Immer mehr Menschen ohne Lebensfreude

Traurige Frau sitzt im Zimmer
Getty Images/iStockphoto/JulPo
Was tun, wenn die Lebensfreude schwindet?
Anstieg bei Depressionen
Immer mehr Menschen ohne Lebensfreude
Die Zahl depressiver Menschen steigt. Das Nachlassen der Lebensfreude habe längst eine klinische Dimension, erklärt Martin Walter, Direktor der Uniklinik für Psychiatrie in Jena. Das liegt nicht nur an verbesserter Diagnostik.

Zwölf ist eine gute Zahl. Dann sind intensive Gespräche möglich. "Doch wir waren auch schon 25 in der Gruppe", sagt Edith Bald-Priebsch. Sie ist Vorsitzende des Kreuzbunds in der Diözese Würzburg, der alkoholsüchtigen Menschen hilft. In jüngster Zeit war der Zulauf auffallend groß, sagt sie: "Immer mehr Menschen scheinen keine Lebensfreude mehr zu haben."

In den Gruppen würden immer häufiger Probleme thematisiert, die früher nicht so virulent waren. Preissteigerungen, Angst vor Altersarmut und ein womöglich kommender späterer Einstieg in die Rente.

Edith Bald-Priebsch ist seit 27 Jahren abstinent. Doch obwohl sie heute nach eigenen Worten gut mit sich selbst umgehen kann, bekam sie im vergangenen Jahr eine Depression. Auch bei ihr spielten, neben individuellen Einflüssen, negative Entwicklungen in der Gesellschaft und der Arbeitswelt eine Rolle: Es gab Momente, in denen sie einfach an nichts mehr Freude hatte.

Das Nachlassen der Lebensfreude habe eine klinische Dimension, erklärt Martin Walter, Direktor der Uniklinik für Psychiatrie in Jena. Bis vor fünf Jahren sei man davon ausgegangen, dass der Anteil depressiver Menschen in etwa stets gleich sei. Ein Anstieg der Zahlen sei mit vermehrter Diagnostik begründet worden.

Polykrisen

Neueste Daten des Robert Koch-Instituts zeigten jedoch, dass Depressivität tatsächlich stark zunehme. Im Zeitverlauf stieg die offiziell erfasste Krankheitshäufigkeit zwischen den Jahren 2012 (14,4 Prozent) auf 17 Prozent im Jahr 2024. Bei den unter 30-Jährigen fiel der Wert mit 10,2 Prozent am niedrigsten aus, in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen mit 21,8 Prozent am höchsten. Unter den Bundesländern lagen die prozentualen Werte am höchsten in Berlin, am niedrigsten in Sachsen.

Nicht selten werden laut Walter die aktuellen Polykrisen, das gleichzeitige Auftreten mehrerer eigenständiger Krisen, die sich gegenseitig verstärken, als Treiber vermutet. Dafür gebe es allerdings bislang keinen Beleg. Dazu müsse erst noch geforscht werden.

Zahl der Suizide steigt

Walter verweist auch auf die seit 2019 steigende Zahl von Suiziden. 2024 setzten laut Statistischem Bundesamt 10.372 Menschen ihrem Leben selbst ein Ende. Das waren über sieben Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. In den Psychiatrien wiederum könne indes kein Anstieg beobachtet werden, weil die Kliniken am Limit arbeiteten: Man könnte schlicht nicht mehr Patienten aufnehmen. Zu beobachten ist laut dem Psychiater jedoch eine Zunahme der Schwere der Erkrankungen.

Wie das ist, keinen Funken Lebensfreude mehr zu haben, weiß Eberhard Hadem. Der Pfarrer aus dem fränkischen Roth kämpfte 2024 mit einer doppelten Vakanz in seiner Gemeinde und verausgabte sich völlig. Er erlitt einen zweiten Herzinfarkt. "Die Lebensfreude hat insgesamt abgenommen, das kann ich bestätigen", sagt er mit Blick auf das, was er bei Hausbesuchen erlebt.

Angst, sozial abzustürzen

Groß sei die Angst, sozial abzustürzen. Verschärft werde das Problem durch Vereinzelung. "Es wird so getan, als sei Einsamkeit ein persönliches Schicksal", sagt Hadem. Doch Einsamkeit werde politisch fabriziert, dadurch, dass es immer weniger Möglichkeiten gebe, sich zu treffen. Irgendwann schließt im Dorf die letzte Kneipe. Irgendwann der letzte Laden.

Die Lebensfreude nimmt auch bei chronisch kranken Menschen ab. Davon berichtet Herbert Temmes, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. Er verweist auf eine Online-Erhebung aus dem Jahr 2023, nach der jeder dritte MS-Erkrankte dauerhaft mit depressiver Verstimmung zu tun hatte. Weil sich deren Versorgung deutlich verschlechtere, nähmen Mut und Lebensfreude weiter ab.

Wird man in Zukunft noch direkt zum Facharzt gehen können? Werden chronisch Kranke zunehmend als "Kostenfaktor" angesehen? Laut Temmes erlebten viele Menschen mit chronischer Erkrankung die aktuellen Spardebatten im Gesundheitsbereich als massive Belastung, was die Lebensfreude weiter sinken lasse.

Info: Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, oder jemanden kennen, der suizidgefährdet ist, suchen Sie Hilfe. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/1110111 und 0800/1110222. Auch ein Kontakt per Chat und E-Mail ist möglich: www.telefonseelsorge.de

Informationen des RKI: 

National Mental Health Surveillance des RKI (englisch): https://www.rki.de/EN/Topics/Noncommunicable-diseases/Health-surveys/Studies/mental-health-surveillance.html