Wie Hunde Kindern Lust aufs Lesen machen

Enya und Michaela Andrae mit ihrem Vorlesehund Amber beim Lesen.
epd-bild/Christine Suess-Demuth
Enya (7) und Michaela Andrae mit ihrem Vorlesehund Amber in der Mannheimer Stadtteilbibliothek Herzogenried.
Internationaler Tag des Buches
Wie Hunde Kindern Lust aufs Lesen machen
In Büchereien wie in Mannheim können Kinder mit Hunden das laute Lesen üben und Angst überwinden. So feiern sie ganz ohne Stress erste Erfolge - und fassen Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Vorlesen mit Wau-Effekt: Die neunjährige Lisa macht es sich auf einem blauen Sitzkissen in der Mannheimer Stadtteilbibliothek Herzogenried gemütlich. Daneben sitzt Retriever-Hündin Amber mit ihrer Halterin Michaela Andrae. Sie hören aufmerksam und geduldig zu, während Lisa laut ein Kapitel aus dem Buch "Petronella Apfelmus. Wer schleicht dann da durchs Erdbeerbeet" vorliest.

"Ich finde es toll, dass sich Amber einfach zu mir legt und zuhört und mich nicht korrigiert beim Lesen", sagt die neunjährige Lisa. Sie kommt regelmäßig zur Aktion "Lesen mit Hund". Danach darf sie die Hundedame ausgiebig streicheln und für sie ein Leckerli verstecken. Lisa freut sich über einen farbigen Pfoten-Sticker in ihrem Lesepass. Wenn der Pass voll ist, bekommt sie ein Buchgeschenk.

Tiergestützte Leseförderung nennt sich das Konzept, das es in Mannheim seit fast drei Jahren gibt. Dabei sollen sogenannte Vorlesehunde Kindern helfen, ganz entspannt und ohne Stress Lesen zu lernen. Die Vierbeiner sind speziell ausgebildet, um in Lesesituationen ruhig und geduldig zu agieren und eine angstfreie und motivierende Lernumgebung zu schaffen. Dazu erhalten geeignete Mensch-Hund-Teams eine spezifische Qualifizierung durch Workshops mit einer erfahrenen Hundetrainerin und einer Diplom-Sprecherzieherin.

Die Kinder sind ganz unterschiedlich. Manche sind zurückhaltend, verträumt, lesen leise und langsam. Andere lesen laut und hektisch. Auf alle wirkt Hündin Amber beruhigend. Manchmal legt sie sich vor die Füße der Kinder, ein anderes Mal direkt neben sie. Dabei scheint sie genau zu spüren, wie es für die Mädchen und Jungen angenehm ist.

Freude am Lesen vermitteln

Auch der achtjährige Tiago, der eine Sehbehinderung hat, genießt die Aufmerksamkeit des Mensch-Hunde-Teams und rutscht während des Lesens immer tiefer in das Kissen. "Das Vorlesen macht viel mehr Spaß als in der Schule", findet er. In Enyas Klasse müssen die Kinder in der Schule nicht laut vorlesen: "Ich gehe ja schon in die zweite Klasse", erklärt die Siebenjährige, während sie Amber streichelt. Sie kommt regelmäßig und hat als Nebeneffekt auch ihre Angst vor Hunden überwunden.

Michaela Andrae, die ehrenamtlich bei der Leseförderung des katholischen Malteser-Hilfsdiensts arbeitet, weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sein kann, Lesen zu lernen: Die studierte Wirtschaftsinformatikerin hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie), ebenso wie ihre drei Kinder. Sie hätte sich ein solches Angebot selbst als Kind gewünscht, sagt sie. Beim Lesenlernen gehe es nicht nur ums Üben, ist die IT-Expertin überzeugt. Entscheidend sei vielmehr, Freude am Lesen zu vermitteln. Schließlich sei die Fähigkeit zu lesen eine der Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches Leben.

Konzept aus den USA

Das Konzept der Lesehunde stammt ursprünglich aus den USA. Dort werden Tiere schon seit den 1990er Jahren erfolgreich zur Leseförderung als "Reading Dogs" eingesetzt. Die Idee dazu hatten Sandy Martin und Kathy Klotz von "Intermountain Therapy Animals" in Utah. Mit ihren Hunden und dem "READ-Program" (Reading Education Assistance Dogs) gingen sie erstmals im November 1999 in die Hauptbibliothek von Salt Lake City. In Deutschland gibt es ähnliche Angebote von unterschiedlichen Organisationen nicht nur in Mannheim, sondern auch in Köln und München.

Auch die Stiftung Lesen ist "auf den Hund gekommen" und bezeichnet die tiergestützte Leseförderung als "innovativ". Wenn Kinder in der Klasse oder zu Hause häufig korrigiert und unterbrochen würden, verlören sie oft die Lust am Lesen. Das passiere mit Hunden nicht. Studien zufolge wirke sich die Anwesenheit eines Hundes nicht nur auf die Psyche aus, sondern auch auf das Nervensystem, erläutert die Stiftung Lesen. So sei es erwiesen, dass der Cortisolspiegel im Umgang mit Tieren sinke. Zusätzlich sorge das Streicheln des Tieres für einen Anstieg des Glücks- und Bindungshormons Oxytocin.

In Mannheim liest der zehnjährige Elias stolz aus einem Pokémon-Buch vor und hat die volle Aufmerksamkeit von Amber und Michaela Andrae. Bei der Vorlesestunde sind die Eltern nicht dabei. Elias' Mutter wartet vor dem abgetrennten Vorlese-Bereich. Elias lese mittlerweile viel besser, konzentrierter und "nicht mehr so hastig", erzählt Mutter Nadine, die ganz begeistert von dem kostenlosen Angebot ist. Zudem könne er den Inhalt des Buches danach ganz genau wiedergeben. Dass ein Hund beim Lesenlernen hilfreich sein kann, hätte sie nie gedacht, "obwohl wir selbst einen Hund haben".

Wie so ein Vorlesetag mit Hunden aussehen kann, sehen Sie hier im Video.