Wenn jedes Schmatz-Geräusch zur Qual wird

Kinder beim Mittagessen
Sebastian Kahnert/dpa
Misophonie - die Angst und der Ekel vor Alltagsgeräuschen wie Kauen, beginnt oft schon im Kindesalter, betrifft aber meist 12- bis 16-Jährige (Symbolbild).
Therapeutin über Misophonie
Wenn jedes Schmatz-Geräusch zur Qual wird
Kaugeräusche nerven viele Menschen. Für Personen mit Misophonie sind sie jedoch unerträglich. Ein Gespräch mit Professorin Elisa Pfeiffer von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt über Wut, Ekel und den Hass auf Geräusche.

Schmatzen, lautes Atmen oder das Klicken eines Kugelschreibers: Für Menschen mit Misophonie sind bestimmte Alltagsgeräusche absolut unerträglich. Sie reagieren oft mit Wut, Ekel oder starken Fluchtreflexen. Meist beginnt es in der Jugend und führt zu einem massiven sozialen Rückzug. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Elisa Pfeiffer erforscht diese noch wenig bekannte Symptomatik und behandelt Patienten an der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Ingolstadt.

epd: Frau Pfeiffer, wie sind Sie auf den Forschungsschwerpunkt Misophonie gekommen?

Elisa Pfeiffer: Bei mir war es ein Patient in der Ambulanz am Universitätsklinikum Ulm, der sehr schillernd und ausschließlich von Misophonie-Symptomen berichtet hat. Mich hat wahnsinnig interessiert, ob das Ängste oder Zwänge sind oder etwas Traumabezogenes. Wir haben im klinischen Team viel darüber diskutiert und so bin ich aus der praktischen Arbeit zur Wissenschaft gekommen.

Ist das Krankheitsbild unter Ihren Kollegen eigentlich weithin bekannt?

Elisa Pfeiffer: Nein, leider absolut nicht. Die meisten psychotherapeutischen und psychiatrischen Fachkräfte haben das Thema nicht auf dem Schirm, weil es bisher keine offizielle psychiatrische Diagnose ist. In der Gesellschaft und auf Social Media wird es zwar viel diskutiert, aber unter Fachkräften ist es kaum präsent.

Wenn Alltagsgeräusche wie etwa Kauen für Menschen mit Misophonie  unerträglich werden - das erforscht die Professorin Elisa Pfeiffer (Foto) von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Was ist der genaue Unterschied zwischen "Schmatzen nervt mich" und echter Misophonie?

"Betroffene meiden beispielsweise Situationen aus Angst vor den Geräuschen, nehmen nicht mehr am Familienessen teil, fahren keine Bahn und gehen nicht ins Kino."

Elisa Pfeiffer: Die Übergänge sind fließend. Aber bei Misophonie führen Trigger zu sehr starken Gefühlen wie Wut und Ekel, verbunden mit dem dringenden Wunsch diese zu vermeiden. Diese Reaktionen führen zu einer deutlich gesunkenen Lebensqualität einerseits und deutlichen Einschränkungen im Alltag andererseits. Betroffene meiden beispielsweise Situationen aus Angst vor den Geräuschen, nehmen nicht mehr am Familienessen teil, fahren keine Bahn und gehen nicht ins Kino.

Ist diese Störung ein erlerntes Verhalten oder eher genetisch bedingt?

Elisa Pfeiffer: Man muss immer bedenken, dass es erst seit etwa 20 Jahren Forschung zur Misophonie gibt, deshalb sind viele Fragen zur Ursache der Symptomatik noch ungeklärt. Man weiß aber bereits, dass es gewisse genetische und neurobiologische Komponenten gibt. Bei Betroffenen zeigt sich eine familiäre Häufung und bei bestimmten Geräuschen sind andere Gehirn-Areale aktiv, etwa die Emotionszentren. Aber ich erkläre es oft auch mit klassischer und operanter Konditionierung, also einem stark erlernten Verhalten.

Wie funktioniert diese Konditionierung genau?

