"Der Arbeitnehmer ist jetzt König", hieß es, und dass sich Berufsanfänger dank des demografischen Wandels aussuchen könnten, wo sie arbeiten wollten. Plötzlich waren sie es, die die Bedingungen diktieren konnten. Weil sie Wert auf "Work-Life-Balance" legten, also einen gesunden Ausgleich zwischen Beruf und Erholung forderten, galten sie prompt als arbeitsscheu.
Innerhalb kürzester Zeit haben sich die Rahmenbedingungen jedoch geändert. Fach- und Servicekräfte werden immer noch händeringend gesucht, doch wer frisch von der Uni kommt, fühlt sich nicht selten wie in der Fabel von Hase und Igel. Ganz gleich, wo sich die jungen Leute bewerben: Die KI war schneller. Dies ist der Beginn eines Teufelskreises: Unternehmen suchen Angestellte mit Berufserfahrung, aber wie soll man die sammeln, wenn die traditionellen Einstiegsjobs jetzt von einer Künstlichen Intelligenz erledigt werden?
Birthe Franke stellt in ihrer ZDF-Reportage unter anderem zwei Frauen um die dreißig vor, die trotz ausgezeichneter Qualifikation keine Stelle finden. Dabei handelt es sich keineswegs um Einzelfälle: 2025 haben sich nahezu doppelt so viele junge Leute mit Hochschulabschluss arbeitslos gemeldet wie 2022. Im ersten Quartal des Jahres gab fast 47.000 arbeitslose Menschen unter dreißig mit Bachelor oder Master.
Die Betroffenen verschicken Dutzende, zum Teil gar Hunderte Bewerbungen. Dabei tritt offenbar immer öfter ein Phänomen auf, das bislang vorwiegend für Beziehungsfragen galt: "Ghosting". Man ist im digitalen Austausch mit einem Menschen, kriegt jedoch plötzlich keine Reaktion mehr auf seine Botschaften. Dieser komplette Kommunikationsabbruch, der ohne Vorwarnung oder Erklärung erfolgt, findet sich mittlerweile vermehrt auch in der Arbeitswelt: Absagen sind nicht schön, aber überhaupt keine Rückmeldung auf eine Bewerbung zu bekommen, ist für die Betroffenen erst recht demotivierend.
Wenig hilfreich sind auch standardisierte Antworten, aus denen nicht hervorgeht, warum die Absage erfolgte; vor allem, wenn Bewerberinnen wie Suna oder Alina sämtliche Voraussetzungen erfüllen. Suna (32), promovierte Chemikerin mit Bestnote, kann die Zwischenzeit immerhin überbrücken und sich an der Universität Twente einer Forschung widmen, die mehr als bloß ein Zeitvertreib ist: Sie sucht nach einem nachhaltigen Pflanzenschutzmittel. Doch die Vertragsdauer ist begrenzt, ihre Arbeit wird durch ein Stipendium finanziert. Außerdem muss sie zwischen Gelsenkirchen, wo sie mit ihrem Mann lebt, und dem holländischen Enschede hin und her fahren. Mit der Familienplanung lässt sich das kaum koordinieren, zumal, wie sie sagt, "die Uhr tickt".
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Alina aus Berlin (28) ist etwas jünger, aber ähnlich frustriert. Sie hat einen Master in International Business und sucht eine Stelle im Bereich Marketing. Als ihr klar wurde, dass es vielen anderen ähnlich geht, gründete sie einen Instagram-Kanal, auf dem sie ihre Arbeitssuche dokumentiert. Alina hat bereits über dreihundert Bewerbungen verschickt und kann sogar Berufserfahrung vorweisen. Immerhin wurde sie zu dreißig Gesprächen eingeladen. Von ihren Träumen hat sie sich längst verabschiedet; Hauptsache Job.
Am Ende wird ihr womöglich nichts anderes übrig bleiben, als sich umzuorientieren, so wie Ewa, studierte Innenarchitektin mit Abschluss, die eine Ausbildung zur Tischlerin gemacht hat; ein Handwerk, bei dem sie zumindest einbringen kann, was sie an der Uni gelernt hat. Vierter im Bunde ist ein 27 Jahre alter Ingenieur mit abgeschlossenem dualen Maschinenbaustudium, der im Grunde all’ das mitbringt, was der Arbeitsmarkt braucht; er bezieht jetzt nach eineinhalb Jahren Suche nach einer Stelle Bürgergeld.
Formal funktioniert "Jung, qualifiziert und trotzdem kein Job" so ähnlich wie die ZDF-Reihe "37 Grad", also mit viel Kommentar und regelmäßigem Wechsel zwischen den vorgestellten Mitwirkenden. Die erste Herausforderung, die Suche nach interessanten Protagonisten, hat Franke gut gemeistert. Die zweite ist schwieriger: Bei Reportagen dieser Art stellt sich stets die Frage nach einer möglichst abwechslungsreichen Bebilderung, damit die Sendung nicht nur aus redenden Köpfen besteht.
Deshalb hat die Autorin die Gespräche unter anderem an ungewöhnlichen Orten geführt oder Alina, deren Erzählstrang schließlich doch noch versöhnlich endet ("Wie ein Sechser im Lotto"), beim Joggen begleitet. Das sorgt ebenso für etwas Dynamik und Abwechslung wie die verschiedenen Drohnenaufnahmen aus luftiger Höhe, aber im Grunde würde die Reportage auch als Podcast funktionieren.




