Was man von Stendhal kennt

Was man von Stendhal kennt

Beim Spiegel bleibt nach neuesten Runden auf dem Personalkarussell Büchner als alleiniger Chef auch von SpOn übrig. Bei Meedia.de ist der Betreungsschlüssel für Redakteure durch Chefredakteure ideal. Der SZ-Kulturchef lobt den FAZ-Kulturoberchef. Die NZZ spottet ein wenig über den Tages-Anzeiger.

Zeitungen wie der Standard melden heute, das "Rüdiger Ditz (49), seit 2008 Chefredakteur von Spiegel Online", als Geschäftsführender Redakteur zum Print-Spiegel wechsele. Im Hinterland der Meldung stehen noch ein paar weitere Namen, sogar weibliche, die neue Posten bekommen, allerdings ist keiner dabei, der Ditz als Chefredakteur von SpOn nachfolgte.

Weshalb die wahrhaft professionellen Paranoiker der Macht den eigentlichen Neuigkeitswert der Ditz-Verschiebung woanders sehen. Chef-Aggregator Peter Turi schreibt:

"Alleiniger Chefredakteur für Spiegel Online (und 'Spiegel' sowieso) ist somit Büchner."

Außerdem erinnert Turi, da sich das Karussell mal wieder gedreht hat und vor allem Männer mitfahren dürfen, an große Vorhaben Büchners aus der Vergangenheit:

"Die Chefredakteurs-Etage bei 'Spiegel' und SpOn ist damit keinen Deut weiblicher geworden – im schönsten Gegensatz zu den Verbal-Girlanden, die Büchner mit ProQuote knüpft: Bei 'absolut gleicher Qualifikation' würde Büchner für Führungspositionen nach eigener Aussage 'jederzeit die Frau vorziehen'. Konferenzen dürften, so Büchner an die Adresse seiner Kritiker aus der Riege der Ressortleiter, 'keine Testosteron-Clubs sein'. Man müsse 'auch mal auf unfertigen Gedanken herumkauen können'."

Gekaut wird heute weiterhin am Fall Edathy, wobei die Texte die grundsätzlich verdrossen sind, wenig beeindrucken.

Hans Hütt produziert auf Carta zwar schöne, weil bibliotheksgesättigte Sätze:

"Wir kennen das aus den Romanen von Stendhal."

Gänzlich tut man ihm aber nicht unrecht, wenn bei dem Riesenriemen am Ende der Eindruck bleibt, den auch Meedia-Chefredakteur Stefan Winterbauer am Schluss seines Beitrags zum "Komplex" formuliert:

"Der Fall Edathy ist Nährboden für Politik- und Staatsverdrossenheit. Und man kann es den Leuten noch nicht mal verdenken, wenn man sich bei diesem Schauspiel nur noch abwenden möchte."

Wenn Sie als aufmerksamer Medienmedienbeobachter gerade gestutzt haben, weil Sie mit dem zweifellos herausragenden Posten des Meedia-Chefredakteurs andere Namen verbunden haben als den Winterbauers – das geht alles. Das Impressum von Meedia.de ist ein Meisterwerk der Wichtigkeitsproduktion im permanent dampfmachenden Für-alle-reicht's-nicht-Kapitalismus unserer Tage: 4 Chefredakteure, die 2 Redakteure mit Führung erfüllen, das ist ein Betreuungsschlüssel, von dem selbst Potsdamer High-End-Kitas für die Kinder der Overachiever mit den 20-Stunden-Arbeitstagen und immens wichtigen Dienstreisen nur träumen können. Wobei die Pointe des Meedia-Organigramms in der gleichzeitigen Nivellierung von Hierarchie liegt: Wenn erst alle Chefredakteurinnen sind, ist es auch keine mehr. Wer wüsste das besser als wir hier in unserer genderesk zwar desaströsen, hierarchisch aber ungemein egalitären Medienkolumne.

Wird also irgendwann automatisch Kommunismus aus dem Kapitalismus?

Andrian Kreye ist im SZ-Feuilleton skeptisch, dass sich Jaron Laniers Idee, wie Machtkonzentration im Internet zugunsten Googles oder Facebooks sich auflösen ließe, Erfolg haben könnte:

"Sein Lösungsvorschlag ist unter anderem der Aufbau eines Vergütungssystems, das die Profite des Internets an all jene verteilt, die mit ihren Daten zum Kapital der digitalen Wirtschaft beitragen. Es wäre ja durchaus auch denkbar, dass Facebook seine Nutzer für jeden Eintrag, jedes Foto entlohnt. Doch hier gerät Laniers brillante Analyse einmal mehr zur Utopie. Warum sollten sich Konzerne wie Facebook, Google und Amazon auf ein quasi sozialistisches Wirtschaftssystem einlassen, das auf klassischer Umverteilung beruht?"

Weil – man wird sehen. Kreyes informativer Text will Lanier deswegen aber nicht gedisst wissen:

"Und trotzdem – will man in Deutschland nur drei Bücher der Internetkritik lesen, wäre Laniers 'Wem gehört die Zukunft?' nicht lediglich eines aus diesem Trio. Es ist das wichtigste."

