Brutal in Berlin

Brutal in Berlin
Heute mit drastischen Höhepunkten aus dem neuen BND-Gesetz (Abhörgrund: "sonstige Erkenntnisse"). Der krassestformulierte Artikel über die laufende (Tages-) Zeitungskrise steht in einer alt-ehrwürdigen Wochenzeitung. Neues von der alt-ehrwürdigen "Tagesschau", von EU-Kommissar Günther Oettinger sowie aus den "hyperkonvergenten Kommunikationszentralen". Außerdem: War "das sogenannte Eventfernsehen" tot? Ist es wieder da?

Die amtierende Bundesregierung hat schon lange nicht mehr entschlossen und unbekümmert um die aktuelle öffentliche Meinung ein visionäres Gesetz verabschiedet, weil sie irgendetwas für wichtig für die Zukunft hielt? Sondern fast immer nur solche Gesetze, die ihre Mitglieder in den nächsten Meinungsumfragen wieder etwas besser dastehen lassen sollten?

Das ändert sich jetzt. Am Freitag wird sie ein Gesetz verabschieden, das niemand gut findet, der sich damit befasst hat. Allerdings laufen die Berichte derer, die sich mit dem neuen BND-Gesetz befasst haben, irgendwo unten auf den Start- oder hinten auf den Zeitungsseiten.

Ob die performative Protestaktion heute nachmittag ("Vor dem Brandenburger Tor stehen Protestierende mit Schildern, die sie z.B. als 'Whistleblower', 'Aktivistin' oder 'Journalist' ausweisen. Ihr Mund ist mit Klebeband zugeklebt ...") daran etwas ändern wird?

Wie es sich für eine pluralistische Medienlandschaft gehört, zeugen auch die aktuellen Berichte von schöner, freilich verwirrender Vielfalt. Während netzpolitik.org "die fünf drastischsten Punkte" des BND-Gesetzes noch mal zusammengefasst (vielleicht am drastischsten: "sonstige Erkenntnisse" als Abhörgrund) und visuell aufbereitet und Constanze Kurz in ihrem Kommentar ebd. hübsche Hommagen an die gedruckte Presse und Zeitungsleser versteckt hat, erweckt Sascha Lobo luzide wie eh und je den Eindruck, schon zweidreiviertel Ecken weiter gedacht zu haben. In seiner SPON-Kolumne voller dialektischer Konjunktive ("Das BND-Gesetz ist ein grandioses 'recipe for desaster', was grauenvollerweise die letzte Chance für die Einsicht in die Reformnotwendigkeit sein könnte") bezeichnet er sich als "begeisterter! - Fan" des neuen Gesetzes. Verschlimmerungen als notwendige Voraussetzungen für Verbesserungen zu betrachten, ist zumindest ein bewährtes Mittel, sich vieles schön denken zu können.

Vielleicht hat sich Regierung auch einfach gedacht, dass in der Nische, in der gegen das BND-Gesetz protestiert wird, ohnehin kaum jemand die AfD wählen würde ...

[+++] Hilft es, politische Parteien, die womöglich rechtspopulistisch sind, auch dann noch generell mit dem ohnehin diffusen Adjektiv zu bezeichnen, wenn jeder, der sich überhaupt für politische Parteien des Inlands interessiert, das schon aberdutzende Male gehört hat?

Kommt, wie immer, drauf an. Jedenfalls hilft es dabei, gerne reklamierte eigene Ansprüche wie z.B. die, unvoreingenommen zu berichten und zwischen Nachricht und Meinung zu trennen, auch dort selbst zu unterminieren, wo es völlig unnötig ist. Das hat nun auch die Chefetage der ARD-"Tagesschau" erkannt.

Wo Kai Gniffke das erstmals formuliert hat: auf dem Evangelischen Medienkongress letzte Woche in Hamburg. Im Bericht hier nebenan hieß es unter der Zwischenüberschrift "Keine abwertenden Begriffe verwenden":

"Der Chefredakteur der 'Tagesschau', Kai Gniffke, sagte, Journalisten müssten überparteilich bleiben. 'Wir müssen den Leuten nicht zu verstehen geben, dass wir Trump doof finden', sagte er, 'wir müssen versuchen, die Komplexität so gut es geht zu erklären'. Die 'Tagesschau' bezeichne die AfD nicht mehr als 'rechtspopulistische' Partei, weil das zu abwertend klinge. Wichtig sei eine respektvolle Auseinandersetzung. Die gesellschaftliche Spaltung dürfe nicht zu einer Fragmentierung des Medienmarkts führen."

