beteiligt werden, zu lesen: Eine kleine Umschau über aktuelle Entwicklungen hat Torsten Kleinz für heise.de erstellt. U.a. geht's um den "erbarmungslosen Unterbietungs-Wettbewerb" in der "werbetreibenden Industrie":

"So können Werber ihre Zielgruppe nicht mehr nur nach elementaren Daten wie Alter, Geschlecht, vermutetem Einkommen und Interessen bestimmen – sie können mittlerweile auch die Leser der New York Times adressieren, ohne jedoch die Zeitung selbst für die Werbeplätze zu bezahlen. Dazu schalten sie einfach ihre Werbeplätze auf anderen Websites und spielen die Werbung aus, wenn ein Leser der New York Times vorbeikommt."

Dazu müssen zwar die Dienstleister bezahlt werden, die die entsprechenden "Super-Cookies" bereitstellen, aber immerhin nicht mehr die NYT. Außerdem geht es natürlich um Google, das seine Probleme mit Youtube-Werbung in extremistisch-islamistischen Werbeumfeld bereits gelöst zu haben scheint.

[+++] Falls Sie es ungerecht finden, wenn hier oft auf kalifornischen Konzernen rumgehackt wird, die im Gegenzug für ihre gigantischen Profite den Nutzern ja auch viel Gutes tun: Auf einem Konzern aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Washington sollte auch wieder mehr rumgehackt werden.

Das ist Thema der ersten großen Recherche des zweitjüngsten Investigativteams im deutschsprachigen Raum, die gerade im Tagesspiegel erscheint (Gratis-Zusammenfassung im Tsp.; 45 Cent teure Vollversion bei Blendle; Gratis-Zusammenfassung bei golem.de). Es geht um "Europas fatale Abhängigkeit von Microsoft" als dem Hersteller des Betriebssystems Windows sowie der  "Büroprogramme Word, Excel, Powerpoint und Outlook".

Das Investigativteam heißt "Investigate Europe" und besteht aus "nine experienced journalists from France, Germany, Greece, Italy, Norway, Poland, Portugal and Romania." Geschrieben haben den Artikel allerdings zwei Deutsche, der immer enorm engagierte Tagesspiegel-Reporter und IE-Gründer Harald Schumann sowie Elisa Simantke.

Die beiden berichten über "Inseln im Microsoft-Ozean", die mit Open-Source-Software zu arbeiten versuchen, aber "immer wieder unter Anpassungsdruck" geraten, zwischen der portugiesischen Stadt Vieira do Minho, der polnischen Jaworzno und München. Das heißt, Ansatzpunkt ist der halbwegs geläufige (wiederum golem.de) Software-Streit in der dortigen Stadtverwaltung:

"Dort ist der SPD-Oberbürgermeister auf die Stimmen der CSU angewiesen. Die Christenunion aber ist dem US-Konzern eng verbunden. Dafür steht etwa Dorothee Belz, die Microsoft Europe bis 2015 als Vizepräsidentin diente und Mitglied im Präsidium des Wirtschaftsrates der Union ist",

schreiben Schumann/ Simantke. Gerade bei Themen wie der "Software-Kolonie Europa" erscheint ein europäisches Team sinnvoll. Es wurde aus allerhand Quellen unterstützt:

"von der Hans-Böckler-Stiftung, der Stiftung Fritt Ord, der Stiftung Hübner & Kennedy, der Rudolf Augstein Stiftung, der Open Society Initiative for Europe und Karde-Marie Wirtz. Das Team kooperiert mit den NGOs Journalismfund und N-Ost",

heißt's unter der Vollversion.

Falls Sie sich  fragen, welches das jüngste Investigativteam im deutschsprachigen Raum ist: "Wie die österreichische 'Kleine Zeitung' berichtet, soll [Red-Bull-Eigentümer, also auch Bundesligaverein-Sponsor Dietrich] Mateschitzs Privatstiftung namens Quo Vadis Veritas (Wo gehst du hin, Wahrheit?) eine multimediale, 'öffentlich zugängliche Rechercheplattform' finanzieren", meldet die SZ auf ihrer Medienseite. "Im 'Standard' hieß es weiter, die Stiftung sei erst im März gegründet worden; das Projekt solle Informationen liefern, aber keine Meinungen ausbreiten." Hier ginge es zum kleinezeitung.at- bzw. Standard-Artikel.

