evangelisch.de: Was versteht man unter People-Pleasing und woran merken Menschen, dass sie betroffen sind?
Stefanie Gerke: People-Pleasing ist ein Verhaltensmuster, bei dem Menschen ihre eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Meinungen zurückstellen, um Ablehnung und Konflikte zu vermeiden und Zugehörigkeit zu sichern. Betroffene merken es daran, dass sie einen überdurchschnittlich vollen Terminkalender haben und erschöpft sind: Sie können schlecht nein sagen, fühlen sich schnell schuldig, wenn sie andere enttäuschen und gewichten die Bedürfnisse anderer höher, als ihre eigenen. Langfristig führt People-Pleasing zu innerer Erschöpfung, unterschwelligem Groll und dem Gefühl, gar nicht das eigene Leben zu leben. Im schlimmsten Fall kann das im Burnout münden.
Gibt es im Deutschen einen passenden Begriff für People-Pleasing? Warum ist der englische Ausdruck so verbreitet?
Stefanie Gerke: Einen wirklich deckungsgleichen deutschen Begriff gibt es leider nicht. Am ehesten werden "Angepasstheit", "übermäßiges Harmoniebedürfnis", "Gefallsucht" oder "Konfliktvermeidungsverhalten" benutzt, aber man merkt es schon: Keiner dieser Begriffe beschreibt so prägnant die Dynamik, sich über das Gefallen-Wollen zu regulieren, wie der englische Ausdruck. Er ist auch deshalb so verbreitet, weil das Konzept aus der angloamerikanischen Psychologie, Coaching und Selbsthilfeliteratur stammt. People-Pleasing ist übrigens keine klinische Diagnose, es handelt sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Verhaltensmuster.
Wo verläuft die Grenze zwischen gesunder Freundlichkeit und People-Pleasing? Ab wann sind wir zu nett?
Stefanie Gerke: Freundlichkeit ist natürlich grundsätzlich etwas sehr Wertvolles. Gesund ist sie dann, wenn sie von Herzen kommt. People-Pleasing geschieht aber aus einer Angst heraus. Angst vor Ablehnung, Verlust, Alleinsein. Man bemerkt das an einem inneren Druck.
Betroffene sind dann "zu nett" (wobei ich People-Pleasing nicht als nett sein verstehe), wenn ihre Gesundheit darunter leidet, sie vor lauter Erschöpfung im Burnout landen, sich innerlich ständig über andere und sich selbst ärgern und sich auf Kosten ihrer eigenen Lebensträume verbiegen.
Wenn jemand unsicher ist: Gibt es drei typische Warnsignale, an denen man People Pleasing im eigenen Alltag erkennen kann?
Stefanie Gerke: Ja, typische Warnsignale sind zum Beispiel:
1. Ich sage automatisch Ja, obwohl ich innerlich ein Nein spüre, um es der anderen Person recht zu machen.
2. Ich grüble nach Interaktionen, ob ich etwas Falsches gesagt habe oder jemand mir böse sein könnte.
3. Mein eigenes Befinden hängt stark von der Stimmung anderer ab. Ich fühle mich nur dann ruhig oder "okay", wenn alle zufrieden sind. Ist das nicht der Fall, übernehme ich innerlich die Verantwortung dafür und versuche, die Situation zu "retten".
Sarah Neder ist Redakteurin bei evangelisch.de und arbeitet daneben als freie Journalistin und Autorin. Nach Stationen bei der FAZ und der Offenbach-Post zog sie nach Manchester, wo sie unter anderem für den Tagesspiegel und den Dumont-Reiseverlag schreibt. Seit November 2020 gehört sie zum evangelisch.de-Team.
Welche typischen Denk- und Verhaltensmuster zeigen People-Pleaser? Und welche Erfahrungen oder Prägungen stehen häufig dahinter?
Stefanie Gerke: Ich fange mal von vorne an. People-Pleaser sind häufig von Natur aus sehr empathisch. Dieser Teil ist veranlagt. Sie haben ein gutes Gespür dafür, was andere Menschen brauchen.
