Lacht kaputt, was euch kaputt macht

Lacht kaputt, was euch kaputt macht

Von Grimme bis Wächter - heute ist der Tag der Preise. Und Ton-Steine-Scherben-Tag ist auch.

Dass die Frankfurter Rundschau mit einem Wächter-Preis ausgezeichnet wird, der wichtigsten Auszeichnung für Tageszeitungsjournalismus, ist normalerweise nicht bemerkenswert, schließlich gehört sie zu den wichtigsten Tageszeitungen im Lande. Angesichts der aktuellen Lage sollte man aber doch erwähnen, dass die Stiftung Freiheit der Presse, die den Auszeichnung jährlich vergibt, heuer auch die FR gekürt hat - für ihre Artikelserie über „die Drangsalierung vier hessischer Steuerfahnder, die im Schwarzgeldskandal der Hessen-CDU und wegen Steuerhinterziehung von großen Banken ermittelt hatten und unter Roland Koch (CDU) im Auftrag des Landes Hessen mit falschen Gutachten für unheilbar paranoid erklärt wurden.“ Angesichts der bevorstehenden Degradierung zum Beiboot einer Hauptstadtzeitung wird die FR ihre Wächterfunktion künftig wohl nicht mehr in einem Maße erfüllen können, dass dabei noch Preise herausspringen. Der Anfang vom Ende der FR, wie wir sie kannten, ist auch heute ein Thema auf den Medienseiten, wobei ein Anlass die heutige Betriebsversammlung in Frankfurt ist. In Anspielung auf die zukünftigen Mantellieferanten titelt die taz: „Ich hab‘ noch einen Mantel in Berlin.“ Quintessenz des Artikels: Die FR „verliert alles bis auf ihren guten Namen - und ihren Regionalteil“. In der FAZ (S. 35) würzt, Michael Hanfeld, wie es sich gehört für einen Frankfurter Allgemeinen Ideologen, inhaltliche Kritik mit einer politischen Spitze:

"Vom Niedergang eines linken, sozialdemokratischen Milieus versucht sich die 'Rundschau' ... schon lange abzukoppeln, durch frische Themensetzung, die aber eben auf der ersten Seite beginnt und im ersten Buch stattfindet, nicht im Lokalteil." 

„In Abwandlung eines Klassikers von 'Ton Steine Scherben' könnte man auch sagen: Lacht kaputt, was euch kaputt macht." Mit diesem Zitat des Medienwissenschaftlers Gerd Hallenberger endet ein Artikel in der heutigen FR. Vielleicht sagen sich das derzeit ja auch einige Redakteure in Frankfurt. Die Passage steht aber aus anderen Gründen, denn der Text ist ein großer Rundumschlag über den Trend zur Witzigkeit in den verschiedensten TV-Genres. Wenn aber schon Ton Steine Scherben in einem Artikel über lustiges Fernsehen vorkommen, muss natürlich daran erinnert werden, dass eines der Bandmitglieder für einen der lustigsten Momente der bundesdeutschen TV-Historie verantwortlich ist (siehe auch Foto des Tages).

[listbox:title=Artikel des Tages[Mantel in Berlin (taz)##Zum Kaputtlachen (FR)##Einsortierte Heimat (SZ)]]

Die zweite ausführlichere Auseinandersetzung einem kleinen TV-Trend findet sich im Tagesspiegel. Der beantwortet nämlich die Frage, „warum Fernsehtalks häufiger Printjournalisten einladen als Kollegen aus den angeschlossenen Funkhäusern“. „Fernsehjournalisten fühlen sich oftmals eher der Neutralität verpflichtet“, erläutert zum Beispiel Tim Kesting, Redaktionsleiter von Probono Berlin („2+Leif“, „Das Duell“). Printleute dagegen, die Argumentation des Artikels sei hier mal mal salopp verkürzt, sind es gewohnt, auf die Tonne zu hauen, und darauf kommt es ja nun mal an bei der Plauderrunden.

Die etwas grundsätzlicheren Betrachtungen, die Tagesspiegel und FR heute liefern, passen natürlich ganz gut an einem Tag, an dem die Grimme-Preise verliehen werden, also die wichtigsten, die Fernsehmenschen kriegen können. Thomas Gottschalk, der größte Samstagabendunterhalter aller Zeiten (Grösaz), bekommt zum Beispiel „den Ehrenpreis des Deutschen Volkshochschulverbandes für sein Lebenswerk“. Eine berauschte Eloge liefert Patrick Bahners in der FAZ ab (S. 35). Gottschalk hat am selben Tag Geburtstag wie der Papst, und auf eine entsprechende Frage hat der Moderator einmal gesagt: „Ich weiß das schon, ich weiß nur nicht, ob der Papst es weiß.“ Wir blenden uns ein bei Bahners:

„Geistesgegenwart ist das Geheimnis der Wirkung von Thomas Gottschalk, und in dieser Antwort offenbart sich, was für ein Geist da über die Jahre und bis heute in fast beängstigender Vitalität Präsenz zeigt, in der geistfernen, ja, scheinbar geisttötenden Sphäre des Unterhaltungsfernsehens, im Reich des Aufgesagten, Eingespielten und Abgespulten. Gottschalk frappiert, indem er sich Freiheiten nimmt und dann keinen Gebrauch davon macht. Im Fluge passiert er die Grenzanlagen der Schicklichkeit, man lacht und weiß dabei schon, dass er die Grenze gar nicht überschritten hat. Der Akt der Unverfrorenheit ist Kunststück, riskant für den Artisten, aber ohne Gefahr für den Rest der Welt.“