[+++] Wo bleibt das Positive? Beim Spiegel! Zumindest scheint dort geradezu lebensspannenübergreifendes Zusammengehörigkeitsgefühl zu herrschen.

"Wir SPIEGEL-Menschen kennen seit Langem ...",

ja,

"uns SPIEGEL-Menschen ist mit dem Namen Adenauer seit 1962 eben auch die SPIEGEL-Affäre verbunden, also Adenauers bitterböse Verleumdung ('ein Abgrund von Landesverrat') unserer Vorgänger und Kollegen",

schrieb Klaus Brinkbäumer, Jahrgang 1967, beim Anteasern der aktuellen Druck-Ausgabe mit seiner Konrad-Adenauer-Titelstory im samstäglichen Morgen-Newsletter. Welche Medienmenschen sonst arbeiten bei einem Unternehmen (oder einer Anstalt), mit deren Leistungen selbst lange vor ihrer individuellen Geburt sie sich so heiter-zwanglos identifizieren können?

Falls Sie die Adenauer-Titelstory ("Geheimakten zeigen einen autoritären Politiker, der seinen SPD-Konkurrenten Willy Brandt bespitzeln ließ und sein Volk verachtete") entgeltlich online lesen wollen: hier.

Frei online hat SPON dazu aus seinem gewaltigen Archiv das "letzte Augstein-Gespräch mit Konrad Adenauer", das unmittelbar vor dem Tod des Altkanzlers, ebenfalls im Jahr 1967, erschien, frisch gemacht. Es liest sich für Medienmenschen tatsächlich nett:

"Adenauer: 'Die 'Kölnische Rundschau' kann man auch nicht lesen (kurzes Sinnieren). Daß der Mensch heute so schnell von einem Ort zum anderen reisen kann, daß er so viele Eindrücke hat, das kann die Menschheit auf die Dauer nicht aushalten. Ich bin da skeptisch. Ich weiß nicht, ob das noch lange so weiter geht. Eine schreckliche Welt.

Augstein: Die Nachrichtenflut, der jeder Mensch heute ausgesetzt ist, kann er kaum verdauen. Aber vielleicht nimmt er nur auf, was ihn nicht irritiert?"

[+++] Der Augstein, der da sinnierte, war natürlich Rudolf. Jakob Augstein wurde später im immer noch selben Jahr geboren, aber ja nur als Rudolfs rechtlicher Sohn. Gerade legte die FAZ noch einmal nach im in der vergangenen Woche (Altpapier) begonnenen Freien/ Freitag-Streit.

Konkret rollt Andreas Rossmann die Namensnennungs-Frage weiter auf – also den strittigen Punkt, wie riskant es war, dass die freie Journalistin Petra Reski in ihrem Freitag-Artikel den Namen eines Klägers genannt hatte, weshalb die Zeitung ihren Artikel später löschte. Rossmann tritt Äußerungen, die Augstein (unter cleverem Verwenden des Trendbegriffs "Fake-News") im Deutschlandfunk getan hatte, entgegen und schreibt, dass "der beanstandete Name in der Presse zuvor schon mehrmals genannt worden war", etwa in der TAZ und vom EPD. Auf die FAZ dürfe sich Augstein dagegen nicht berufen, da diese über den bewussten Fall überhaupt nicht berichtet und daher keinen Namen genannt habe.

"Könnte es sein, dass sich Augstein taktisch verhält und, flexibel und gewieft, im seriösen Sender anders auftritt als in den sozialen Medien? Auch im DLF hat er die 'sehr, sehr geschätzte' Autorin in einer Weise diskreditiert, die die Frage aufwirft, ob das sein Stil und die Form der Auseinandersetzung sein kann",

bittet die FAZ schließlich um Weiterführen der Auseinandersetzung. Und das Augstein-Foto, das faz.net zum Illustrieren des Artikels fand, illustriert das sehr schön.


