"Ehrlichkeit ist die Grundlage für Nähe und Sicherheit. Das bedeutet allerdings nicht, alles ungefiltert auszusprechen", erklärt Annette Höfte-Baalmann, Leiterin der Psychologischen Beratung der Diakonie in Hamburg.
Wesentliches sollte auf wahrhaftige, respektvolle und zumutbare Weise geteilt werden. Partner sollten ehrlich über Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen sprechen, ohne den anderen dabei zu verletzen oder zu überfordern." Nach ihrer Ansicht können sowohl Lügen als auch das Verschweigen von Wahrheit Vertrauen schädigen. "Eine Lüge ist ein aktiver Vertrauensbruch. Verschweigen wirkt oft subtiler, kann aber langfristig ebenso zerstörerisch sein." Entscheidend sei die Motivation: "Wird etwas zurückgehalten, um sich selbst Vorteile zu sichern oder Konflikte zu vermeiden, leidet die Beziehung nachhaltig."
Über Notlügen sagt Höfte-Baalmann, diese könnten "kurzfristig entlastend wirken, etwa um jemanden vor unnötiger Verletzung zu schützen". Problematisch werde es aber, wenn sie zur Konfliktvermeidung genutzt werden. "Dann untergraben sie Nähe und Offenheit und können sich zu einem schädlichen Muster entwickeln."
Für die Lüge Verantwortung tragen
Partnern, die einander belogen haben und die wieder ehrlich miteinander werden wollen, rät Höfte-Baalmann eine klare Verantwortungsübernahme ohne Rechtfertigungen. "Wichtig sind Offenheit über Motive, Raum für Gefühle und nachvollziehbare Transparenz im Alltag. Verbindliche Absprachen, Geduld und gegebenenfalls professionelle Begleitung helfen, Vertrauen Schritt für Schritt neu aufzubauen."
Ehrlichkeit in vielen Jobs eher von Nachteil
Und wie steht es ums Ehrlichsein im Beruf? Laut Uwe Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück, hängt es von der Kultur des jeweiligen Unternehmens ab, ob Ehrlichkeit im Job belohnt oder eher bestraft wird. "Bei vielen Arbeitgebern dürfte beispielsweise ein ehrliches Feedback an die eigene Führungskraft eher nachteilig sein", sagt er. "Unternehmen, die professionell aufgestellt sind, schätzen hingegen Offenheit und Ehrlichkeit."
Zu erwarten sei, dass leichte Formen der Unehrlichkeit in der Berufswelt häufiger vorkommen als schwere Formen. Eine leichte Form der Unehrlichkeit bestehe etwa darin, etwas unerwähnt zu lassen. Eine schwere Form liege vor, wenn jemand bewusst die Unwahrheit sage. Darüber hinaus dürften Menschen "eher zu Unehrlichkeit neigen, wenn sie den Eindruck haben, dass dies bei ihrem Arbeitgeber üblich ist oder sogar die eigene Karriere beflügelt", sagt Kanning.
In Bewerbungsprozessen sei Unehrlichkeit sogar die Regel, sagt der Professor. Das hätten Studien gezeigt. Ratgeber-Literatur fordere "oft explizit dazu auf, eine Rolle zu spielen und Arbeitgebern das zu erzählen, was sie gern hören möchten", sagt Kanning.
Kirche: Wahrheit als hohes Gut
Dagegen positioniert sich die Kirche eindeutig gegen Lügen und Flunkereien: "Du sollst nichts Falsches über deinen Nächsten sagen, lautet das achte der Zehn Gebote", sagt Nicole Thiel, Leitende Pastorin des Hauptbereichs Gottesdienst und Gemeinde der evangelischen Nordkirche. Das christliche Ethos kenne keine einfache Rechtfertigung für Lügen, weil die Wahrheit ein hohes Gut sei und dem Wesen Gottes entspreche.
Ehrlichkeit sei ein zentraler christlicher Wert: "Die letztgültige Wahrheit liegt allein bei Gott", sagt sie. "Diese letztgültige Wahrheit kennen Menschen nicht, ihnen steht nur eine subjektive Wahrheit zur Verfügung." Manchmal könne "die Verantwortung für den Nächsten in extremen Situationen - etwa zum Schutz von Leben - aber abwägende Gewissensentscheidungen notwendig machen". Thiel betont: "In solchen Spannungsfeldern bleibt entscheidend, dass das Handeln vor Gott verantwortet wird und sich an der Liebe orientiert, die das Leben des anderen sucht und schützt."




