Im Nachhinein wirkt der erste "Kroatien-Krimi" mit Romina Küper als neue Filmpartnerin von Jasmin Gerat wie eine Generalprobe. Jetzt wird klar, warum Reihenschöpfer Christoph Darnstädt seine Geschichte über die Ermordung eines Drogenhändlers so umständlich verpackt hat: "Mord am Jadro" war bloß der lange Anlauf für den zweiten Film. In der Fortsetzung mit dem Allerweltstitel "Gefahr im Verzug" wird Felix Klare, in Teil eins bloß in wenigen Szenen zu sehen, zur Hauptfigur, und nun offenbart Darnstädt auch, warum Nachwuchskommissarin Valessa Matkovic abends noch in einer Strandbar gearbeitet hat: Stammgast Drago Varga hat ihre beste Freundin auf dem Gewissen; zumindest ist sie davon überzeugt.
Valessa kommt aus Zagreb, dort ist Varga zweimal wegen Vergewaltigung angezeigt worden, aber einflussreiche Freunde haben dem Investor in beiden Fällen ein Alibi gegeben. Nun will er sich offenbar in Split niederlassen, wo er in einer traumhaft gelegenen Villa mit Blick über die Stadt und das Meer residiert. Allem Anschein nach setzt er hier sein unheilvolles Treiben fort: Valessas Vorgängerin in der Bar, Jasna Ljuba, ist seit drei Wochen nicht mehr zur Arbeit gekommen, weil Varga, wie ihr Chef (Christian Kuchenbuch) bestätigt, sie hartnäckig und massiv bedrängt hat. Als die Leiche einer jungen Frau aus dem Wasser gefischt wird, hat Valessa keinen Zweifel daran, dass Varga sie auf dem Gewissen hat.
Natürlich ist der achtzehnte "Kroatien-Krimi" nicht der erste Film dieser Art, aber Klare versieht den Gegenspieler von Stascha Novak (Jasmin Gerat) und ihrer jungen Kollegin mit einer ungemein reizvollen Vielschichtigkeit: Der Investor ist als teuflischer Verführer dank seines Charismas gar nicht mal unsympathisch. Ein Teil des Publikums wird sich womöglich wünschen, dass sich dieser Mann, der über einen sechsten Sinn zu verfügen scheint, am Ende als unschuldig erweist, und tatsächlich lässt Darnstädt einige entsprechende Hinweise einfließen; auch das macht einen großen Reiz des Films aus.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Hinzu kommt, dass Romina Küpers Rolle nun ungleich schlüssiger ist. In "Mord am Jadro" wirkte sie eine wie eine Darstellerin, die Polizistin spielt, nun wird sie zur Rächerin, die Varga, ihrer Ansicht nach ein "notorischer Vergewaltiger" und "kranker Sex-Maniac", um jeden Preis aus dem Verkehr ziehen will; selbst wenn sie dafür Beweise manipulieren muss. Dass sich Novak die vielen Lügen der forschen jungen Kollegin gefallen lässt, stellt die Glaubwürdigkeit der Geschichte zwar auf eine erhebliche Probe, aber irgendwann platzt auch ihr der Kragen. Trotzdem nimmt sie Valessa gegenüber dem väterlichen Vorgesetzten (Max Herbrechter) in Schutz, schließlich soll Küpers Mitwirkung kein einmaliges Gastspiel bleiben.
Ein unbedingter Einschaltgrund ist Samuel Finzi als Vater der verschwundenen Kellnerin. Auch seine Rolle ist ambivalent: Zunächst erteilt Marco Ljuba der Kommissarin eine brüske Abfuhr. Die Nachricht vom Tod seiner Tochter lässt ihn komplett kalt: weil sie für ihn, wie er später erklärt, ohnehin schon gestorben sei. Abgesehen davon behauptet er, die Frau auf dem Foto der Leiche sei gar nicht Jasna ("Unkraut vergeht nicht"). Er hat den Kontakt rigoros abgebrochen und angeblich sogar all’ ihre Sachen weggeworfen. Immerhin identifiziert er einen Ohrstecker, der bei der Toten gefunden wurde, weil er zum Schmuck seiner verstorbenen Frau gehörte, aber ansonsten scheint ihn die Sache nicht weiter zu berühren, und nun bringt Darnstädt eine Komponente ins Spiel, die dem Film eine ganz neue Richtung gibt.
Ljuba bittet Novak eindringlich, Jasna zu finden, weil er große Schuld auf sich geladen hat und sie um Vergebung bitten will. Fortan nächtigt er in seinem Laster vor dem Präsidium, was unter anderem zu einer schönen Szene führt, als sich der Vater und die Polizistin gemeinsam ein warmes Feierabendbier genehmigen. Die Kommissarin geht allerdings weiter davon aus, dass es sich bei der Leiche um die sterblichen Überreste Jasnas handelt.
Anders als in "Mord am Jadro" sorgt das Drehbuch diesmal zudem für einige Überraschungen, zumal der Film exakt zur Hälfte einen kleinen Knüller zu bieten hat, und weil es nicht zuletzt um das Thema Selbstjustiz geht, ist das Finale mit seiner gelebten weiblichen Solidarität angemessen fesselnd (Regie führte erneut Carolina Hellsgård). In einem ersten Epilog kommt es zu einer berührenden Versöhnungsszene, aber das ist noch nicht das Ende, denn Darnstädt setzt noch einen grimmigen Schusspunkt. Dass Kasem Hoxha als Novaks Kollege Vucevic nach dem Abschied von Lenn Kudrjawizki nun mehr zu tun hat, ist auch nicht schlecht.