Das haben die Nachrichtenfüchse vom Tagesspiegel zu einer News zugespitzt, die am Donnerstagmorgen schon 158-mal kommentiert worden ist. Und Gniffke hat als Medienfuchs die druckreifen Formulierungen, die er sich für den Tsp. überlegt hat ("Hintergrund dieser Vorgehensweise ist die Tatsache, dass die AfD nicht zuletzt aufgrund der zurückliegenden Landtagswahlen einen solch hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, dass es der permanenten Einordnung durch dieses Attribut nicht mehr bedarf, um den Zuschauerinnen und Zuschauern eine Orientierung zu ermöglichen"), dann noch im "Tagesschau"-Blog veröffentlicht sowie nach guter Volker-Herres-Tradition mit einem Power-Foto von sich selbst versehen (welches wiederum auch der Tagesspiegel via Tweet in seinen Online-Bericht eingebunden hat). So funktioniert das Nachrichtengeschäft.

Die Auffrischung der Erkenntnis, dass Sprache lebendig ist und womöglich einmal sinnvoll gewesene Formulierungen verändert, z.B. veränderten Wissensständen des Publikums angepasst werden können, kann der "Tagesschau" jedenfalls nur gut tun.

[+++] Funktionieren des Nachrichtsgeschäfts bedeutet aktuell nicht unbedingt: ökonomisch funktionieren.

Der krassestformulierte Artikel über die Nachrichtengeschäfts-Entwicklung steht heute in der Wochenzeitung Die Zeit und spitzt die Meldungslage zur Tageszeitung Berliner Zeitung (z.B. den am Montag hier im Korb erwähnten horizont.net-Artikel des ehemaligen Berliner Zeitungs-Chefredakteur Uwe Vorkötter) weiter zu. Gleich drei Mal taucht in Götz Hamanns Artikel das Adjektiv "brutal" auf, als erstes in der Unter-Überschrift

"Die 'Berliner Zeitung' wagt einen brutalen Neuanfang".

Im Artikel steht dann:

"Nach vielen Gesprächen lässt sich sagen: Die Verantwortlichen wollen nicht nur die Kosten senken, das haben sie schon oft getan. Sie wollen die 'Berliner Zeitung' in etwas Neues verwandeln, und diese Verwandlung hat etwas Radikales – und etwas Brutales."

Ein Teil der Verwandlung bestehe, wie auch schon durchgesickert war, in der Zusammenlegung der Berliner mit dem im gleichen Verlag erscheinenenden Boulevardblatt Kurier. Deshalb räsonniert Hamann ein wenig über die Verwandlung, die der Begriff "Boulevardzeitungen" durchmacht:

"Sie sind den Tageszeitungen ähnlicher geworden, der 'Berliner Kurier' ist sowieso ein Stück zivilisierter als andere Boulevardmedien. In Berlin entsteht nun erstmals in der deutschen Pressegeschichte eine Redaktion, die beide Gattungen vereint. Seit Monaten arbeitet ein kleines Team an diesem Konzept: Verlagsleiter Michael Braun und Jens Kauerauf sowie die Journalisten Thilo Knott (Chefredakteur Digitales), Elmar Jehn (Chefredakteur des Berliner Kuriers) und Jochen Arntz (Chefredakteur in spe der Berliner Zeitung). Es ist ihr Versuch, gewachsene Strukturen hinter sich zu lassen, koste es, was es wolle. Und genau da wird es brutal."

Es sollen mehr Mitarbeiter als die 25 Prozent entlassen werden, die bei der ebenfalls zur Dumont-Grruppe gehörenden Hamburger Morgenpost gehen müssen. Wie brutal genau alles wird, dürfte die Medien-Öffentlichkeit am 26. oder 27. Oktober erfahren (Hamann: "Tage der Trauer und Zerstörung"),  wenn den Mitarbeitern der Berliner Zeitung offiziell mehr mitgeteilt wird, bzw. früher aus weiteren Medienmedien. Bei Blendle 59 Cent für den Zeit-Artikel zu bezahlen, würde das Online-Nachrichtengeschäft ein bisschen stützen.

