In the Hood

In the Hood

Stefan Plöchingers anstehender Sprung in die SZ-Chefredaktion wird munter auf Twitter gefeatured. In England wollen Prominente eine Presseregulierung. In Karlsruhe entscheidet morgen das Bundesverfassungsgericht über das ZDF und seine Gremien.

Ein beredtes Beispiel für die Déformation professionelle im Journalism ist es doch zu sehen, wie der Kapuzenpulli wegen eines Zeit-Artikels (Altpapier vom Freitag) in der gemütlichen Twitterwelt mit SZ-Online-Chef Stefan Plöchinger verschmolzen ist: Die TAZ-Chefredakteurin schaut Tatort [Link geht zu Kritik von mir], sieht einen Kapuzenpulli und denkt an – Plöchinger.

Das ist – neben den digitalchronischen Solidaritätsadressen – sowieso das Allerschönste, dass man als Subalterner seiner selbst mitkriegen darf, wie wirklich wichtige Journalisten des Landes die Causa diskutieren – weil sie es auf Twitter tun.

Da gibt FAS-Mann Claudius Seidl im Talk mit Totholz-Tommy Knüwer den spitzzüngigen Dandy, der die gezielte Sottise dem endlosen Geschwätz vorzieht:

"Man muß sich mal einen Zeitungs-Chefredakteur vorstellen, der zu keinem Thema was zu sagen hat. Außer zur Zeitung."

(Auch wenn wir dem Aphorismus nach längerem Grübeln nicht ganz auf die Schliche gekommen sind – in der Plöchinger-Nummer geht's im weitesten Sinne doch auch um die Zeitung in general, oder? Sieht Paul Wrusch in der TAZ genauso: "Dabei geht es um mehr als nur um Plöchinger. Es geht um die Verteidigung des Bestehenden, die Frage, wer hier eigentlich das Geld verdient. Um die Zukunft von Print.")

Ferner mischt der mächtige Bild-Zeitungschef munter unter den Sympathisanten mit. Und gestandene Zeit-Ressortleiter, denen man in ihrer Furchtlosigkeit gegenüber den Gegenständen der eigenen Arbeit jederzeit zugetraut hatte, dass sie persönlich am Roten Platz vorfahren, um Putin ins Lenkrad zu greifen, werden, wenn's Gespräch aufs Zeitungssterben kommt, wieder zu Kindern, die das Licht lieber angelassen haben wollen beim Einschlafen.

"Das Gerede vom Untergang von #Print ist falsch und niederdrückend."

Dann reden wir jetzt lieber nicht mehr davon, "alles wird gut" (Nina Ruge). Eine kleine Brezn hat sich Harald Staun in der FAS eingefahren, der in der Plöchinger-Meldung von gestern schrieb:

"Wobei ja vielleicht wirklich nichts dagegen spricht, einen Internetexperten in die Führungsriege der Zeitung aufzunehmen. Wäre es dann aber nicht sinnvoll, auch einen Journalisten in die Chefredaktion von 'Süddeutsche.de' zu holen?"

Denn nach bisherigem Kenntnisstand muss Plöchinger als Journalist gelten.

"Er war an der Deutschen Journalistenschule, arbeitet bei der 'Financial Times' und hatte führende Positionen bei Spiegel Online inne."

Zitiert Christian Tretbar im Tagesspiegel aus dem Plöchinger-Lebenslauf, auch wenn beim Tätigkeitswort vor der FT-Station ein "e" fehlt. (In einem Medienbiz-Dramolett, dass Helmut Schödel vielleicht noch verfassen könnte, würde ob dieses Fehlers Totholz-Tommy im Schlafsaal der Löwengruppe schweißgebadet hochschrecken. Erzieherin, gespielt von Nina Ruge: "Alles gut, hat nur ein 'e' gefehlt, leg dich wieder hin").

Ob da jetzt noch eine B-Probe eingeholt werden muss, wie lange der Fame so eines DJS-Diploms reicht, wenn danach längere Zeit die am Computer verfassten Texte nicht mehr auf Papier gedruckt wurden, könnte vielleicht die Uni Düsseldorf prüfen oder Zeit-Online, wo die Expertise in der Print-Online-Differenzierung erwiesenermaßen am größten ist. Apropos Uni Düsseldorf: Was Friedrich Küppersbusch in seiner TAZ-Kolumne an Wortspielen zur Schavan-Entscheidung abgefackelt – funniest.

