Nichts weniger als das "beste Popalbum aller Zeiten" sollte es sein. Monatelang hatte sich Brian Wilson, Mastermind der kalifornischen Surf-Musik-Gruppe "The Beach Boys", im Studio vergraben. Der geniale Songschreiber, der im Juni 2025 im Alter von 82 Jahren starb, wollte ein Album schaffen, das völlig anders klang, als alles bisher in der Popmusik bekannte. "Pet Sounds" mit 13 Songs erschien am 16. Mai 1966.
Es gilt mit Titeln wie "Wouldn't It Be Nice", "Sloop John B" und "God Only Knows" als eines der einflussreichsten Alben der Pop- und Rockmusik - auch wenn der große Publikumserfolg zunächst ausblieb. Der damals nur 23-jährige Musiker aus Los Angeles war es leid, für die "Beach Boys" immer neue Songs über Surfen, Sonne, Mädchen, Strand und schnelle Autos zu schreiben.
Die Band war in den frühen 1960er Jahren die erfolgreichste Popgruppe der USA und so etwas wie die amerikanische Antwort auf die Briten John, Ringo, Paul und George. Mit den "Beatles" sah sich der feinfühlige, aber psychisch labile Wilson in einer Art musikalischem Wettstreit: Deren Album "Rubber Soul" (1965) markierte etwa mit indischen Sitarklängen bei dem Song "Norwegian Wood" den Übergang zu experimenteller Musik.
Wilson will die "Beatles" überflügeln
Zur selben Zeit ließ der US-amerikanische Musikproduzent Phil Spector mit seinem "Wall of Sound" - dichten, orchestralen Klangflächen - aufhorchen. Diese musikalischen Vorlagen wollte Brian Wilson unbedingt überflügeln und stürzte sich im Studio in die Arbeit. Ausgebrannt vom Tourstress und dem Druck der Musikindustrie, zog sich der eigenbrötlerische Musiker zurück.
Ohne ihn gingen die "Beach Boys" Anfang 1966 auf Japan-Tournee. Wilson versprach seinen jüngeren Brüdern Carl und Dennis, seinem Cousin Mike Love und Schulfreund Al Jardine, ihnen danach völlig neu klingendes Songmaterial für ihr elftes Studioalbum zu präsentieren. Er engagierte den britischen Texter Tony Asher und "The Wrecking Crew", eine lose Gruppe hochrangiger Studiomusiker. Als alleiniger Komponist und Produzent seiner autobiografisch gefärbten Songs verschaffte sich Wilson völlige kreative Freiheit - damals ein mutiger Schritt.
"Pet Sounds" stößt Tür für spätere Musiker auf
"Brian Wilson war seiner Zeit weit voraus und hat mit seinem Meisterwerk die Popmusik von künstlerischen Zwängen befreit", sagt der Mainzer SWR-Musikredakteur Frank König. Gemeinsam mit zwei Kollegen produzierte er einen Radio-Podcast "Meilensteine" über "Pet Sounds". Die Songs mit komplexen Harmonie- und Tempowechseln sowie experimentellen Klängen hätten "eine Tür für spätere Musiker aufgestoßen", urteilt König. Über das bisherige "Drei-Akkorde-Schema" in der Popmusik habe sich Wilson mit seinen melancholischen und doch leichtgängigen Stücken hinweggesetzt und sie zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt.
Der Künstler habe das "Studio als Instrument" genutzt und neue Klangräume erzeugt, würdigt der Musikjournalist König. Wilson verband Elemente der Klassik, des Jazz und der Avantgarde. Er setzte ungewöhnliche Instrumente wie den neuartigen elektronischen Klangerzeuger Theremin und Geräusche ein. Damit nahm er spätere Konzeptalben von Progressive-Rock-Bands wie Pink Floyd oder Genesis sowie elektronische Musikformen vorweg.
Fahrradhupe und Hundegebell als Geräusche
"Pet Sounds" lässt sich frei als "Streicheltier-Klänge" übersetzen, das Album-Cover zeigt die "Beach Boys" beim Ziegenfüttern im Zoo. Um "tierische Geräusche" zu erzeugen, setzte Wilson zudem Alltagsgegenstände ein - wohl auch unter dem Einfluss der Droge LSD, die in Künstlerkreisen als bewusstseinserweiternd galt. Auf dem instrumentalen Titelsong des Albums wird auf leeren Coladosen getrommelt, in "You Still Believe in Me" ertönt eine Fahrradhupe. An anderer Stelle klappern Löffel, und das Schlussstück "Caroline, No" endet mit Hundegebell und dem Geräusch eines vorbeifahrenden Zugs.
Von großer emotionaler Kraft ist "God Only Knows". Das Liebeslied mit Waldhorn- und Streicherklängen führe den Beweis an, "dass es Engel gibt", sagte U2-Sänger Bono. Und Paul McCartney gesteht, dass der Song einer der wenigen sei, der ihm die Tränen in die Augen treibe, wenn er ihn höre. "Er zeigt das Genie von Brian", sagt der Ex-"Beatle". Das zweieinhalbminütige Lied, das den Namen "Gott" im Titel trägt, war Mitte der 1960er Jahre ein Wagnis: Vor allem konservative Christen in den USA empfanden religiöse Anspielungen als einen Tabubruch.
Wilsons Bandkollegen sangen am Ende nur die Gesangsharmonien ein. Der durchschlagende Erfolg beim Publikum blieb für "Pet Sounds" aber zunächst aus. In den US-Charts kam das Album 1966 nur auf Platz 10. Der bei den Studiosessions aufgenommene Song "Good Vibrations" war nicht auf dem Album und erschien erst im Oktober 1966. Er wurde der größte Hit der "Beach Boys".
Die "Beatles" stellten schließlich ein Jahr später mit ihrem Konzeptalbum "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" Wilsons Werk in den Schatten. Dieser brach psychisch zusammen und isolierte sich viele Jahre lang in seinem Haus in Los Angeles. "Es war die Tragik von Brian Wilson, dass er alles in seine Musik reinlegte und schließlich nicht die Wirkung erzielte, die er wollte", sagt SWR-Musikredakteur König.




