Was soll's

Was soll's

Von der Verantwortung des Journalisten: eine vergleichende Betrachtung von Fernsehkritiken zu Sandra Maischbergers Alfred-Biolek-Film. Und über die Frage, wie man bezahlten Journalismus noch von unabhängigem unterscheiden kann.

Für die ewige Innenrevision, die unsere sympathische Kolumne hier tagein, tagaus betreibt, ist die Frage, die Carmen Epp in ihrem Beitrag auf medienwoche.ch formuliert hat, reizvoll. Die Redaktorin beim Urner Wochenblatt schreibt:

"Politiker werden zum Rücktritt aufgefordert, wenn sie schwere Fehler begehen. Weshalb nicht auch Journalisten?"

Gefühlt-juristisch könnte man das mit dem Unterschied zwischen öffentlichem Sektor und Privatwirtschaft erklären, aber darauf will Carmen Epp nicht hinaus.

"Beide tragen eine grosse Verantwortung: Der Politiker für seine Wähler, der Journalist für seine Leser."

Wie unterschiedlich damit umgegangen wird, zeigt der Blick in die Fernsehkritiken zum Besprechungsdarling des Tages: Sandra Maischbergers Geburtstagsfilm "Mensch, Bio!" (ARD, 22.45 Uhr) aus Anlass von Alfred Bioleks 80. Und bei den Differenzen geht es nicht nur um Geschmäcklerisches, sondern um das Großeganze, warum das deutsche Fernsehen ist, wie es ist, und eben auch über die Verantwortung der Kritik daran.

"Am Ende der 90 Minuten aber bleibt ein schales Gefühl von Ratlosigkeit und Trauer."

Schreibt Evelyn Roll in der SZ (Seite 29), die von der Art und Weise, wie Maischberger Bioleks Lebensgeschichte erzählt, enttäuscht wird. Dass man Roll, ohne den Film gesehen zu haben, beipflichten möchte, liegt daran, dass sie diese Lebensgeschichte selbst interessant erzählt:

"Die Geschichte handelt davon, wie einer, der aus seinem Kinderparadies vertrieben wurde, größtmögliche Berühmtheit und Beliebtheit erlangt und sie freudig teilt mit sehr vielen Freunden, Neidern und Bewunderern, die ihn umringen; und wie das alles wieder auf das Essenzielle schrumpft, auf ein paar wenige wahre, treue Freunde und Gewissheiten, weil unser Held die Treppe hinunterstürzt und plötzlich 'down and out' ist wie der Mann in dem alten Blues-Standard von Jimmy Cox."

Wenn also das nächste Mal im Zusammenhang mit dem deutschen Breaking-Bad-House-of-Cards-Oder-sonstwas Zweifel herrschen sollten, dass es in diesem beschaulich-sozialdemokratischen Deutschland an interessanten Stoffen mangeln sollte, dann könnte man Rolls Text vorlesen:

"Auf dem Höhepunkt von Glanz, Reichtum und Ruhm zieht es ihn nach Berlin. In seinem prachtvollen Haus in Prenzlauer Berg gibt er Partys, Gesellschaften, Abendessen. Saus und Braus, Wim Wenders, Gerhard Schröder, Iris Berben, Campino, exklusive Hauskonzerte mit Daniel Barenboim am Klavier und legendäre Berlinale-Feste mit Hollywoodstars. Die Firma hat Konkurs gemacht ... In den langen Monaten der Reha verliert er auch seinen Lebensgefährten, und die glanzvollen Berliner Partyfreunde sind sowieso plötzlich alle sehr, sehr weit weg. Nobody Knows You When You’re Down and Out."

Die Geschichte geht übrigens gut aus (was es theoretisch leichter machen würde, von den Härten zu erzählen), aber Maischbergers Film verpasst sie nach Rolls Ansicht.

"Die Puzzleteile passen nicht zusammen. Text und Bild, Behauptetes und Belegtes driften deswegen ständig auseinander. Biolek erzählt zum Beispiel, dass er verstanden habe, warum man auf dem Höhepunkt einer Karriere aufhören muss, wenn man klug ist. Die Bilder vom Tingeln auf einem seltsamen Kreuzfahrtschiff erzählen die ganz andere Geschichte: von einem, der eben nicht aufhören kann oder will."

Von Rolls leidenschaftlicher Enttäuschung findet sich in Thomas Gehringers Tagesspiegel-Kritik kein Echo.

"Mal abgesehen von diesem angestrengt wirkenden, wie für die Kamera inszenierten Privattreffen bietet das Porträt von Maischberger und Co-Autor Hendrik Fritzler eine entspannte, von unaufdringlicher Sympathie getragene Reise durch Bios Leben."