Der Kölner Stadt-Anzeiger interviewt den nun endlich mit einem „Grimme-Pokal“ ausgezeichneten Kurt Krömer. Wie es in der Jury Unterhaltung zuging, die Krömer seinen Preis gab, erfährt man aus der Funkkorrespondenz (Disclosure: Der Lieferfant Ihres heutigen Altpapiers hockte in eben jenem Expertengremium). Die amtliche Sause mit Gottschalk, Krömer und Co. gibt es bei 3sat zu sehen (Zusammenfassung 22.25 Uhr, vorher live online).


Altpapierkorb

+++ Die taz beschäftigt sich mit „+1“, Googles Antwort auf den „Gefällt-mir“-Button von Facebook. Obwohl: „‘Es geht überhaupt nicht darum, einen Facebook-Killer zu bauen‘, sagt Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland. ‚Es geht darum, das Internet insgesamt sozialer zu machen.‘“ Udo Jürgens, dem die Ehre zuteil wird, schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen im Altpapier erwähnt zu werden, hat dazu vermutlich eine andere Meinung. Er „singt gerade, im Alter von 76 Jahren, eine Google-Kritik“, schreibt der Freitag.

+++ Die Süddeutsche blickt voraus auf die ARD-Themenwoche „Der mobile Mensch“, die der Senderverbund gestern in Hamburg vorstellte. Im Wirtschaftsteil interviewt Hans-Jürgen Jakobs Bernd Buchholz, den Vorstandschef des Verlags Gruner + Jahr, der gestern seine Bilanzpressekonferenz abhielt. Schönster Dialog des Gesprächs: „China ist keine Demokratie, sondern ein Polizeistaat. Wie problematisch sind Geschäfte dort für Sie?“ -„Überhaupt nicht. Wir vertreiben dort vor allem Frauenzeitschriften. Wir haben keine Probleme mit Zensur. Aber es gilt: Pressefreiheit ist für uns ein hohes Gut.“ Den Wolf-Schneider-Award des Tages verdient sich Buchholz mit dem sensationell umständlichen Satz: „Dieses Haus wird, auch durch mich, wieder sehr stark als Heimat der Journalisten einsortiert.“

+++ Noch mehr aus der Magazinwelt: Obwohl „der einstige Spezialist anspruchsvoller Massentitel eine Kleinzeitschrift nach der anderen startet, von Beef bis Dogs“ (Jakobs): Der Tödliche Pass ist nicht vorstellbar im Portfolio von G+J. Die Fußballintellektuellen-Zeitschrift (nicht negativ gemeint) feiert heute in München ihre 60. Ausgabe. Wer sich für „one of the most distinguished titles in British journalism for more than six decades“ interessiert, darf sich freuen, dass die BBC die Ausgabe der Zeitschrift The Listener aus den Jahren 1929 bis 1991 zugänglich gemacht hat (Guardian). Zu den Autoren des Blattes zählte Virginia Woolf.

+++ Historisch angehaucht geht es weiter: Die Jüdische Allgemeine interviewt Gert Rosenthal, den VaterSohn des jüdischen Moderators Hans Rosenthal, zu den Plänen des NDR, die ZDF-Quizshow „Dalli Dalli“ mit Kai Pflaume als neuem Rosenthal wieder aufleben lassen. „Trauen Sie Kai Pflaume den einbeinig abgesprungenen Rosenthal mit geschmettertem ‚Sie sind der Meinung, das war Spitze‘ zu? - „Mein Vater war ja nicht sehr groß. Da ist es möglich, dass Kai Pflaume sogar höher springen kann.“ Im übrigen, so Rosenthal junior, sei Pflaume „ein sehr feinfühliger Moderator“.

 +++ Längere Wochenendlektüre (143 KB) zu einem internationalen Medienthema gefällig? „A close look at the digital media revolution in sub-saharan Africa“, lautet der Titel eines Reports der Konrad-Adenauer-Stiftung.

+++ Weiter internationale Themen; „Die libysche Revolution erhält eine neue Stimme: Im katarischen Dauha ist Libya TV auf Sendung gegangen“, meldet die NZZ. Die Jungle World porträtiert den linken israelischen Blogger Itamar Shaltiel (Slippery Slope), der dank „kurzer, nachrichtlich verfasster Meldungen“ findet. Zum Beispiel dieser: „Das staatliche Unternehmen für die Rekonstruktion und Entwicklung des Jüdischen Viertels in der Altstadt von Jerusalem versucht, einen Bewohner zu vertreiben, weil er nicht jüdisch ist. Der Direktor des Unternehmens, Shlomo Atias, sagte, Christen könnten im christlichen Viertel leben.“ Durch „die lakonische Aneinanderreihung von Meldungen“ erzeuge „eine Unmittelbarkeit, die analytische Artikel kaum erzielen könnten“. Durchaus bemerkenswert - denn normalerweise fallen Blogger ja nicht durch nachrichtliche Formulierungen auf.

Der Altpapierkorb füllt sich am Montag wieder.

 

 

 

 

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