Kommen sehr empathische Kinder in Situationen, in denen sie sich unsicher, im weitesten Sinne in Gefahr fühlen, bilden sie häufig People-Pleasing als Schutzstrategie des Nervensystems heraus (im Gegensatz zu Kindern, die rebellisch werden, beispielsweise). Gefahr kann in Form von unberechenbaren oder überforderten Erziehungsberechtigten, plötzlichen Veränderungen im Zuhause durch Scheidung, Ortswechsel oder Kontaktabbruch oder eine andere Art von Instabilität auftreten. Damit will ich nicht sagen, dass Wutausbrüche, Trennungen oder Umzüge automatisch aus Kindern People-Pleaser machen. Es kommt darauf an, wie diese begleitet werden. Kinder werden vor allem dann zu People-Pleasern, wenn sie denken, dass sie nicht okay sind, wie sie sind.
Wenn also Umstände nicht hinreichend erklärt werden oder die Erziehungsberechtigten keine Verantwortung für ihre eigenen Gefühle übernehmen. Dann ist People-Pleasing eine Strategie des Nervensystems, für gefühlte Sicherheit zu sorgen.
Als unbewusstes Denkmuster liegt dem zugrunde: "Wenn ich mich anpasse, und dafür sorge, dass es allen anderen gut geht, bin ich sicher."
Es kann auch eine unerkannte Neurodivergenz hinter People-Pleasing stecken (Autismus, ADHS, etc.). People-Pleasing ist in diesem Fall ein Maskierungsmechanismus, um nicht negativ aufzufallen.
People-Pleaser sind Anpassungskünstler. Sie sind über alle Maße entgegenkommend. Sie äußern eigene Wünsche spät oder gar nicht. Sie meiden Konflikte, wo es nur geht. Natürlich empfinden sie aber trotzdem Ärger, den sie dann eher indirekt oder ironisch äußern.
Was sind die langfristigen emotionalen oder körperlichen Folgen von People-Pleasing? Für Beziehung, Selbstwert und mentale Gesundheit?
Stefanie Gerke: People-Pleasing ist extrem anstrengend und zeitraubend. Ständig läuft ein Filter mit: "Kann ich das so sagen? Was wird jetzt von mir erwartet? Sind alle glücklich oder droht die Stimmung zu kippen?"
Betroffene sind so auf andere gepolt, dass sie sich selbst nicht mehr spüren, bzw. die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ignorieren. Sie überschreiten daher die eigenen Grenzen permanent. Das führt zu extremer Erschöpfung und kann im Burnout münden. Auf emotionaler Ebene geschieht noch etwas anderes: People-Pleaser beginnen, sich selbst extrem zu misstrauen und die eigenen Bedürfnisse sogar abzuwerten.
Das macht sie anfällig für unausgeglichene Beziehungsdynamiken, wo einer extrem viel nimmt und der People-Pleaser extrem viel gibt. Oft zieht die betroffene Person sich dann ruckartig zurück, weil die eigenen Bedürfnisse sich irgendwann mit Druck Bahn schlagen.
Weil das Nervensystem dauerhaft angespannt ist, können sich zudem häufig Schlafprobleme, Verspannungen und psychosomatische Beschwerden entwickeln.
Wie können Menschen beginnen, sich von People-Pleasing zu lösen? Gibt es einen konkreten, alltagstauglichen ersten Schritt, den Sie Ihren Klient:innen oft empfehlen?
Stefanie Gerke: Das Wichtigste ist, sich selbst besser kennenzulernen. Ich sage immer: Die Antennen waren so lange nach außen gerichtet, jetzt dürfen sie mal nach innen fühlen. Was fühle ich, was brauche ich? Ich empfehle oft Journaling, also Tagebuchschreiben, idealerweise mit konkreten Leitfragen. Entscheidend ist aber zunächst ein Umdenken. Wenn ich mir selbst keine Priorität gebe, nehme ich mir auch keine Zeit für Selbstreflexion. Für Interessierte habe ich dazu eine kurze Audio-Inspiration bereitgestellt.