Wo waren wir? Ach, ja, Staun braucht also für den Spott nicht zu sorgen (Dr. Frank zitiert sogar die Bibel) beziehungsweise muss Erklärungen zur Meldung nachnominieren.

Genug Gossip. In England engagieren sich Prominente für die ethics im Journalismus, berichtet Ruth Rach in DLFs Markt und Medien.

"Die Harry Potter Autorin gehört zu rund 200 maßgeblichen Promis, die diese Woche an britische Printmedien appellierten, die Royal Charter zu akzeptieren. Diese sogenannte Königliche Satzung ist eine neu geschaffene Presseaufsicht, die von der Regierung vorgeschlagen und vor genau einem Jahr von allen drei Parteien gebilligt wurde. Der Beitritt ist freiwillig. Aber wer das Organ boykottiert, muss mit hohen finanziellen Risiken rechnen."

Das wäre, anders als das scharfe Schwert der Presseratsrüge hierzulande, mal ein Mittel! Was sagen die betroffenen Medien?

"Sie wollen sich – wie sie sagen – keinen Maulkorb umbinden lassen und haben bereits ein Gegenmodell ausgearbeitet, das wieder auf dem Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle basiert. Kritiker meinen allerdings das wäre gerade so, als würde man es den Wölfen überlassen, über die Wahl ihrer Beute zu bestimmen."

Könnte das Engagement der Promis in Deutschland Schule machen? Formen von weniger aggressivem, aber deshalb nicht nicht-embarrassendem Regenbogen-Journalismus existieren. Wie die Topfvollgold-Beobachter in ihrer ersten, nun regelmäßigen Tagesspiegel-Kolumne am Beispiel von Susanne Hoeneß zeigen:

"Nach der Haft kommt die soziale Ausgrenzung: 'Wer lädt schon gern einen Vorbestraften zu sich ein?' Keine Kaffeekränzchen mehr! Das ist nun wirklich die Höchststrafe in der Regenbogenwelt."

Wobei der etwas sauertöpfische Hinweis gestattet sei, dass ein arg lockeres Durchhangeln durch die "Auf einen Blick"-Schlagzeilen dem Anliegen, sich ernsthaft mit Yellow Press auseinanderzusetzen, vielleicht etwas im Wege steht – diese Lesart macht den Kram ja gerade konsumierbar.

 [+++] Morgen ist, wieder mal, High Noon in Karlsruhe. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet über die Staatsferne der ZDF-Gremien, eine Folge der, die Älteren werden sich erinnern, Causa Brender (die so lange zurückliegt, dass man sie mit AP-immanenten Links nicht mehr rekonstruieren kann, weil die im Orkus der Geschichte verschwunden sind). Joachim Huber beschreibt im TSP das Elend:

"Der Fernsehrat mit seinen 77 Mitgliedern überwacht das Programm, genehmigt den Haushalt des Senders und wählt den Intendanten. Die 16 Länder schicken je einen Vertreter, der Bund schickt drei, die politischen Parteien zwölf Leute in den Rat. Dazu kommen Vertreter gesellschaftlicher Gruppen – von den Kirchen über Gewerkschaften und Arbeitgeber bis hin zu Sportlern und Tierschützern. Die überragende Mehrheit der Mitglieder findet sich in zwei 'Freundeskreisen' wieder, dem 'roten' und dem 'schwarzen'. Entsprechend wird entschieden."

Wolfgang Janisch holt in der SZ (Seite 23) aus gleichem Anlass noch viel weiter aus und schreibt eine kleine Geschichte der Bundesverfassungsgerichtsurteile in Sachen öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Hammertext, aber natürlich nicht online (Das wäre mal ein Wunsch an die Kapuze: Tu es, Plöchi, notfalls für uns!)

"Warum also arbeitet sich das Gericht im Jahr 2014 immer noch daran ab, den Staat nicht zum Dominator der Sender werden zu lassen? In einer Zeit, in der sich eigentlich ganz andere Fragen in den Vordergrund drängen, etwa jene nach der Existenzberechtigung von ARD und ZDF in Zeiten des Internets? Die Antwort lautet: Die Freiheit von politischem Einfluss ist das Ewigkeitsproblem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Weil er ein Hybrid aus Freiheit und Kontrolle ist."

