Ingmar Everding stöpselt den Beamer ein und schon ist Yana Surak auf der großen Leinwand zu sehen. Die junge Frau mit Pferdeschwanz und großer Brille winkt in die Runde, die sich im evangelischen Gemeindehaus im niedersächsischen Bad Eilsen versammelt hat. Im Sommer will die belarussische Dolmetscherin eine Gruppe Kinder aus der Region Gomel in Belarus in den Kurort im Weserbergland begleiten.
Noch tüftelt sie Details aus, denn die Reise ist kompliziert: "Mit dem Bus von Minsk nach Hannover ist zu teuer", sagt sie. "Wahrscheinlich fährt ein Zug nach Warschau, aber das ist noch nicht bestätigt." Die Männer und Frauen im Gemeinderaum nicken. Ob es um die Visavergabe geht oder die Reiseroute, sie alle wissen, wie schwer es ist, die Initiative aufrechtzuerhalten, die Anfang der 1990er Jahre Teil einer Bewegung in ganz Deutschland war.
Seit 1993 laden Gasteltern aus Bad Eilsen Kinder aus Gomel zu Ferienaufenthalten ein, denn die Region war von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl besonders betroffen. Sie gehören zu den wenigen Initiativen, die bis heute daran festhalten. "Durch den Angriff Russlands auf die Ukraine gibt es weitere Vorbehalte hier wie dort", sagt Bianca Meier aus dem Team.
Kinder von damals sind heute Eltern
Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl das bislang schwerste Unglück in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Die radioaktiven Stoffe gingen zu etwa 70 Prozent über Belarus nieder. Mit der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" begann in den Folgejahren ein Engagement, das nach dem "Kalten Krieg" Ost und West verband. Initiativen unter anderem in den USA, Italien, Japan und Deutschland organisierten Hilfen für die Opfer von Tschernobyl.
"Hunderte Gruppen haben in Deutschland Hunderttausende Kinder eingeladen", sagt Lars Torsten Nolte, der viele Jahre lang die Aktion für die hannoversche Landeskirche koordiniert hat. Beim ersten Mal empfing die größte evangelische Landeskirche in Deutschland 1991 rund 1.100 Kinder und ihre Begleiter. Zehntausenden jungen Gästen wurde seitdem ein Aufenthalt in Gastfamilien oder Freizeiteinrichtungen ermöglicht.
Wer Noltes Namen in eine Internet-Suchmaschine eingibt, findet noch Bilder davon, wie er unten an der Gangway eines Flugzeugs die Gruppen in Empfang nimmt. Doch institutionell organisiert sind die Besuche inzwischen nicht mehr möglich, wie er erläutert. Nur auf private Einladung könnten Kinder kommen: "Da ist schon Wehmut, wenn ich zurückdenke." Belarus wird seit rund drei Jahrzehnten von Machthaber Alexander Lukaschenko regiert, der im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine fest an der Seite Russlands steht.
Erholung für Kinder in Belarus und der Ukraine
Kirchenkreise der hannoverschen Landeskirche ermöglichen laut Nolte als Ausgleich jährlich rund 100 belarussischen Kindern einen Erholungsurlaub im eigenen Land, im Erholungsheim Nadeshda. Ähnlich handhabt es die "Hilfe für Tschernobyl-geschädigte Kinder" aus Frechen im Rheinland, die ebenfalls über Jahrzehnte nach Deutschland eingeladen hatte. "Aufgrund der politischen Lage und der damit verbundenen Einschränkungen im Reiseverkehr zwischen Belarus und Deutschland müssen wir dieses Projekt seit 2020 schweren Herzens ruhen lassen", schreiben sie auf ihrer Internetseite.
Die 1992 gegründete niedersächsische Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl" konzentriert sich inzwischen auf Hilfen in der Ukraine. "Wieder sind es Kinder, die besonders unter Vertreibung, Tod und Verletzung leiden", sagt Landessozialminister Andreas Philippi (SPD).
Mit der Tschernobyl-Hilfe groß geworden
Bei manchen Menschen hat die Tschernobyl-Hilfe Lebenswege geprägt. In Bad Eilsen haben einige einstige Gasteltern Patenschaften übernommen, mit denen sie krebskranke Kinder aus der Region nördlich von Tschernobyl unterstützen. Andere begleiteten Hilfstransporte ins Partnerdorf Swonez, aus dem die Kinder kommen.
Ingmar Everding ist Diakon der evangelischen Kirchengemeinde, seine Großeltern haben die Initiative mitgegründet. "Ich war sieben, als zum ersten Mal Gastkinder zu uns gekommen sind", erinnert sich der 40-Jährige. "Seit neun Jahren sind wir selbst Gasteltern und auch meine Kinder wachsen damit auf."
Zu Beginn habe auch der Versöhnungsgedanke eine große Rolle gespielt, erinnert sich Bad Eilsens Bürgermeisterin Christel Bergman, die schon lange dabei ist. Ein damals verbreitetes Motiv, wie Nolte von der hannoverschen Landeskirche erläutert: "Nach den verheerenden Auswirkungen der deutschen Besetzung Weißrusslands im Zweiten Weltkrieg wollten viele Menschen ein Zeichen setzen." Die Bad Eilsener unterstützten anfangs auch frühere Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in Belarus.
Und für die Zukunft? Die Kinder sind noch immer so etwas wie kleine Botschafter, wenn sie ein gutes Bild von Deutschland mit in ihre Heimat zurücknehmen, ist Ingmar Everding überzeugt. Er findet: "Auch aus Sicht der Völkerverständigung müssen wir dran bleiben." Viele Verbindungen haben sich über die Jahre gehalten und so fällt der Abschied herzlich aus, als Yana Surak die abendliche Videokonferenz verlässt. Sie war bereits 2013 das erste Mal als Begleiterin in Bad Eilsen. Für die Frauen und Männer im Gemeindehaus ist sie zur Freundin geworden.





