Nicht nur in den USA, auch in Deutschland gibt es Bereiche, in denen sich Christentum und Rechtspopulismus überschneiden, in denen religiöse und politische Motive miteinander verflochten sind. Hans-Ulrich Probst, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Eberhard Karls Universität Tübingen, erklärt, wie das Christentum von der extremen Rechten genutzt wird, um eine Kulturkampf-Logik zu erzeugen und was die Kirchen dagegen tun können. Probst hält am 10. März einen Vortrag auf der Fachtagung "Heil von rechts? Die autoritäre Versuchung im Christentum der Gegenwart" in Würzburg.
epd: Herr Probst, zu Beginn eine Definitionsfrage: Was verstehen Sie unter Rechtspopulismus?
Hans-Ulrich Probst: Rechtspopulismus ist eine Politikform oder Rhetorik, die die Gesellschaft dualistisch, also anhand von Gegensätzen deutet. Auf der einen Seite gibt es das einfache und moralisch integre Volk und auf der anderen Seite die korrumpierte Elite - das ist die Ebene "Wir gegen die da oben".
Und dann gibt es noch die Ebene "Wir gegen die anderen", die Feinde von außen oder innen. Da will der Rechtspopulismus eine Identität markieren, mal aus einer kulturellen, dann auch aus einer nationalen Perspektive. Es wird festgelegt: Wer gehört zum guten Volk? Die Feinde, die von außen kommen, sind in diesen Narrativen vor allem Migrantinnen und Migranten. Aber es gibt auch Feinde, die Teil des Volkes sind und "ausgeschieden" werden sollen. Es gibt im Populismus also eine Freund-Feind-Logik. Dabei geht es nicht mehr darum, mit einem Gegner mit Argumenten inhaltlich zu streiten, sondern seine Feinde zu bekämpfen.
"Auf der Ebene "Wir gegen die anderen" geht es meistens um Christen gegen Muslime, die als "kulturfremd" angesehen werden. Auf der Ebene "Wir gegen die da oben" geht es um die "eigentlich Gläubigen", gegen die, die angeblich alles korrumpiert haben."
Und was ist christlicher Rechtspopulismus?
Probst: Im christlichen Rechtspopulismus wird auf beiden Ebenen auf christliche Symbole zurückgegriffen. Auf der Ebene "Wir gegen die anderen" geht es meistens um Christen gegen Muslime, die als "kulturfremd" angesehen werden.
Auf der Ebene "Wir gegen die da oben" geht es um die "eigentlich Gläubigen", gegen die, die angeblich alles korrumpiert haben. Das sind in der Regel die kirchlichen Eliten, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) oder die Landeskirchen. Dieses Feindbild, das dämonisiert wird, taucht mittlerweile regelmäßig in Predigten oder in Statements von Vertretern eines solchen christlichen Rechtspopulismus auf.
Der Rechtspopulismus hat im Wesentlichen ein Problem mit dem Pluralismus. Der politische Rechtspopulismus behauptet, dass nur er die eigentliche Meinung des Volkes repräsentiert. Und der christliche Rechtspopulismus sagt, nur wir sind diejenigen, die das Christliche in Anspruch nehmen dürfen und wir entscheiden, wer eigentlich zur Kirche und zum Christentum dazugehört und wer nicht.
Wo findet sich dieser christliche Rechtspopulismus?
Probst: Das ist komplex. Sicherlich gibt es Anhänger im Umfeld von Freikirchen. Aber wir haben auch Personen, die Teil der Amtskirchen und durchaus empfänglich für einen christlichen Rechtspopulismus sind. Das äußern sie auch in Predigten oder Beiträgen auf Social Media.
Weiter gefasst kann man eine christliche Rechte im Umfeld der Neuen Rechten identifizieren: Hier argumentieren Akteure in ihren Texten teilweise christlich-theologisch, etwa zum "Niedergang des Abendlandes". Sie greifen dabei auch auf Bibeltexte zurück und deuten zentrale Bestände des Christentums um.
Um welche Themen geht es?
Probst: Beispielsweise um die "Identität des Abendlandes", aber auch um den Ethnopluralismus, ein Gedankengebilde der Neuen Rechten. Diese Idee von getrennten Kulturen wird etwa mit der Völkertafel in Genesis 10 begründet. Hier werde angeblich deutlich, dass die Völker geordnet sind und es zu keiner "Kulturvermischung" kommen darf. Das sind Fragen kultureller Identität, die über den Marker Christentum aufgeladen werden.
Auch bei Fragen rund um Familie, Ehe, Sexualität gibt es Berührungspunkte zwischen politischer und religiöser Rechte.
