Ein historischer Tag

Ein historischer Tag

Bei Kochshows kotzt wenigstens keiner ins Bild, Oliver Pocher hat eine neue Methode gefunden, sich großzureden, und die TAZ amüsiert sich nicht nur in Bayreuth: Neues vom Fernsehprogramm.

Liebe Studierende der Mediengeschichte: Datum dieses Tages markieren! Sat. 1 taucht mal wieder auf den Medienseiten auf. Und es geht nicht um Sparpläne.

Es ist Ende August. Neue Staffeln beginnen, neue Konzepte werden ausprobiert und alte Hüte aufgesetzt. Und so sind die Medienseiten heute voll von Texten über das Segment Comedy und die Teilbereiche Sitcom, Late-Night-Versuch und Casting. Der Tagesspiegel etwa hat Oliver Pocher (Sat.1) im Interview, der Kölner Stadt-Anzeiger und die SZ schreiben über Cordula Stratmann und Annette Frier (Sat.1), die TAZ porträtiert Oliver Welke (ZDF, aber auch gelegentlich Sat.1), zudem startet eine Kochcastingshow (bei Sat.1), über die die Berliner Zeitung berichtet. Und dann wäre da noch eine Meldung aus dem Reich der ARDKurt Krömer moderiert mit der comedytechnisch fachfremden Sandra Maischberger den Deutschen Fernsehpreis (am ausführlichsten DWDL).

Was kann man von der Morgenlektüre mitnehmen in diesen also irre witzigen Tag?

Zum Beispiel dass Schauspieler ihre Telefoninterviews auch auf Spielplätzen geben, wie Antje Hildebrandt für den Kölner Stadt-Anzeiger herausgefunden hat: "Annette Frier muss nebenbei noch ihrem Sohn Bruno Anschub geben. 'Was Sie im Hintergrund hören, ist eine Schaukel, die quietscht', sagt die Mutter von zweijährigen Zwillingen gleich zur Begrüßung. 'Wir sind mit den Kindern auf dem Spielplatz.'"

"Wir müssen reden", heißt das neue Sitcomformat bei Sat.1 (22.15 Uhr), in dem Frier (rechts) mit Stratmann tratscht. Marc Felix Serrao von der SZ (S. 15), der zunächst mit der Joachim-Kaiser-Haltung rangegangen ist ("Und dann schaut man. Erst mit verschränkten Armen"), ist angetan:

"Frier und Stratmann, die schon in der Sat-1-Comedyreihe 'Schillerstraße' miteinander harmonierten, dürfen fast drehbuchfrei improvisieren und fröhlich sein. (...) Wo andere selbsternannte Spaßveranstaltungen im Fernsehen entweder an ihrem onkelhaften Kabarettmief ersticken oder, um ja keine Zuschauer zu verprellen, auf Vorschulniveau runterverschlichtet sind, ist 'Wir müssen reden' so gut wie regellos - und im Ergebnis charmant und wild."

So. Dit is dit. Nächstes: Peer Schader, der nicht im Verdacht steht, sich ausschließlich in Bayreuth amüsieren zu können, findet auch was gut, und zwar anlässlich der ebenfalls heute startenden neuen Staffel der "heute Show" im ausnahmsweise ZDF (22.30 Uhr) den "heute Show"-Moderator Oliver Welke. Er zitiert ihn auf der ersten tazzwei-Seite der TAZ folgendermaßen:

"Die Herausforderung ist, den Leuten immer wieder klarzumachen, wie absurd Politik ist. Wenn Angela Merkel aus dem Urlaub zurückkommt und als neues Motto 'Ernsthaftigkeit' ausruft, frag ich mich: Was war denn vorher?"

Nächstes Thema: die hauptberufliche Leberwurst Oliver Pocher, dessen Karriere als neuer Ralph Siegel allmählich vorgezeichnet scheint, wie er im Tagesspiegel-Interview nachdrücklich unterstreicht:

"Ich bin es gewohnt, kritisiert zu werden. Egal was ich mache: Leute fühlen sich immer auf den Schlips getreten. Damit kann ich gut leben."

Normalerweise laufen solche Argumentationen ja so: Kritiker kritisieren schon wieder irgendwas, aber die sind alle blöd, denn die Quote ist ja supi! Zuletzt gehört etwa von Starinterviewer Peter Hahne, der das Konzept der ZDF-"Sommerinterviews" mit Spitzenpolitikern in Hüttenkäseromantik kürzlich mit den guten Quoten verteidigte. Quoten sind bekanntlich ein so gutes Argument wie "Esst mehr Hundekot - 50 Trilliarden Fliegen können sich nicht irren!" Und tatsächlich kommt es in einer Variation auch hier: Pochers Quoten ("Die Oliver Pocher Show", 23.15 bei Sat.1) waren, was an sich noch nichts über die Sendung sagt, tatsächlich nicht besonders, also wendet er einen Trick an - und vergleicht Fernsehen mit Zeitungen: "Im Vergleich zu den Verkaufszahlen der Klatschmagazine erreiche ich mit meiner Arbeit im Fernsehen viel mehr Menschen."

Oliver Pocher: ein Mann, den man ernstnehmen muss.

[listbox:title=Artikel des Tages[Welke (taz)##Pocher (TSP)##Raue (BLZ)##Depublikationen und Dreistufentests (SZ)]]

Die Frage nach den Erfolgsaussichten abgehangener Fernsehformate wie Kochshows stellt noch einmal Antje Hildebrandt, diesmal in der Berliner Zeitung. "Deutschlands Meisterkoch" (20.15 Uhr, Sat.1) heißt eine Mischung aus Koch- und Castingshow, bei der der Sternekoch Tim Raue, der "Iggy Pop unter den Sterneköchen", und zwei Kollegen aus 1400 Kandidaten den besten Koch finden sollen.