Janisch verdribbelt sich nicht in den einzelnen Gerichtsurteile der letzten Dekaden, sondern kriegt den Kopf noch hoch für den raumöffnenden Pass auf die finale These:

"So ist die Rechtsprechung des Gerichts zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk letztlich die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft. Einer Freundschaft, die selbst dann noch gehalten hat, als die ursprünglichen Argumente für die Sonderstellung des gebührenfinanzierten Rundfunks – die Knappheit der Übertragungsfrequenzen und die hohen Kosten der Fernsehproduktion – von der rasanten technischen Entwicklung entwertet worden sind. Längst existiert eine unüberschaubare Vielfalt an Kanälen."

Das klingt eher so, als würde das Gericht morgen moderat entscheiden. Aber eben auch danach, dass man sich gut überlegen muss, warum es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben soll.


Altpapierkorb

+++ Die Vorlage ist jetzt vielleicht etwas cheap, ist aber auch nur eine persönliche Sicht: Wofür Alexander Kühns größerer Spiegel-Text (Seite 72) so richtig gut sein soll, ist mir nicht klar geworden. Das Phänomen der Zeitgeschichtsverfilmungshausse mag richtig beobachtet sein, aber die Form des Textes macht das alles irgendwie unterkomplex: Es werden Fakten addiert in diesem leicht erregt klingenden Spiegel-Sound, der der Ein-Wort-Absätze generiert, die bei Lichte besehen auch in Pressemeldungen stehen könnten: "Im April wird er für die ARD als Tierfilmer Bernhard Grzimek vor der Kamera stehen, im Frankfurter Zoo und in Südafrika." Nichts gegen Fakten, aber das Interessante an einem solch kulturellen oder von mir aus auch wirtschaftlichen (dann aber harte Zahlen, bitte) Phänomen ist doch, was es über die Zeit, das deutsche Fernsehen, die angenommene deutsche Fernsehzuschauerin oder whatever sagt. Da scheint sich der Spiegel durch seinen beflissenen Reporter-liegt-im-Schützengraben-vor-der-Recherche-Ton fast zwanghaft zu beschneiden. Strange. +++ Ein verwandtes Problem mit einem anderen Spiegel-Text, der Titelgeschichte von letzter Woche, hat Wolfgang Michal auf Carta: "Neun (!) Spiegel-Autoren mäandern durch das Thema, ohne einen roten Faden zu finden. Am Anfang und am Ende des Textes wird das Funktionieren des modernen Rechtsstaats gefeiert, aber im Mittelteil ist – oh Wunder – von einem möglichen „Justizskandal“ die Rede. Ja, was denn nun? Der Spiegel-Text passt hinten und vorne und in der Mitte nicht zusammen." Michal bilanziert weiterhin die Merkwürdigkeiten der Hoeneß-Berichterstattung/Investigation. Vielleicht kann die Augstein-Stiftung oder wer auch immer ja künftig auch ein Stipendium ausgeben, für das Michal, quasi als Carte blanche, ein Recherchedesiderat formuliert. +++

+++ Das nächstliegende Warum-nicht-so: Stefan Niggemeier, der in der FAS (Seite 41) noch mal über den Liveticker nachdenkt. +++ Und der in der Samstag-FAZ über eine von dem Frauke-Ludowig-Bot moderierte RTL-Wiedersehensfeier-Show ein herzerwärmendes Zitat erkannt hat: "An einer Stelle musste ein ganzer Schwung von ihnen vom Plauder-Sofa verabschiedet werden. Und Ludowig sagte: 'Vielen Dank Susi, Ela, Jessica, Naja, Daniela und Nena, dass ihr hier wart, und Angelina, du bleibst noch ein bisschen bei uns.' Ich musste mir die Stelle dreimal anhören, um überhaupt die Namen richtig abzuschreiben, aber Frauke Ludowig sagte sie flüssig, ohne mit der falschen Wimper zu zucken. Es schien fast wie eine Reminiszenz an die große Szene des deutschen Realityfernsehens: den Moment, in dem RTL-2-Mutter Wollny ihre Kinder ins Esszimmer ruft: 'Sylvana! Sarafina! Estefania! Calantha! Loredana! Sarah-Jane! Lavinia! Jeremy-Pascal!'" +++

+++ 20 Jahre Deutschlandradio. Ein Jubiläum, das sich für die Defätisten unter uns damit verbindet, der Medienöffentlichkeit den "Gründungsintendanten" Ernst Elitz eingebrockt zu haben, der durch diesen Seriositätstransfer heute für Springers heißes Blatt Stimmung machen kann. Dabei war ganz am Anfang Dieter "Prof. Dr. h.c." Stolte Intendant, wie man bei Gerda Hollunder, der ersten DLR-Programmdirektorin, im TSP erfahren kann! +++ Stolte himself schreibt in der Funkkorrespondenz aus gleichem Anlass das tl;dr des Tages, wenn nicht des Jahres: Ein Text, der allen die Hand schüttelt und jeden mit einem Wort bedenkt. +++

