Wenn’s im Krimi um einen Immobilienkonzern geht, steht außer frage, wo die wahren Verbrecher sitzen, selbst wenn die Führungsetage mit dem obligatorischen Mord gar nichts zu tun hat. Timo Berndt beschreibt in "Mörderische Gier" eine besonders perfide Methode. Auf den ersten Blick wirkt das Angebot verlockend: Die Berlin-Heim AG bietet langjährigen Mieterinnen und Mietern an, ihre Wohnungen in Eigentum umzuwandeln. Da die Zahlungen für den nötigen Kredit niedriger wären als der Mietzins, gehen viele darauf ein.
Das dicke Ende kommt später, wenn in einem Gebäude beispielsweise Hausschwamm entdeckt wird. Die Kosten für die aufwändige Sanierung werden selbstverständlich auf sämtliche Parteien umgelegt; das können sich nicht alle leisten. Für solche Fälle hat sich der Konzern verpflichtet, die Wohnungen zurückzukaufen. Was auf den ersten Blick wie ein Nullsummenspiel wirkt, ist kaltblütiges Kalkül, denn für die Berlin-Heim ist der Gewinn beträchtlich. Im Grunde ist das Stoff für eine investigative Reportage.
Andererseits sind sich kriminalistische Ermittlungen und journalistische Recherchen zumindest in einem Punkt sehr ähnlich: Beide Arbeitsweisen bestehen vor allem aus Befragungen. Im TV-Krimi wird nicht zuletzt aus Gründen des Budgets ohnehin viel geredet, aber Episode Nummer 103 aus der 1994 gestarteten ZDF-Reihe "Ein starkes Team" besteht praktisch nur aus Gesprächen. Schauplätze sind im Wesentlichen das Revier, der Tatort, die Wohnung des Opfers sowie das Büro des Konzernchefs. Immerhin sind die Rollen vielschichtiger, als sie zunächst scheinen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Das gilt vor allem für die wichtigste Zeugin: Sophia Schultheiss (Lina Wendel) ist im Keller mit der Wäsche beschäftigt, als sie einen Mörder offenbar auf frischer Tat ertappt. Hausmeister Tarik Aslan (Paul Wollin) beteuert zwar seine Unschuld, hat aber ziemlich schlechte Karten. Das erschlagene Opfer, Amina Weber, war zumindest aus seiner Sicht weit mehr als bloß eine Angestellte: Aslan ist seit seiner Jugend in die Frau verknallt gewesen; auf ihrem dienstlichen Smartphone findet sich eine App, mit der er jeden ihrer Schritte verfolgen konnte.
Für seinen Ein-Mann-Betrieb arbeitete Amina allerdings erst seit sechs Wochen, vorher war sie Assistentin der Geschäftsführung in der Berlin-Heim und außerdem die Freundin des Chefs. Aus dessen großzügigem Domizil in der Grunewalder Kaiser-Allee, die nur scheinbar seinen Namen trägt, ist sie nach ihrer Kündigung in die Wohnung ihres Halbbruders Falk (Leonard Kunz) gezogen. Selbstverständlich gehören die beiden Männer ebenfalls zum Kreis der Verdächtigen: Niklas Kaiser (Torben Liebrecht), weil sich womöglich nicht mit seinem Narzissmus vereinbaren ließ, dass Amina ihn verlassen hat; und Falk, weil er die von seinem Vater an beide Geschwister vererbte Wohnung für sich allein haben wollte. Außerdem wackelt Kaisers Thron: Das Unternehmen ist wegen der gestiegenen Baukosten in eine finanzielle Schieflage geraten.
Interessanteste Figur ist jedoch Frau Schultheiss: Amina (Xenia Assenza) war das Gesicht jener Kampagne, mit der die Berlin-Heim für die Kaufangebote geworben hat, sie ist auf dem entsprechenden Prospekt sowie in einem Werbespot zu sehen und hat auch die Gespräche geführt; unter anderem mit dem Ehepaar Schultheiss. Die Witwe hätte zudem ein weiteres ganz erhebliches Motiv, um Vergeltung zu üben, wie eine kleine Gedenkstätte in der Nähe des Tatorts erahnen lässt. Aber vielleicht hat sie die Rache ja auch ihrer Tochter überlassen: Lara (Paula Kober) ist der Polizei bereits bei gewalttätigen Demonstration aufgefallen.
Ungewöhnlich ist immerhin die Idee, die Tat zu Beginn aus dem Off vorwegzunehmen, weil bereits die Befragung von Frau Schultheiss zu hören ist, während die Ereignisse noch ihren Lauf nehmen. Ansonsten lebt der Film vor allem von seinem Facettenreichtum, der allerdings nicht gleichbedeutend mit Handlungsreichtum ist, da die Ereignisse samt und sonders bloß erzählt werden. Sophia Schultheiss zum Beispiel gilt als eine Art Heldin, seit sie einen Hundehasser gezwungen hat, seine eigenen vergifteten Köder zu vertilgen.
Die vielen Dialogszenen entsprechen zudem auch gestalterisch dem ganz normalen TV-Krimi-Alltag. Da waren frühere Regiearbeiten von Sven Fehrensen, etwa für die ARD-Reihe "Charlotte Link" ("Die Entscheidung", 2020) oder der Öko-Thriller "Retter der Meere" (2021), deutlich fesselnder, aber schon sein "Team"-Debüt "Abgeschleppt" (2026) profitierte neben der Geschichte vor allem vom ausnahmslos gut geführten Ensemble.