Es ist vielleicht ungerecht, das so nebeneinander zu stellen, aber wo Rolls Verve den Horizont weitet, blickt in solchen informativen Fazits immer nur auf das Beet im Kleingarten, das jeden Tag neu bestellt werden muss. Und man kommt nicht umhin zu denken, dass einem eine Fernsehkritik, die wie bei Roll was will, irgendwie verantwortungsbewusster gegenüber Leserin und Gegenstand vorkommt als das "entspannte" Durchwinken.

Bei Jens Müller in der TAZ, der zu Beginn seiner Kritik "böse Gedanken" äußert (was wir Biolek zu "verdanken" haben), kann man mitanschauen, wie sich die Skepsis von selbst abräumt. Es könnte nämlich Anlass für Kritik geben schon wegen der Filmemacherin:

"Jene Sandra Maischberger, deren (Neben-)Werk als große Staatsmänner wie Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker porträtierende TV-Dokumentaristin sich nicht unbedingt durch die besonders kritischen Nachfragen auszeichnet?"

Gibt es aber nicht, wie der Folgesatz kapituliert:

"Was soll's. Biolek hat sich verdient gemacht und hat Lobhudelei verdient. Und das offenbare Kalkül, dass man an den Empathiker Biolek wohl auch nur vermittels Empathie rankommt, geht tatsächlich auf."

"Was soll's" – ist aus unserem Blickwinkel hier vielleicht der beste Satz, weil der das Verhältnis von Kritik zum deutschen Fernsehen vielleicht am besten beschreibt. Klaudia Wick formuliert ihn in der Berliner zwar nicht, performt ihn aber: Sie flüchtet vor der offenbar nicht so anregenden Realität des Films in ihre eigene Erzählung von Fernsehgeschichte. Die würde Müllers "bösen Gedanken" (Biolek hat uns Fernsehköche, Talkshows und Mario Barth eingebrockt habe) wohl etwas entgegen setzen:

"Bis heute hat seine Live-Show 'Bios Bahnhof' die Jahrzehnte unbeschadet überdauert. Man kann sich jederzeit Auschnitte ansehen, ohne schamhaft zu denken 'Oh je, die 70er'. ... Was Alfred Biolek für das Fernsehen bedeutet und was das Fernsehen für Biolek bedeutete, lässt sich dieser Tage bei Youtube in den illegal aufgespielten TV-Auschnitten viel besser nachsehen."

Als in Maischbergers Film.

Nicht uninteressant an den Texten ist auch, wie über Homosexualität geschrieben wird. Bei Gehringer ist ein Satz – sagen wir es freundlich – verunglückt:

"Seine Homosexualität spielt ganz selbstverständlich eine Rolle, ohne dass es einen unangenehm intimen Beigeschmack bekäme."

Heterosexuelle Selbstverständlichkeiten würden nämlich nicht erwähnt und sie stünden auch selten im Verdacht, unangenehme Beigeschmäcker zu verursachen.

[+++] Was ganz anderes, was aber auch zur journalistischen Verantwortung gehört: Kathrin Werner beschreibt in der SZ (Seite 29), dass Yahoo medienähnlicher wird, dabei aber sponsordriven ist:

"Daneben stehen aber etliche Texte, die genauso aussehen wie normale journalistische Artikel, aber von Unternehmen wie der Fitnessstudiokette Equinox geschrieben wurden – mit lediglich einem dezenten Hinweis auf die Tatsache, dass sie gesponsert wurden. Laut New York Times helfen Yahoo-Redakteure den Werbekunden manchmal sogar dabei, ihre Artikel so geschickt wie möglich zu formulieren."

Kurz: Native Advertising, über das auch der Spiegel neulich berichtete, ohne zu ahnen (siehe Altpapier), dass sein Online-Angebot nicht frei davon ist. Auch wenn die Geste, darüber zu berichten, kritisch wirkt – Empörung will sich so recht nicht einstellen. Die Beispiele, die der Spiegel seinerzeit und die SZ jetzt erwähnen, müsste der mündige Leser als Werbung identifizieren können. Wenn das nicht so wäre, könnte man ihn gleich als Adressat von auch nur etwas ambitioniertem Journalismus vergessen.

Zumal das mit der Werbung doch auch anders funktioniert. Martin Hitz schreibt in seinem NZZ-Text über den Erfolg von "Vice":

"Meist stehen nicht die konkreten Produkte der Sponsoren im Vordergrund. Den Unternehmen geht es vielmehr darum, ihre Marken mit 'coolen' und gut erzählten Geschichten in Verbindung zu bringen und damit bei einem jüngeren Publikum präsent zu sein."