[+++] Gibt's nichts und niemanden, was und wer den Zeitungen hilft? Nun ja, EU-Kommissar Günther Oettinger versucht's auf seine Weise, wobei eher die Auseinandersetzung mit deutschen Onlinejournalisten und Leistungsschutzrecht-Gegnern weiter eskaliert als dass Oettingers Ideen reellere Züge annehmen. Wer sich dafür interessiert, sollte sich Daniel Bouhs' Text- und Video-Beitrag für die elektronische Presse des NDR ("Zapp") ansehen.

Und Statistiken können psychologisch helfen, wenn man sie selbst in Auftrag gegeben hat. Der freundliche "Gattungsvermarkter" der Zeitungen, die Zeitungs Marketing Gesellschaft ZMG, kann seine ohnehin optimistische Darstellung der Zeitungs-Reichweite aktuell noch heraufschrauben: "Mehr als 60 Millionen Menschen in Deutschland lesen regelmäßig Zeitung", heißt es in der frischen Analyse, in der es überhaupt von eindrucksvollen Zahlen ("Mit einem Plus von 130 Prozent ist der Zugewinn bei den jungen Lesern unter 30 Jahren am größten") nur so wimmelt. Bloß beziehen die meisten steigenden Zahlen sich auf Menschen, denen Zeitungsinhalte halt auf den Displays begegnen, auf denen sie in ihren Netzwerken unterwegs sind.

"Der Finanzierung der Zeitungsangebote hilft die stabile Leserzahl allerdings weniger: Digitalangebote sind teilweise kostenlos, und auch die Anzeigenpreise für Online kompensieren die Einnahmenrückgänge in Print nicht vollständig",

ordnet wuv.de (wo die Power-Grafiken der ZMG besser zu erkennen sind als auf der ZMG-Webseite) die neuen Zahlen ein.

[+++] Falls Sie jetzt noch Lust auf eine weitere Einordnung der Entwicklung haben: Schön konzise sind derzeit die, die Christian Jakubetz im blog.br24.de (also einem öffentlich-rechtlichen Bayerischen) aufschreibt:

"Heute dürfen Sie mal ein bisschen raten: In welchem sozialen Netzwerk können Sie mittlerweile ganze Geschichten erzählen? Mit welchem Messenger lassen sich auch Emojis, Videos, Fotos und andere digitale Anhängsel verschicken? Und in welchem Netzwerk lassen sich Videos anschauen, die sofort dann losgehen, wenn man sie in der Timeline erreicht? Einfache Antwort: im Prinzip bei allen ...",

denn alle werden einander immer ähnlicher. Dass "der Journalismus" zum großen, bunten Angebot der "hyperkonvergenten Kommunikationszentralen" zwischen Instagram und Apple gehören soll, als ein austauschbares Element unter vielen, schreibt Jakubetz in der Gelassenheit auf, die man mit verlässlichen Rundfunkbeiträgen haben kann.


Altpapierkorb

+++ Zurück zur AfD: "Sollte so jemand ein Forum in einer Zeitung bekommen? Noch dazu als Gastbeitrag, nicht als Interview, in dem ihm Fragesteller widersprechen könnten?" Das fragt die TAZ wegen eines Gastbeitrags, den AfD-Mann Björn Höcke im Rahmen einer Debatte über "Konservatismus" in der (in mehreren Mänteln erscheinenden) Ostthüringer Zeitung schrieb. Na ja, Zeitungen bekommen keine Rundfunkbeiträge und haben daher viele größere Probleme, die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten kaum haben. Insofern können sie das halten, wie immer sie wollen, sofern sie nichts veröffentlichen, das gegen Gesetze verstößt. Wenn allerdings einige Zeitungen öfter mal wieder andere Meinungen als andere haben und sogar untereinander darüber streiten, stärkt das die Meinungsvielfalt und womöglich sogar die Gattung Zeitungen. Insofern auch eine gute Idee der TAZ, diese Frage aufzuwerfen und deshalb bei noch anderen Zeitungen rumzufragen. +++

