Der schlimmste Moment war in der Straßenbahn frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit. "Mich erwischte eine Hammer-Hitzewelle, ich bekam einen hochroten Kopf, der Schweiß lief nur so, und als ich mich erhob, sah ich auf dem schwarzen Plastiksitz einen feuchten Fleck", sagt die 52-Jährige. "Das war so peinlich, ich bin regelrecht aus der Bahn geflüchtet."
Die Frau mit den punkig-blau gefärbten Haaren, die das erzählt, gehört zu dem einen Drittel von Frauen, die ganz besonders stark unter den Wechseljahren leiden. Plötzlich auftretende Schweißausbrüche gehören für sie seit vier Jahren zum Leben - so wie viele weitere Symptome.
Hitzewellen sind zwar als Merkmal der Wechseljahre am bekanntesten, jedoch nur eins von vielen möglichen Symptomen des Klimakteriums. Weitere sind etwa: Schlafstörungen, Herzrasen, Schwindel, Reizbarkeit, Gelenkschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Brain Fog, Gedächtnisprobleme, Leistungsminderung, Inkontinenz, Osteoporose sowie starke Schulterschmerzen.
Neun Millionen Erwerbstätige in Wechseljahren
Rund neun Millionen erwerbstätige Frauen sind laut der Deutschen Menopausen-Gesellschaft mit Sitz in Marburg in den Wechseljahren. Das ist rund ein Fünftel der arbeitenden Bevölkerung. Im Schnitt haben Frauen ihre letzte Regelblutung mit 51 Jahren, klimakterische Beschwerden können aber bereits vorher auftreten.
Die hormonelle Umstellung während der Wechseljahre dauert rund 10 bis 15 Jahre. Während rund ein Drittel der Frauen sehr stark beeinträchtigt ist, leidet ein Drittel unter moderaten Symptomen und ein weiteres Drittel ist nahezu beschwerdefrei.
Tabu gebrochen?
Die Zeiten, in denen Wechseljahre ein gesellschaftliches Tabu waren und Frauen höchstens untereinander und hinter vorgehaltener Hand über ihre körperlichen Veränderungen und Beschwerden sprachen, sind vorbei. Ein Blick ins Internet zeigt eine Fülle von Ratgeber-Seiten und Portalen. Hinter ihnen stehen nicht nur Ärzte, Universitäten und Krankenkassen, sondern auch Pharmakonzerne, Drogeriemärkte, Influencerinnen und selbst ernannte Wechseljahr-Coaches.
Aber ist das Tabu wirklich gebrochen? "Nein", sagt Inga Sonnenfeld, Fachärztin für Arbeitsmedizin in Hannover. "Das Bewusstsein für die Wechseljahrsbeschwerden ist größer geworden, die Toleranz ist gestiegen, aber davon, dass wir offen, ehrlich und selbstverständlich über dieses Thema sprechen, sind wir noch immer weit entfernt."
Offene Kommunikation wichtig
Damit sich das ändert, hat Sonnenfeld im Auftrag der Deutschen Messe in Hannover die Belegschaft zu einer Infoveranstaltung geladen. "Wer über die Symptome Bescheid weiß, versteht Wechseljahrbeschwerden besser und kann sich viel kollegialer verhalten", sagt die Betriebsärztin. Der häufigere Gang zum Waschbecken, Ventilator und Fächer auf dem Tisch, der Wunsch nach einem geöffneten Fenster und frischer Luft, Klagen über Konzentrationsstörungen, das größere Ruhebedürfnis - "all das ergibt dann plötzlich Sinn".
Eine offene Kommunikation in den Unternehmen über Wechseljahre und die Sensibilisierung von Führungskräften ist auch nach Ansicht des TÜV-Rheinlands wichtig. Maßnahmen könnten etwa Homeoffice, atmungsaktive Arbeitskleidung, Umkleiden mit Waschgelegenheiten und Klimaanlagen sein sowie die Möglichkeit, die Raumtemperatur individuell anzupassen. Rückzugsmöglichkeiten könnten zudem Gereiztheit und Stress reduzieren.
Wirtschaftlicher Schaden: 9,4 Milliarden Euro
Vorzeitiger Ruhestand, Krankschreibung, Arbeitszeitreduzierung, ausgeschlagene Beförderungen: Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin beziffert den wirtschaftlichen Schaden unbehandelter Wechseljahrsbeschwerden in Deutschland auf 9,4 Milliarden Euro; rund 40 Millionen Arbeitstage gehen der Studie "MenoSupport" zufolge jährlich verloren.
Fast zehn Prozent der Frauen über 50 zögen den Vorruhestand in Betracht, bei den Über-55-Jährigen seien es sogar fast doppelt so viele. "Diese Zahlen zeigen eindrücklich, dass das Klimakterium für Frauen nicht nur eine persönliche Herausforderung ist, sondern auch ein zentrales Thema für Wirtschaft und Gesellschaft darstellt", erklären die Forschenden. Trotzdem gebe es zu wenige Angebote zur betrieblichen Gesundheitsförderung für Frauen in dieser Lebensphase.
Deutschland ohne Menopausen-Strategie
Auf die "MenoSupport"-Studie der Berliner Hochschule bezieht sich auch ein Antrag der - damals noch oppositionellen - CDU/CSU-Bundestagsfraktion für eine nationale Menopausen-Strategie aus dem Jahr 2024. Aus den ökonomischen und sozialen Folgen der Wechseljahre ergebe sich ein politisches Thema, heißt es in dem Antrag. Wechseljahre seien kein Problem von Frauen, sondern hätten eine "gesamtgesellschaftliche Brisanz". Deutschland habe anderen Ländern wie etwa Großbritannien gegenüber einen "eklatanten Nachholbedarf".
Diese Einschätzung teilt auch Stefan Grienitz von der Industrie- und Handelskammer Elbe-Weser in Stade. Im Mai 2026 hatte Grienitz zu einer Online-Veranstaltung mit dem Titel "Wechseljahre meistern - auch im Job" geladen. Ziel: Unternehmen für die Relevanz des Themas zu sensibilisieren. Die Resonanz sei ausbaufähig gewesen, bedauert Grienitz.
Dabei gingen Wechseljahre alle an, auch Männer, schließlich seien Frauen ihre Partnerinnen, Mütter, Schwestern und Kolleginnen, sagt Grienitz. "Arbeitgeber sind gefordert, Frauen in dieser Lebensphase zu unterstützen, auch aus Gründen der Arbeitgeberattraktivität und des Fachkräftemangels."