Warum also gibt es immer noch Kochshows, deren Boom, wie Hildebrandt schreibt, "eigentlich vorbei" sei? Sie zitiert Wolfgang Schuldlos, den "Geschäftsführer der Münchener Agentur Zenithmedia, die TV-Werberzeiten unter anderem an Hersteller von Nahrungsmitteln verkauft":

"Es ist angenehmer, im Umfeld von Tomatensoße zu werben als in Horrorfilmen: Da kotzt Ihnen garantiert keiner ins Bild."

Iggy Pop ist Tim Raue ist Iggy Pop ist Tim Raue. Irgendwie beschäftigt uns das. Iggy Pop und Raue dürften gleichermaßen begeistert sein.

 


Altpapierkorb

+++ Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler schreibt im Feuilletonaufmacher der SZ (S. 11) über Wikileaks: "Wikileaks mag mit dem Anspruch angetreten sein, für eine neue Qualität von Politik zu sorgen, aber faktisch ist es ein Spielball im weitergehenden Kampf der Mächte", und er sorgt sich: "Es hat den Anschein, als sei den westlichen Demokratien in ihrer Sorge um die Transparenz des Politischen das Wissen um den Nutzen von Geheimhaltung und Geheimnis verlorengegangen. Das aber ist, sollte es tatsächlich so sein, ein sicheres Indiz für Entpolitisierung." +++

+++ Simon Feldmer schreibt in der SZ über Depublikationen bei den Öffentlich-Rechtlichen online und Dreistufentests. Über das "Kern-Problem" der Privatmedien- und Verlegerverbände, dass Öffentlich-Rechtliche auch irgendwas mit Internet machen, schreibt er: "Daran dürfte sich, so lange es das Internet gibt, wohl nichts ändern - auch mit Dreistufentest." Nebenbei dürfte sein Text in einer Reihe noch kommender stehen: Vom 1. September an "dürfen die Öffentlich-Rechtlichen nur noch solche digitalen Angebote betreiben, für die das gesetzliche Prüfverfahren (Dreistufentest) abgeschlossen ist", wie die SZ an anderer Stelle informiert +++ Google - auch so ein Verlegerfeindbild - "will das Telefongeschäft aufmischen", schreiben die FTD und Sueddeutsche.de, wobei es zunächst um die USA geht +++

+++ Die Dreidimensionalität im Printbereich, die dieser Tage einige Zeitungen ausprobieren (zuletzt die Berliner, am Samstag die Bild, s. Altpapierkorb vom Mittwoch), beschäftigt die TAZ: "Einige Effekte sind ganz niedlich - wobei die dreidimensionale Zukunftsbeilage der Berliner Zeitung ein zwar redliches, aber doch recht eindimensionales Ziel hatte: mit diesem Gimmick möglichst viele Anzeigen reinzuholen nämlich." +++ 3D auch bei Arte: Jochen Hieber kündigt in der FAZ (S. 39) einen Hitchcock an (Samstag, 20.15 Uhr) - in 3D gedreht im Jahr 1954: "Mittels 3D stupende Raumillusionen und damit höchst lebensnahe Realitätsvortäuschungen zu erzeugen gehörte naturgemäß auch schon zum Programm jener ersten Welle dreidimensionaler Filme, die ein halbes Jahrhundert vor 'Avatar' und seinesgleichen über die Kontinente schwappte. Vor allem jedoch sollte die komplexe Technik eine Waffe im Kampf gegen das Kinosterben sein." +++ Arte.tv über den eigenen "3D-Tag" und das Filmen in 3D +++ Und Spiegel Online schreibt über neue 3D-Entwicklungsversuche: 3D-Monitore, für die man keine Brille mehr braucht +++

+++ Die TAZ glossiert Neuerscheinungen aus dem Verlag der Bertelsmann-Stiftung: "Welches andere Weltunternehmen, das seine oberste Konzernherrin und Miteigentümerin promoten möchte, würde sich allen Ernstes so etwas trauen: In einem solchen Werk ein sechseitiges, triefendes Bunte-Porträt von Paul Sahner ("Patriarchin mit GROSSEM HERZEN") in voller Länge inklusive Fotos nachzudrucken? Eben!" +++

+++ Michael Hanfeld berichtet aus der Ukraine von einem Dreh der Bavaria: "Dem unheimlichen, durch die Katastrophe von Tschernobyl scheinbar unerschütterten Glauben an die Atomkraft, der Energodar durchweht, wird der Film 'Unschuldiger Samstag' etwas entgegensetzen" (FAZ, S. 39) +++ Heute zeigt Arte einen Film über "Katrina" (TSP) +++ Merkel, Maffay, Messner: Die ZDF-Spendensendung (Welt.de) +++

+++ Hin und wieder taucht der polnische Sender Radio Marija in den deutschen Medien auf - heute ist so ein Tag: "Pater Tadeusz Rydzyk, der umtriebige Gründer und Chef des radikal-katholischen polnischen Senders" nutzte "die in seinem Imperium erscheinende Zeitung, um die gegen ihn in Gang gesetzte neuerliche 'linke Verschwörung' aufzudecken", schreibt die Berliner Zeitung +++ Und Stefan Niggemeier schreibt in seinem Blog über Versuche des BR, etwas zu bebildern +++

Frisches Altpapier gibt es am Montag um 9 Uhr.

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