Das spätpubertäre Internet

Das spätpubertäre Internet

Sascha Lobo machte als Papierzeitungs-Chefredakteur für einen Tag viel Wind am Rhein. Arg resigniert dagegen in Berlin-Mitte: die deutschen Medienwächter.

Hach, wie gern würde man jetzt in Koblenz sitzen, zu Füßen Kaiser Wilhelms oder vielleicht sogar in dieser tollen Seilbahn, mit der frischen Rhein-Zeitung rascheln und dabei herauszufinden versuchen, ob das papierne Totholzmedium neue Lebendigkeit versprüht. Denn als Chefredakteur für einen Tag wirkte gestern Sascha Lobo, dieser "Internet-Star", "dieser Internet-Evangelist" (so der eigentliche RZ-Chefredakteur und relative Twitter-Evangelist Christian Lindner).

Doch das Blatt erscheint eben vorrangig zwischen Baumholder und Betzdorf und ist in den meisten Zeitungsläden Berlins nicht zu haben. Insofern müssen wir uns mit dem Online-Widerschein des Lobo-Engagements begnügen. Und der ist ziemlich gewaltig. Die Rhein-Zeitung, ohnehin bekannt als digital-afffin (siehe medium-magazin), hat eindrucksvolle Verwertungsketten errichtet. Es gibt z.B. ein lustig montiertes Video, ein getextetes Making-of zum Onlinevideo ("Herr Lobo. Sascha Baby") und einen vom "vermutlich einzigen Social Media-Redakteur einer deutschen Regionalzeitung", Lars Wienand, gestalteten Liveticker zum Nachlesen von Lobos gestrigem Arbeitstag im Einzelnen.

Überdies wurde die Seite rhein-zeitung.de/lobo eingerichtet, auf der die globalen Lobofans alles finden, was so wohl auch in der Zeitung gelandet ist.

Also etwa Lobos Leitartikel "Wie kann das Internet die Welt verbessern?", an dem der Chef laut Liveticker um 18.54 Uhr noch schwitzte, um Längenvorgaben einzuhalten. Er schreibt nun launig:

"Die Frage in der Überschrift ist natürlich ungerecht - wieso setzt man ein junges Medium so sehr unter Druck? Der erste echte Browser, also das Programm, mit dem man durch das Netz surft, wurde erst 1994 vorgestellt. Sollte man nicht wenigstens bis zur Volljährigkeit des Internet abwarten? Auf der anderen Seite sind Jugendliche mit sechzehn Jahren oft ernstzunehmende Gesprächspartner, über das 'Wahlrecht ab 16' wird sogar diskutiert. Das spätpubertäre Internet sollte diesem Alter also ein wenig Verantwortung übernehmen können."

Und führt dann Webseiten wie ushahidi.com an, "eine Art Facebook für Krisengebiete", die die Welt bereits besser machen. Im Aufmachertext der heutigen Rhein-Zeitung, "Die vergessenen Kriege", wiederum heißt es:

"Dabei ist gerade das Medium Zeitung seit seinen Anfängen im 17. Jahrhundert gleichsam untrennbar mit diesem Thema [Krieg] verbunden: Der Pressehistoriker Gerhard Piccard ging gar so weit, den Krieg als 'Vater und Ernährer der frühen Zeitung' zu sehen."

Während also das Internet trotz seiner Jugend schon Gutes tut, profitierte die Zeitung von Anbeginn von der Schlechtigkeit der Welt? Womöglich hat Lobo da ein elaboriertes Medien-Weltbild konzeptuell in die Form einer regionalen Tageszeitungsausgabe gegossen. (Wobei andererseits der Artikel des RZ-Redakteurs Carsten Luther ein interessantes Plädoyer für "Friedensberichterstattung" ist, dem man bloß mehr Zeilen gwünscht hätte.)

Wieauchimmer, Lobos Theorie, "was ein Redakteur so interessant findet, dass er es unbedingt schreiben möchte, wird auch viele Leser interessieren" ist sympathisch. In Koblenz hat er viel Wind gemacht und Aufmerksamkeit auf die noch immer reiche Landschaft der Regionalpresse gelenkt. Ja, am besten sollte Sascha Lobo bei jeder der zahlreichen deutschen Regionalzeitungen einmal als Chefredakteur gastieren. Das täte der Presselandschaft gut. Und für die Berliner wäre es auch ganz schön.

[listbox:title=Artikel des Tages[Lobos Koblenzer Leitartikel##Wie der Krieg die Zeitung nährte (auch RZ)##K. Neven DuMonts Quasi-Gegenrede (KStA)##Buschheuer über ihre TV-Verfilmung (Tsp.)]]

In der Hauptstadt gibt's natürlich auch jede Menge Brennpunkte des Mediengeschehens. Seit dem gestrigen Dienstag noch einen mehr: In einem der gewaltigen, finsteren Bürobauten, die in der Friedrichstraße weiterhin wie Pilze aus dem Boden schießen und zur weiteren Verschattung der Gegend beitragen, hat die Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten ihre gemeinsame Geschäftsstelle eröffnet. "Zentrale Aufgabe der Einrichtung ist es, die Arbeit der Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK), der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM) und der Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK) zu koordinieren." (Funkkorrespondenz).