+++ Auch nicht ohne: EU-Kommissarin Neelie Kroes in der FAZ (Seite 9) zu Überwachung durch digital. "Als ich in der Öffentlichkeit mein schwarzes Armband zeigte, mit dem ich auf elektronischem Weg meine täglichen Übungen überwache, hatte ich keine Ahnung, dass es Frank Schirrmacher zu der Behauptung veranlassen würde, die Europäische Kommission sei naiv gegenüber der digitalen Revolution und blind gegenüber deren Folgen für unser soziales und industrielles Gefüge. Ich bin ganz anderer Meinung." +++ Ebenfalls in der FAZ (vom Sa., Seite 15), ebenfalls mit Blick nach Europa "('Mein Ziel ist es, dass unsere fiktionalen Programme die Referenz für den europäischen Markt sind.' Das hat der Programmdirektor des ZDF im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt (F.A.Z. vom 21. März). Norbert Himmler legt die Latte hoch. Er nennt einen Maßstab, an dem nun alle neuen Serien vom Lerchenberg gemessen werden, nicht nur die, in der Bastian Pastewka im nächsten Jahr einen arbeitslosen Graphiker spielen wird, der ins Falschgeldfach wechselt. Ein Pendant zur vielgelobten amerikanischen Serie 'Breaking Bad' auf die Beine stellen zu wollen – das ist schon was, erst recht, wenn man es im Hauptprogramm versucht." (Nichts für ungut, aber das Pastewka-Ding klingt wie eine Parodie). Anlass ist die erste der epic HBO-Serien bei Sky: "Oz" von 1997. +++ Katharina Riehl in der SZ: "Mit der Fernsehserie Oz, die am 12. Juli 1997 beim amerikanischen Kabelsender HBO Premiere hatte und nun bei Sky erstmals in Deutschland zu sehen ist, begann auch eine Revolution in der Kulturgeschichte. Oz war die erste TV-Serie des Senders HBO, bei dem man zuvor eingesehen hatte, dass alleine mit Hollywoodfilmen nicht ausreichend zahlende Abonnenten zu finden sind, wenn man jeden Film auch in einer Videothek ausleihen kann. Man musste dem Zuschauer etwas ganz Eigenes bieten." +++

+++ In der SZ vom Samstag: Riehl über Barbara Schöneberger. "Vor allem aber moderiert sie, abseits des Fernsehens, Firmenevents, (Medien-)Preisverleihungen, Galas aller Art. Zwei- bis dreimal pro Woche in guten Zeiten, sagt sie. 'Die Duftstars, das Goldene Lenkrad, den Goldenen Computer.' Im Fernsehen aber hat Barbara Schöneberger eine andere Rolle ihres Lebens gefunden: Sie hat Karriere als Gast gemacht." +++ Ebenda: Claudia Tieschky über Antonia Rados: "Antonia Rados ist die berühmteste Reporterin des deutschen Fernsehens. Ihr Sender weiß das. Sie wird drei Tage später schon im Jemen sein. 'Die Erholphasen werden mit dem Alter länger', findet sie, es dauere, bis man sich wieder akklimatisiert." +++ Die Rados-Doku über zwei ungleicheste Schwestern in Ägypten findet Thomas Gehringer im TSP nicht so: "Leider wird diese interessante Geschichte, über die Antonia Rados auch ein Buch veröffentlicht hat, im RTL-Sound in Grund und Boden gequatscht. Rados fährt hierhin, läuft dorthin, sie ist nicht nur häufig im Bild, sondern redet auch beinahe in einem fort. Von den Schwestern sind dagegen bemerkenswert wenige O-Töne zu hören." +++

+++ Zum Fernsehfilm des Tages, "Kein Entkommen" im ZDF, nur Lea Streisand in der TAZ, wo ein anderer Text geplant war, wie man nebenbei erfährt: "Dank der eindrucksvollen Darstellung von Anja Kling, die das ausführliche Interview mit der taz leider zurückgezogen hat, erleben wir mit, wie Anna immer mehr Boden unter den Füßen verliert, wie sie versucht, ihre Souveränität zurückzugewinnen."

Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder.

 

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