40 Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl vor 40 Jahren ist die Strahlenbelastung in Deutschland laut einem Experten heute gering. Zwar könnten immer noch einige Pilzarten und Wildschweine stark mit Cäsium-137 belastet sein, sagte der Radioökologe Martin Steiner im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Für den Verbraucher, der "übliche Mengen" dieser Nahrungsmittel verzehre, könne aber Entwarnung gegeben werden. Steiner leitet das Fachgebiet Radioökologie beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Oberschleißheim bei München, Hauptsitz des BfS ist in Salzgitter.
Beim Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 wurden Radionuklide in großen Mengen in die Atmosphäre freigesetzt. Die leichtflüchtigen wie Cäsium und Jod wurden mit den Luftströmungen über ganz Europa verteilt. Wo es während des Durchzugs der Wolken regnete, wurden die Radionuklide ausgewaschen und lagerten sich auf Pflanzen und Böden ab. Darum sei Deutschland sehr unterschiedlich stark betroffen gewesen, sagte Steiner. Hohe Bodenkontaminationen gab es etwa im Bayerischen Wald oder südlich der Donau, wo erntereife Kulturen und Weideflächen teils hochbelastet waren durch die Radionuklide Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137.
Landwirtschaftliche Erzeugnisse seien bereits im Folgejahr nur noch gering kontaminiert gewesen. Im Wald hingegen nahm die Belastung laut dem Experten nur langsam ab: Cäsium-137, das vom Waldboden gut aufgenommen werde, habe eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren. Seit Tschernobyl sei es also erst zu etwa 60 Prozent zerfallen.
Kernkraft kann auch heute ein Risiko darstellen
Zuletzt habe das Reaktorunglück im japanischen Fukushima 2011 gezeigt, "dass Kernkraft selbst für hoch entwickelte Industriegesellschaften ein Risiko darstellen kann", so Steiner. Welche Form der Energieerzeugung gewählt wird, sei jedoch keine Entscheidung von Fachbehörden, sondern werde in Parlamenten getroffen.
"Man baut nicht mal so nebenbei ein Mini-Atomkraftwerk"
Zur aktuellen Debatte um "small modular reactors" - Mini-Atomkraftwerke - sagte Steiner: "Als Wissenschaftler weiß ich: Man baut nicht mal so nebenbei ein Mini-Atomkraftwerk in den Hinterhof." Letztlich sei auch dieses "ein Kernkraftwerk mit allen Risiken", und es gebe viele Aspekte zu berücksichtigen. So müssten die Anlagen auch geschützt werden, "und es ist ein Unterschied, ob man wenige große oder viele kleine Anlagen schützen muss".
Als Wissenschaftler wünsche er sich, "dass die Fakten klar und bekannt sind, man sachlich diskutiert und dann als Gesellschaft eine verantwortungsvolle Antwort findet".