Probst: Hier lässt sich wie im Brennglas beschreiben, wie die politische Strategie der extremen Rechten funktioniert und wie sie das "Christentum" verwenden, um ein Feindbild zu konstruieren und eine Kulturkampf-Logik zu erzeugen.
Dass die AfD in ihrem Bundestagswahlprogramm 2025 das Thema Abtreibung so stark gemacht hat, war wesentlich eine strategische Besetzung dieses vermeintlich christlichen Themas. Sie haben gesehen, dass es da eine grundsätzliche Offenheit in einem konservativ-christlichen Milieu gibt: Menschen, denen die Themen "Anti-Genderismus" und "Anti-Abtreibung" so wichtig sind, dass sie im Zweifel die AfD wählen, weil sie sagen, sie ist die einzige Partei, die klar gegen Abtreibungsrechte ist. Dabei stellen sie die vielen Formen der Menschenfeindlichkeit hinten an, für die die extreme Rechte steht. Und begeben sich in ein gefährliches Fahrwasser.
"Der Rechtsextremismus hat unterschiedlichste Facetten, die durch und durch antichristlich sind."
Wie können Kirchenleitungen auf diese Annäherungen reagieren?
Probst: Die theologisch-konservativen Gruppierungen in den Kirchen müssen die Brückenthemen reflektieren und sollten sich dafür stark machen, dass ein Eintreten für ein einzelnes Thema, etwa gegen eine Liberalisierung von Abtreibungsrechten, nicht dazu führen darf, für die extreme Rechte zu agieren.
Der Rechtsextremismus hat unterschiedlichste Facetten, die durch und durch antichristlich sind: Ein Ultranationalismus, die Idee von der Homogenität von Kulturen, die massive Migrationsfeindschaft: Das sind Ideen und Konzepte, die gegen einen christlichen Kernbestand stehen.
Die Wahlprogramme der AfD für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt kommen teilweise christlich daher, sind aber in Wirklichkeit menschenfeindlich geprägt und auf Ausgrenzung ausgerichtet - auch gegen die Amtskirchen. Die AfD arbeitet mittlerweile gegen die Präsenz der evangelischen und katholischen Kirchen in unserer Gesellschaft. Das beginnt mit der Infragestellung der Kirchensteuer, geht weiter über die Streichung der Staatsleistungen und endet im Vorwurf, die Kirchen seien Teil einer "Asyllobby".
Die Landeskirchen positionieren sich teilweise deutlich gegen die AfD. Von manchen wird ihnen deshalb eine unangemessene Politisierung vorgeworfen.
Probst: Die Kirchen haben hier durchaus ein Vermittlungsproblem. Statements werden nicht stärker, wenn man sie immer wiederholt, die verhallen irgendwann. Man muss schon aufpassen: Wie stark schießt man sich eigentlich in negativer Kommunikation auf die AfD ein? Im Endeffekt bedient und verstärkt das auch ein Opfernarrativ der AfD. Das heißt nicht, dass die inhaltliche Abgrenzung von der extremen Rechten und ihren Funktionären falsch wäre.
Die Kirchen sollten aber eben auch aus einer christlichen Perspektive dafür werben, dass wir nicht in die Logik des Freund-Feind-Denkens des Rechtspopulismus geraten, sondern auf den Nächsten zugehen und ihm zuhören.
Was kann der Einzelne in seiner Kirchengemeinde tun?
Probst: Aufgabe von Kirchengemeinden vor Ort muss es sein, als Christinnen und Christen einen positiven Zugang zu einer vielfältigen Gesellschaft zu leben und das auch sichtbar zu machen. Zu zeigen, dass es ein gelingendes Zusammenleben mit Geflüchteten geben kann, ein gelingendes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen. Dass die Idee des Christlichen sich nicht nationalistisch verkürzen lässt.
Es geht nicht darum, nur meinem Nachbarn mit Nächstenliebe zu begegnen, sondern generell offen zu sein gegenüber allen Menschen. Nächstenliebe ist ein Grundgedanke, wie wir Gesellschaft leben können, die nicht auf Entzweiung ausgerichtet ist, nicht auf eine populistische Logik, sondern auf ein friedlich orientiertes und harmonisches Miteinander.
Über die Fachtagung
Die ökumenische Fachtagung der kirchlichen Weltanschauungsarbeit "Heil von rechts? Die autoritäre Versuchung im Christentum der Gegenwart" wird von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) veranstaltet und findet vom 9. bis 11. März in Würzburg im Kloster Himmelspforten statt.