+++ Zurück zur ARD: Sie schwimmt gerade auf einer Welle des Quoten-Erfolgs, zu dem teils heftige Kritik aus Teilen des Meinungsspektrums unbedingt dazugehört. In der seit vorgestern lebhaft tobenden Auseinandersetzung um die "Terror - Ihr Urteil"-Sendungen meldet sich nun auch die Persönlichkeit der Medienjustiz-Szene zu Wort, die nach Heribert Prantl und Thomas Fischer (Altpapier gestern) noch gefehlt hat. "Das sogenannte 'Eventfernsehen', fast schon tot gesagt, ist wieder da", freut sich Christian Schertz per Tagesspiegel-Gastbeitrag, nicht ohne "aus formaljuristischer Sicht" auch der volljuristischen Kritik Recht zu geben. +++

+++ "How the media shapes our world view" wird in Echtzeit immer weiter analysiert. Gerade daher interessant: was das öffentliche New Yorker Radio WNYC über die gleiche Frage in den frühen 1960er Jahren in Berlin in Schrift und Ton berichtet. Nach dem Mauerbau "West Berliners started to dig tunnels to the East in hopes of freeing their friends and loved ones. As news broke of these tunnels, American news networks -- most notably, NBC and CBS -- were eager to film the digging in action". Es geht dann um "the efforts of American journalists to report on the tunnels and the JFK administration's efforts to suppress their work". Anhören des neunminütigen Beitrags lohnt ebenfalls, auch wegen der Sponsorenhinweise im Retro-Sound, der hoffentlich bald in die deutsche Radiowerbung schwappt. +++

+++ Der Terminus Majestätsbeleidigung erlebte dank Jan Böhmermann ein spätes Revival. Anderswo gedeiht der Tatbestand: "Justizminister Paiboon Koomchaya erklärte einem Bericht zufolge, ausländische Diplomaten sollten dabei helfen, Thailänder im Ausland aufzuspüren, die Majestätsbeleidigung begangen hätten" (reporter-ohne-grenzen.de über die Medienfreiheit in Thailand, dessen König kürzlich verstorben ist). +++

+++ Etwas älter, aber lesenswert: wie Bernd Ziesemer, u.a. Ex-Chefredakteur des Handelsblatts in "Ziesemers Zeitungsschau" bei Springers bilanz.de unter der Überschrift "Redaktionsnetzwerk Rumpelding" Zeitungs-Sparmaßnahmen wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland und die Gemeinschaftsredaktion der Funke- Mediengruppe kritisiert ("Wenn Verlage sich statt ihrer Marken in den Mittelpunkt stellen, geht es mit beiden bergab. Sie werden austauschbar ..."). +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht es um den Raif-Badawi-Award der Friedrich-Naumann-Stiftung (freiheit.org) und die Meldung (der Bild-Zeitung), dass der saudi-arabische Blogger wieder ausgepeitscht werden soll. +++ Aufmacher der Seite: eine weitere Gesamt-Einschätzung des Jungen Angebots mit dem pffiffigen Namen Funk. Axel Weidemann findet, es könne, "wenn die Videoanzahl etwas angestiegen ist – tatsächlich zu der großen Fundgrube an Unterhaltung und Infothemen werden, die seinen Machern vorschwebt. Gleichwohl der Inhalt noch in der Entwicklung ist und sich der Vorteil von Snapchat-Formaten vielleicht wirklich nur aus der Lebenswelt eines Vierzehnjährigen erschließen lässt." +++ Und unter der Überschrift "Sportskanone" würdigt Michael Hanfeld den frischgebackenen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preisträger Hajo Seppelt, natürlich nicht ohne ARD-Kritik ("Und auch in seinen eigenen Reihen wirkt Seppelt wie ein Solitär. Als es im Sommer mit dem Olympischen Reigen losging und sich die Studios von ARD und ZDF in Fan-Zonen verwandelten, wirkte Seppelt dort als um seine Einschätzung gebetener Experte wie ein Fremdkörper ..."). +++

+++ Die SZ-Medienseite berichtet in nicht ungeheuer euphorischem Tonfall ("... Auch 'Deine Korrespondentin' Pauline Tillmann sucht noch nach dem richtigen Finanzierungsmodell. Zurzeit verkauft sie einige Artikel an Regionalzeitungen, auch Sponsoring-Partner für ihr Magazin kann sie sich vorstellen. Obwohl die Selbstständigkeit immer wieder Rückschläge bereithält, ans Aufhören habe sie nie gedacht...") über die "lebendige Szene für Medien-Start-ups" und bespricht natürlich eine neue Netflix-Serie bzw. eine neue Staffel einer älteren Netflix-Serie. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.

 

 

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