Eben. Und was die Empörung betrifft, kann man nur auf Katrin Müllers wegweisenden Medienwoche-Beitrag verweisen, der mit Blick für die Realität die Vermischung von Journalismus und Werbung erzählt (in der Schweiz gab es Aufregung wegen einer SBB-Beilage im Tages-Anzeiger):

"Es fing an, als die klassischen Anzeigenumsätze drastisch einbrachen, Stellenanzeigen ins Internet abwanderten und man beschloss, mit Newsrooms kostengünstiger zu arbeiten. Die Konsequenz: Vor rund 10 Jahren wanderten massenweise gestandene Recherchierjournalisten in die Kommunikation. Und im Newsroom bedient man sich der allseits bekannten 'Kindersoldaten'."

Die Abhängigkeiten zeigen sich eh woanders, wie Müller schreibt, als ihr – da war sie noch Chefredaktorin eines Magazins – eine Kosmetikonzernchefin deutlich machte, dass das Magazin am Tropf dieses Konzerns hängt.

"Wir alle müssen uns von einem Journalismus verabschieden, der aus zwei Werten bestand: Qualität und Unabhängigkeit. Natürlich kann man dazu 1000 Tagungen veranstalten. Im Markt ändert sich deshalb nichts. Verlagshäuser wollen und müssen rentieren."

Vielleicht muss man deswegen auch anders drüber reden und auf der nächsten Tagung ein Suchbild vorstellen: Electronic Beats und Zeit-Magazin – finde 7 Unterschiede!


Altpapierkorb

+++ Sebastian Leber greift im Tagesspiegel die internationale Berichterstattung über Blackfacing von Fans bei WM-Spielen auf: "Was zwar vermutlich ebenfalls nicht rassistisch gemeint war, aber vielleicht doch ein bisschen missverständlich im Ton", schreibt er ironisch, was, die Kommentare drunter zeigen es, in diesem Kontext wohl kaum verstanden wird. +++

+++ In Ägypten sind drei Al-Jazeera-Journalisten zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Tomas Avenarius in der SZ: "Sieben Jahre Haft für die drei australischen und ägyptischen Reporter des Nachrichtensenders Al Jazeera - weil sie für einen im neuen Kairo politisch missliebigen Sender gearbeitet haben. Sieben Jahre hinter Gittern, weil sie die nötigen Drehgenehmigungen nicht hatten. Sieben Jahre Haft in einem Verfahren, in dem die meisten angeblichen Beweise lachhaft waren. Sieben Jahre Haft, weil Ägypten eine Fehde mit dem Golfstaat Katar austrägt, in dem Al Jazeera beheimatet ist." +++ Julia Gerlach war für die Frankfurter Rundschau bei der Urteilsverkündung dabei, eindrucksvoller Text: "Das Hochgefühl verflüchtigt sich jedoch mit einem Schlag, als gegen halb zwölf Richter Schehad den Saal betritt: Schwarze Sonnenbrille, Schnauzbart, fahrige Bewegungen. Er setzt sich und beginnt sofort das Urteil herunterzurasseln: Es ist so hart, dass zunächst niemand reagiert. Sieben Jahre für Fahmy und Greste. Mohammed bekommt zehn Jahre Gefängnis. Die anderen werden in Abwesenheit sogar zu noch höheren Strafen verurteilt. Die Angeklagten sacken in sich zusammen." +++

+++ Die TAZ berichtet über die schlechte Lage der einst kommunistischen italienischen Zeitung Unita: "Denn dem linken Traditionsblatt, 1924 gegründet von Antonio Gramsci, droht das Aus. Schon seit Mai stehen die Gehaltszahlungen für die Redakteure aus, und vor zehn Tagen beschloss der mit über 20 Millionen Euro überschuldete Verlag, in Liquidation zu gehen." +++ Meedia beobachtet kaum mehr Bewegung im Spiegel-Blog: "Mittlerweile verbirgt sich hinter der Adresse Spiegel.de/thema/spiegelblog ein Ort der Stille. Seit Wochen gibt es nur noch ein Posting pro Woche, in dem ein Spiegel-Redakteur oder Redakteurin seine oder ihre Lieblingsstorys aus der aktuellen Ausgabe vorstellt. Reine Heft-PR. Resonanz in der Regel: null Kommentare." +++

+++ Und: Jörg Michael Seewald war für die FAZ (Seite 17) bei Joachim Fuchsberger zuhause, weil der ab Juli einen neuen Film dreht: "Mein Vorbild ist Johannes Mario Simmel, mit dem wir sehr befreundet waren. – Werden Sie sich selbst spielen? – Natürlich hat das ganz starke autobiographische Bezüge. Ich habe lange nachgedacht, ob ich das sein soll. Aber das wird dann nix. Ich muss ein Fremder sein."

Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder.

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