Altpapierkorb

+++ Wo bleibt das Positive (II)? In der deutschen Medienlandschaft selbst. "According to a recent study by the University of Würzburg, which tracked more than 15 years of public opinions on the press, 55.7 percent of all Germans trusted the press last year. The researchers suggest that the contentious and sometimes dangerous atmosphere journalists face when covering right-wing protests has not translated into growing media skepticism overall. In fact, the opposite might be the case", berichtete die Washington Post unter der Überschrift "Germany's right wing attacked the media. Now Germans trust the press more than ever." Achten Sie auch auf das ebenfalls eindrucksvolle Symbolfoto. Die Studie der Uni Würzburg ist eine von "Medienvertrauensfachmann"  (Altpapier 2016) Kim Otto. Dass Medienvertrauen derzeit verdammt oft gemessen wird, wissen AP-Leser ja. +++

+++ Auf der SZ-Medienseite geht's um Fernsehprogrammzeitschriften, die zwar auch Auflage verlieren, aber generell "sieben der zehn meistgekauften Zeitschriften" stellen. Der Artikel ist okay informiert, weiß z.B., dass im Spiegel-Verlag gerade an einer Programmzeitschrift getüftelt wird, und liest sich nett ... so lala ... bloß hätte, wenn nicht dem Autor, dann irgendjemandem aus der Redaktion, auffallen können bis müssen, dass Springer all seine Zeitschriften 2014 unter recht großem Medien-Hallo an die Funkes verkauft hatte und Christian Hellmann daher nicht mehr "Gesamt-Chefredakteur der Programmzeitschriften der Axel Springer AG" ist ... +++

+++ Wo bleibt das Positive (III)? Im Wechselspiel zwischen Fernsehen und Internet! Kaum wurden Klaas Heufer-Umlauf und sein Sidekick Joko von Frank Elstner im Fernsehen in bemerkenswert großen Worten ("Und ihr werdet eine ganz große Rolle spielen in der neuen Entwicklung der Bewegtbilder ...") gelobt und äußerte Heufer-Umlauf den Wunsch, er hätte "gerne, dass irgendjemand jetzt vielleicht mal vorm Fernseher mitschreibt, mir das Ganze zusendet, dass ich das beim nächsten Gespräch mit irgendwie Fernsehverantwortlichen mal einfach zeigen kann", schon erfüllte medienkorrespondenz.de ihm den Wunsch. Klaas muss es nur ausdrucken (oder die Medienkorrespondenz abonnieren). +++

+++ Die nun bei Vox zelebrierte Fernsehübertragung zum deutschen Musikpreis Echo war einschaltenquotenmäßig kein Brüller (dwdl.de). +++ "Montag ist, wenn sich Unterhaltungs-Deutschland ein weiteres Wochenende durch die Zeitläufte gebiedermeiert hat. Kein anderes Land der zivilisierten Welt hängt in Humorfragen so durch, auch Amerika nicht ..." (Cornelius Pollmer im selben Zusammenhang sowie dem eines heftigen Jan-Böhmermann-Lobs auf der SZ-Meinungsseite; kostenpflichtig). +++

+++ "Vierzehneinhalb Millionen Menschen können nicht irren, sollte man meinen. So viele Zuschauer hatte der Tatort am vergangenen Sonntag, 'Rekord!', röhrte es aus allen Mediendiensten. Das Tröstliche an dieser Zahl ist aber, dass ungefähr 65 Millionen Deutsche das große Glück hatten, diesen Krimi nicht gesehen zu haben ...", hob am Samstag auf der SZ-Medienseite Ralf Wiegand an, um seinen Überdruss an der "durchs öffentlich-rechtliche Land schwappende Welle an sogenannten Kriminalfilmen" in schön zu lesender Form ("Zum 'Ostfriesenkiller' gibt es übrigens eine schlechte und eine ganz schlechte Nachricht. Die schlechte: Das ZDF verfilmt noch zwei weitere Bücher des Autors Klaus-Peter Wolf, Ostfriesenblut und Ostfriesenangst. Die ganz schlechte: Insgesamt gibt es davon elf Bücher") zu äußern. Dieser Artikel kostet ebenfalls; siehe sozusagen auch die Spezial-Altpapiere von Ende 2013). +++

+++ Über den Deutschland-Start von unzensuriert.de berichtete dann auch noch die TAZ. +++

+++ "Noch immer läuft beim neuen Antennenfernsehen nicht alles rund": Kurt Sagatz blieb für den Tagesspiegel beim Umschalten dran. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.