Elisa Pfeiffer: Ein Kind ist zum Beispiel nach der Schule gestresst, weil es eine schlechte Note erhalten und Sorge hat, dass der Vater beim Abendessen danach fragen könnte. Wenn der Vater dann tatsächlich beim Abendessen danach fragt, wird dieser innere Stress mit einem eigentlich neutralen Reiz verknüpft, wie etwa dem Kauen des Vaters. Später generalisiert sich diese Stressreaktion dann oft auf weitere Ess- oder auch Atemgeräusche und auf andere Personen.

Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede, was als störend empfunden wird?

Elisa Pfeiffer: Das ist ein spannendes Feld. In chinesischen Daten wäre das interessant, da lautes Essen dort oft als positives Feedback gilt. In Deutschland haben wir anhand einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage beispielsweise herausgefunden, dass sich zwar rund 90 Prozent der Menschen an bestimmten misophonie-typischen Geräuschen stören, aber nur etwa zwei Prozent klinisch so stark eingeschränkt sind, dass man von echter Misophonie sprechen könnte.

Wer sucht bei Ihnen in der Ambulanz in Ingolstadt nach Hilfe?

Elisa Pfeiffer: Das Haupterkrankungsalter liegt zwischen 12 und 16 Jahren, ich habe aber auch schon sechsjährige Kinder mit dieser Symptomatik gesehen. Da es in diesem Bereich so wenig Versorgungsangebote gibt, kommen die Patienten wirklich von überall her zu uns, aus Norddeutschland, Holland, der Schweiz und Österreich.

Begleiterkrankungen: Depression, Ängste, Zwänge

Treten bei den Betroffenen oft noch andere psychische Probleme auf?

Elisa Pfeiffer: Ja, ein Großteil kommt mit Begleiterkrankungen wie Depressionen, Ängsten oder Zwängen. Oft muss man genau schauen, was zuerst da war. Es kann nämlich sehr gut sein, dass sich eine Depression überhaupt erst aufgrund der fehlenden Misophonie-Behandlung und des ständigen sozialen Rückzugs entwickelt hat.

Wie stark ist dieser soziale Rückzug im Alltag?

Elisa Pfeiffer: Das ist individuell unterschiedlich. Für viele ist die Misophonie schambesetzt und sie sehen sich gezwungen, Ausreden zu suchen, warum sie beispielsweise nicht mit anderen in der Pause essen können. Während für Ängste oder Depressionen unter Jugendlichen heute oft mehr Verständnis herrscht, ist Misophonie für Gleichaltrige schwer greifbar. Dieser ständige Rückzug kann sehr beeinträchtigend sein.

Wie sieht die Behandlung aus? Hilft da eine klassische Konfrontationstherapie?

"Der Stress durch diese Reize ist permanent da, ganz anders als etwa bei einer spezifischen Höhenangst."

Elisa Pfeiffer: Konfrontation allein funktioniert als Hauptstrategie nicht gut. Misophonie-Patienten sind im Alltag ohnehin rund um die Uhr Triggern ausgesetzt, da tritt kaum eine Gewöhnung ein. Der Stress durch diese Reize ist permanent da, ganz anders als etwa bei einer spezifischen Höhenangst.

Welche therapeutischen Wege gehen Sie stattdessen?

Elisa Pfeiffer: Wir nutzen ein verhaltenstherapeutisches Programm, bei dem es viel um Emotionsregulation und Entspannung geht. Ein Ziel ist es, die negativen Assoziationen aufzulockern. Man verknüpft etwa das Schmatz-Geräusch des Vaters mit etwas Positivem, wie einem goldigen Panda, und übt dann, den Alltag weniger zu vermeiden.

Was raten Sie dem Umfeld der Betroffenen, etwa der Familie oder den Lehrkräften?

Elisa Pfeiffer: Die Familie sollte versuchen, das Vermeidungsverhalten zu reduzieren und nicht dauerhaft getrennt zu essen. Es kann außerdem sehr hilfreich sein, das soziale Umfeld wie Lehrer zu informieren. Die Kinder sitzen täglich sieben Stunden gestresst im Klassenzimmer mit Klick- und Atemgeräuschen. Ohne Aufklärung interpretieren Lehrkräfte den Rückzug beispielsweise als oppositionelles Verhalten.

Weitere Infos für Betroffene unter: https://www.ku.de/psychotherapie/betroffene