Die Welt der Farben besteht letztlich aus den Grundtönen Rot, Gelb und Blau, die Welt der Gefühle aus Wut, Furcht, Glück und Traurigkeit. Aber wie bei den Farben gibt es auch bei den Emotionen eine große Palette an Mischformen und Zwischentönen. Deshalb ist Kommunikation ein Konglomerat aus verbalen und nonverbalen Signalen, die die meisten Menschen intuitiv dechiffrieren können. Einige sind dazu jedoch nicht in der Lage, sie fühlen sich in Gesprächen ähnlich verloren wie die Hauptfigur des modernen Kinoklassikers "Lost in Translation" (2003). Also hat Holger Karsten Schmidt seine Romanfigur kurzerhand Lost genannt.
Leander Lost, Kriminalbeamter aus Hamburg, ist im Rahmen eines Austauschprogramms von Europol für zwölf Monate an die Algarve versetzt worden. Im dritten von mittlerweile sieben Romanen, die Schmidt seit 2017 unter dem offenen Pseudonym Gil Ribero veröffentlicht hat, nutzt der dreifach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Drehbuchautor das Asperger-Syndrom seines Helden, um ihn mit gleich mehreren Dilemmata zu konfrontieren.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Aufgrund seiner autistischen Störung ist Lost neben verschiedenen weiteren und zum Teil durchaus positiven Eigenschaften nicht in der Lage zu lügen, was ihn in einige knifflige Situationen bringt; und andere in Lebensgefahr. Schein wiederum ist für den deutschen Kommissar immer auch gleichbedeutend mit Sein und daher ein nie versiegender Quell der Heiterkeit: Lost ist gänzlich unempfänglich für Ironie und nimmt seine Mitmenschen grundsätzlich beim Wort, was regelmäßig zu witzigen Missverständnissen führt, wenn sie harmlose Redensarten verwenden.
Gleichzeitig ist der Polizist dank seiner besonderen Fähigkeiten ein brillanter Analytiker, der Zusammenhänge erkennt, die anderen verborgen bleiben. Trotzdem ist er auch er nicht gefeit, wenn ein Täuschungsmanöver derart raffiniert angelegt ist wie in dieser dritten "Lost"-Verfilmung: Als ein Tischler erschossen wird, deutet die spezielle "Signatur" des Täters auf einen ganz bestimmten Serienmörder hin. Kurz drauf wird eine pensionierte Lehrerin erdrosselt, augenscheinlich hat sie einen Einbrecher überrascht. Selbst Lost braucht eine ganz Weile, bis er erkennt, dass beide Taten zusammengehören, und nun entwickelt die Handlung eine Komplexität, die den Film nicht zuletzt dank der guten Spannungsmusik (Sven Rossenbach und Florian van Volxem) problemlos über 180 Minuten trägt.
Wie in nahezu allen Auslandskrimis der ARD-Tochter Degeto ist die Synchronisation der von einheimischen Mitwirkenden verkörperten Nebenfiguren allerdings nicht rundum gelungen. Die Ermittlungen führen schließlich ins spanische Sevilla, aber sämtliche Beteiligten sprechen das gleiche makellose Deutsch; die Irritation wird durch ein gelegentlich eingestreutes "Obrigado" (danke) eher noch verstärkt. Charismatisch besetzt und gut synchronisiert sind zum Glück die beiden wichtigsten Charaktere neben dem zentralen Ermittlungstrio: mit André Gago als Gangsterboss Delgado, der aus dem Gefängnis in Sevilla die Strippen zieht, und Paulo Calatré als sein williger Killer.
Mindestens so wichtig wie die kriminalistische Ebene sind die zwischenmenschlichen Momente, und das nicht allein aus Gründen der Entspannung: Losts Austauschjahr neigt sich dem Ende zu. Graciana Rosado (Eva Meckbach) und Carlos Esteves (Daniel Christensen) würden ihren seltsamen Kollegen aus Alemanha gern behalten. Ihm selbst geht es nicht anders, zumal früh klar ist, dass sein Herzstolpern, das ihn stets befällt, wenn er Gracianas Schwester Soraia (Filipa Areosa) begegnet, kein kardiologisches Problem ist. Diesmal bleibt jedoch kaum Zeit für die Romanze: Das Trio der Polícia Judiciária von Fuseta findet zwar raus, dass Delgado eine tonnenschwere Kokainlieferung erwartet, hat aber nicht bedacht, dass der Drogenhändler genau damit gerechnet hat.
Außerdem wird der Fall persönlich, denn nacheinander geraten Losts Ziehtochter Zara (Bianca Nawrath), ihr Freund Toninho (André Leitão) und schließlich auch die Eltern der Rosado-Schwestern in Lebensgefahr. Abgesehen von der durchgehend fesselnden Krimi-Story ist "Weiße Fracht" nicht nur wegen der spürbaren Zuneigung zu den Figuren, sondern auch dank diverser Gestaltungsideen sehenswert.
Felix Herzogenrath hat bereits viele Episoden der Schmidt-Reihe "Nord bei Nordwest" und gemeinsam mit Kameramann Dominik Berg auch den letzten "Lost"-Zweiteiler ("Spur der Schatten", 2024) gedreht. Jan Krauter spielt den Titelhelden ohnehin formidabel; gerade die Szenen mit Daniel Christensen sind nicht nur wegen der Dialoge ein großes Vergnügen.