Die beiden anderen Titel zählt der Text ebenfalls auf; zu den Top 3 wird auch Frank Schirrmacher gerechnet:

"Sein Buch und die netzkritischen Essays, denen er auf den Seiten seines Feuilletons in der FAZ ein Forum gibt, gehören zum intelligentesten und intellektuell interessantesten, was die Netzdebatte zu bieten hat."

Das ist sicher nicht verkehrt und ein Zeichen von Größe, wenn der SZ-Kulturchef dem FAZ-Kulturoberchef seine Reverenz erweist, gerade wenn man ermüdet ist von den Reflexen der Zirkuspferde dieser Medienwelt. Und doch wäre straighte Konkurrenz in der Sache vielleicht aufregender.

So kann man Rainer Stadler in seiner NZZ-Kolumne anmerken, wie leicht es ihm fällt, über den Schaden zu schreiben, den der Tages-Anzeiger hat.

"Vor einer Woche peppte die 'Schweiz am Sonntag' eine Analyse des Zürcher Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft bis zur Entstellung auf und behauptete, der 'Tages-Anzeiger' habe für die Einwanderungsinitiative 'getrommelt'."

Dagegen wehrt sich die im Vergleich zur konservativen NZZ liberale Zeitung nun etwas zu vehement, wie Stadler beobachtet.

"Hat der 'Tages-Anzeiger' Angst davor, in die rechte Ecke gestellt zu werden? Sein Problem scheint mir vielmehr, dass man oft gar nicht weiss, was er denkt. An einem Tag behauptet er A und am nächsten das Gegenteil davon. Dieses Durcheinander verwundert nicht, da auf der Redaktion der Altlinke, der Salonsozialist, der flexible Multioptionalist und der Bürgerliche koexistieren. Wer wann warum jeweils das Wort ergreift, ist für einen Aussenstehenden nicht besonders evident. Man kann diese Praxis positiv als pluralistisch deuten oder negativ als Wischiwaschi. Originalität und Beliebigkeit sind manchmal zwei Seiten derselben Medaille."

Zudem muss das Etikett "liberal" nicht zwangsläufig bedeuten, insgeheim und konkret Sachen disliken zu können, die allgemein und generell begrüßt werden – man denke an die ebenfalls angeblich ja liberale "Zeit" und ihren aufopferungsvollen Kampf für Diskriminierung am Beispiel eines Kinderbuchs von vor einem Jahr.

Nummer 3 auf Kreyes Liste ist Evgeny Morozov, der heute in besagter FAZ in seiner dort gedruckten Slate-Kolumne schreibt über den neuen Scheiß "Achtsamkeit" aka dosierte Offlineness:

"Wir können das Abschalten als Möglichkeit betrachten, Energie zu tanken und noch produktiver zu sein, oder aber als Chance, die Taktik des süchtig machenden Beschleunigungs- und Ablenkungskomplexes namens Silicon Valley zu sabotieren. Der erste Ansatz ist reaktionär, der zweite emanzipatorisch, zumal wenn diese Verweigerung zu sozialen Bewegungen führt, die auf Temporalität und Aufmerksamkeit gründen und nicht auf den Geschäftsstrategien von Davoser Spiritualitätsaposteln."

Der letzte Link in Morozovs Text ist ein perfider Scherz von unserer Seite, natürlich meint Morozov andere Apostel, da die Qualitätsbilderschau von Meedia.de aber so fetzt, wollten wir hier noch mal drauf hinweisen.


Altpapierkorb

+++ Cigdem Akyol berichtet in der NZZ, dass die Regierung Erdogan Opposition in den sozialen Netzwerken unterwandert: "Nach den Gezi-Protesten im letzten Jahr beschloss die Regierung, 6000 ehrenamtliche Twitterer und Blogger in einem Koordinationszentrum soziale Netzwerke in Ankara auszubilden. Sie sollen möglichst unauffällig über Twitter, Facebook, Youtube und andere Kanäle von den Glanzleistungen der Regierung, den Fehltritten der Opposition oder unbeugsamen Bürgern berichten." +++ Über Pressesitten in Südkorea informiert Oh-Hee Jeong in der TAZ, dort ist das Verhältnis zwischen Regierung und Journalisten so innig, dass man zusammen einstudierte Pressekonferenzen aufführt: "Nach wenigen Tagen stellte Newstapa, ein unabhängiger Internetsender, die Vermutung über die inszenierte Pressekonferenz als wahr heraus. Dem Sender war ein vierseitiges Dokument des präsidialen Staatssekretariats für Öffentlichkeitsarbeit in die Hände gekommen. Das Papier war schon vor der Pressekonferenz fertiggestellt worden. Darin waren die zwölf Fragen, die bei der Pressekonferenz gestellt wurden, in der exakten Reihenfolge aufgelistet." +++ Im sogenannten Westen unterhalten Journalisten mitunter fanähnliche Beziehungen zur Politik wie der Le-Monde-Mann Thomas Wieder zeigt, der in Washington ein Bild mit sich, Obama und FH wollte. Kam nicht so gut (NZZ). +++ Über journalistische Crosspromotion in Deutschland informiert das Bildblog: Jörg Michael Seewald wirbt in FAZ-Texten schleichend nebenher für die Sendung, die im Radio macht. +++