Auf der Eröffnungs-Pressekonferenz wurde der Programmbericht 2009 vorgestellt, demzufolge RTL und Sat.1 sich in der Dauer ihrer Nachrichtensendungen immer mehr unterscheiden. Nun fordern die Medienwächter von den Privatsendern eine Selbstverpflichtung (siehe Süddeutsche, noch kürzer TAZ) - aber nicht ohne zu wissen, dass sie mehr als Freiwilligkeit fordern sowieso nicht können. "Wenn die ProSiebenSat1-Gruppe einfach sagt, wir müssen ja gar nicht darüber diskutieren, werden wir Medienwächter diese Bücher schließen müssen", zitiert der Tagesspiegel Norbert Schneider.

Der Düsseldorfer Schneider, der wohl relativ bekannteste und in jedem Fall belesenste deutsche Medienwächter, der aber nun in den Ruhestand eintritt, ziterte zur weiteren Erläuterung der Lage gar noch Albert Schweitzers Ausspruch "Resignation ist die Halle, durch die wir in die Ethik eintreten".

Herrje, einen derart resignierten Eindruck machen die älteren Herren Medienwächter, dass man ihnen ein wenig Lobohaftigkeit wirklich wünschen würde. 


Altpapierkorb

+++ Zurück an den Rhein: Ein bisschen rheinabwärts von Sascha Lobos am Mittwochmorgen weiterhin aktuellem Aufenthaltsort (vgl. Google Latitude-Anzeige auf saschalobo.com) hat ein anderer juveniler Mediendarling zur Feder gegriffen, um darauf hinzuweisen, dass "die mangelnde Regulierung des World Wide Web ...auch Kehrseiten" hat. "Die Politikverdrossenheit nimmt weiter zu. Zurückgehende Wahlbeteiligungen sind ein Beweis dafür. Liegt das auch an der Digitalisierung?", argumentiert Konstantin Neven DuMont ebenso kühn wie knapp im eigenen Kölschen Stadtanzeiger. +++

+++ Auch eine facettenreiche Medien-Persönlichkeit: Else Buschheuer, die schon Privatsender-Wetterfee war, eine Art früher Kulturmagazin-Dieter Moor bei der ARD (dann aber doch nur aufsagen durfte, was Redakteure vorformuliert hatten) sowie jeweils frühzeitige Hardcore-Bloggerin und -Twitterin. Jetzt hat die ARD, für die Buschheuer weiter tätig ist, ihren Roman "Masserberg" verfilmt. Der Tagesspiegel führte ein langes Gespräch mit ihr ("Kurz hab ich der Bavaria verübelt, dass die Schauspieler Order hatten, den Roman nicht zu lesen. Inzwischen hab ich das verstanden. Die Figuren waren zu ambivalent für einen Fernsehfilm. Sie hatten alle ... in hohem Maße das Gute und das Böse. Da verliert man schnell die Orientierung. Das hätte die Schauspieler nur unnötig verwirrt"). +++ Zum Film: "Mit feiner Hand sind auch Ausstattung und Kostüm zu Werke gegangen" (SZ). +++ "Es passiert wohl nicht oft, dass öffentlich-rechtliche Liebesszenen mit Musik der Band 'Rammstein' unterlegt werden." (FAZ). +++ BLZ ("Am Ende wird die Verfilmung leider völlig unglaubwürdig"), TAZ ("Zu viel 'Romeo und Julia' - und zu wenig 'Das Leben der Anderen'"). +++

+++ Personalien: Überraschung in der Schweiz: Roger de Weck ist zum Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Rundfunkkonzerns SRG gewählt worden (Süddeutsche). +++ Ungerechterweise verdient P7S1-Chef Thomas Ebeling viiiel weniger als ehemalige Vorstandsmitglieder (ebd.). +++

+++ Digitalien: Die Zahl der täglich abgerufenen Youtube-Clips hat sich seit letztem Oktober auf zwei Milliarden verdoppelt (Tsp.). +++ "Die multimedialen Möglichkeiten des iPad" hat die BLZ "in einem kleinen Entwicklungslabor in Berlin-Neukölln" betrachtet, und zwar bei der multimedialen Romanautorin Adelheid Seltmann. Schon träumen Buchverlage von Buchvorstellungen im Berghain. +++Annette Schwindt, deren "Facebook-Buch“ Ende Mai erscheinen soll, beschreibt in FAZ (S. 35) besonnen, warum seit der Einführung des Open Graph "Facebook keiner mehr versteht". +++

++ Die Kollegen Kolumnisten: TAZ-Kriegsreporterin Silke Burmester hat sich von LeserInnen-Spenden u.a. Dessous gekauft und fordert vom Spiegel ein Hörbuch in Großbuchstaben, vom ZDF Mitbestimmung beim Programmentscheidungen. +++ Patrick Beuth (FR/BLZ) berichtet über die österreichische Seite checkmycase.at, "auf der Laienrichter über reale Fälle urteilen - probeweise". Ob die die Welt besser macht, ist noch ungewiss.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.  

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