+++ Katharina Riehl hat für die SZ (S. 15) tatsächlich den Fleischhauer-Text gelesen, der von der – kenntlich gemachten – Mitarbeit des Spiegel-Redakteurs am Buch des bevorstehenden Wulff-Films abgefallen ist: "Dass man ausgerechnet Fleischhauer schreiben ließ, erklärt der Spiegel auf Anfrage mit Leserservice: Durch die Mitarbeit an dem Drehbuch habe er besonders tiefe und erhellende Einblicke in die Materie gewinnen können. 'Diese Erkenntnisse wollten wir unseren Lesern nicht vorenthalten.'“ +++ Die medialen Vorbereitungen zum bevorstehenden Oscar-Pistorius-Prozess in Südafrika laufen auf Hochtouren, schreibt Tobias Zick (SZ): "Diesem gewaltigen Dürsten nach Details soll nun ein eigener Fernsehsender Rechnung tragen. Einen Tag vor Prozessbeginn, am 2. März, will der südafrikanische Kabelanbieter Multi-Choice mit einem Kanal auf Sendung gehen, der rund um die Uhr vom Fall des gefallenen Helden berichten wird: Man werde „Insider-Informationen zum aufsehenerregendsten und umstrittensten Thema der jüngeren südafrikanischen Geschichte liefern“.

+++ Als Nachtrag zu den Libération-Umbau-Berichten: Der von Sascha Lehnartz in der Welt vom Wochenende ist deshalb bemerkenswert, weil der Autor Verständnis für den Widerstand gegen die Pläne aufbringen kann, in denen der Designer Philippe Starck eine Rolle spielen soll - allerdings aus reiner Konsumschnöselei: "Manch einer erinnert sich vielleicht noch an seine triefende Alessi-Zitronenpresse 'Juicy Salif'. Sah ganz gut aus, produzierte aber vor allem klebrige Arbeitsflächen in der Küche. Stand deshalb jahrelang ungenutzt herum, um ihren Besitzer als passabel lifestyle-orientiert auszuweisen." Die Libé-Besitzer sollten Dieter Rams engagieren für die Einrichtung ihres Zeitungscafés, dann sind alle happy. +++ Paul Ingendaay berichtet in der FAZ (Seite 37), dass die Fernsehgelder im spanischen Fußball künftig nicht mehr ganz so ungleich verteilt werden sollen wie aktuell. +++

+++ Sonja Álvarez schreibt im TSP, dass der Deutsche Presserat, die freiwillige Selbstkontrolle der Medien, Kommentarregeln einführen will. Klarnamen würden aber nicht zur Pflicht: "Viele Zeitungen und Zeitschriften würden die Kommentare bereits engmaschig vor oder kurz nach der Veröffentlichung in den Foren kontrollieren. 2013 habe der Presserat lediglich zehn Beschwerden zu Forenbeiträgen erhalten. Dabei sei es um Beleidigungen gegangen, aber auch darum, dass Redaktionen mit Bezug auf ihr moderationsrecht Beiträge aus den Foren entfernt hatten." Conmio2001 kommentiert unter dem Text: "Regeln für Kommentare sind nichts wert, wenn über diese Regeln die Moderatoren frei urteilen, die sich - wie bei ZEIT Online - folgendermaßen ereifern, Zitat: 'Entfernt. Auch wenn Ihr Kommentar ironisch gemeint war, mussten wir diesen entfernen. Ironie lässt sich sich in schriftlicher Form in Kommentaren kaum transportieren. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen, konstruktiven Beiträgen an der Debatte. Danke, die Redaktion.'" +++

Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder.

weitere Blogs

Manchmal gehe ich voll auf Hashtags ab, diese kleinen Rauten hier: # Da dieses Gitternetz sowohl seinen 10. Geburtstag feiert als auch oft meine Predigten inspiriert hat, möchte ich ein paar Glückwünsche ins Netz senden, um seine Existenz zu feiern.
Orgel-Audiomat
In Braunschweig können Sie ab 50 Cent die Orgel zum Spielen bringen.
Podcast-Perlen gibt es, nur zum Beispiel, über vietnamesische Einwanderer, alte Bücher und Zusammenhänge in der Wirtschaft. Und der Journalismus-Haudegen Gabor Steingart und die RTL-Gruppe wollen längst auch auf Abruf angehört werden.
Europa-Wahl 2019
Die bevorstehende Europa-Wahl steht im Zeichnen des Erstarkens nationaler Interessen und anti-europäischer Strömungen. Das ist kein gutes Zeichen für Homosexuelle und Transgender und ihre Rechte. Ein Plädoyer für ein Europa, das selbstverständlich bleiben muss.
Die Digitalkonferenz re:publica kam 2019 reichlich kulturpessimistisch rüber. Liegt vielleicht daran, dass Internet und Digitalisierung die Wild-West-Zeiten hinter sich haben und langsam klar wird, welche Variante der digitalisierten Welt wir eigentlich wollen.