Kriege und Konflikte werden nach der Wahrnehmung des Geschäftsführers von "Ärzte ohne Grenzen", Christian Katzer, heute rücksichtsloser ausgefochten als noch vor 10 oder 20 Jahren. "Die Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Mitarbeitende haben extrem zugenommen", sagt Katzer dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Standards des humanitären Völkerrechts seien durch die jüngsten Kriege und Konflikte, etwa in der Ukraine oder im Gaza-Streifen "extrem geschwächt" worden. "Das ist nicht vergleichbar mit früher, als schon ein T-Shirt mit unserem Logo ein guter Schutz war. Einfach weil damit signalisiert wurde: Hier handelt es sich um Helfer und Helferinnen."
Auch Verhandlungen mit Regierungen und bewaffneten Gruppen, etwa um den Zugang zu Hilfsbedürftigen, seien vor zehn Jahren noch einfacher gewesen, so Katzer, der seit 2020 Geschäftsführer der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen" ist.
"Straffreiheit muss aufhören"
Katzer verweist auf die Arbeit der Hilfsorganisation im Südsudan. Dort gebe es verstärkt Angriffe auf Einrichtungen von "Ärzte ohne Grenzen". Unter anderem seien zuletzt zwei Einrichtungen bei Luftangriffen getroffen worden. "Immer wieder kommen Kolleginnen und Kollegen bei Angriffen ums Leben", sagt Katzer, der das ostafrikanische Land vor Kurzem besucht hat.
Mit Blick auf Verletzungen des humanitären Völkerrechts, das die Zivilbevölkerung und auch Krankenhäuser in Kriegen unter besonderen Schutz stellt, kritisiert Katzer eine weit verbreitete Straflosigkeit. "Anfang der 2000er Jahre haben wir bei Gesprächen mit den Anführern von bewaffneten Gruppen beispielsweise gemerkt, dass sie den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag durchaus im Hinterkopf hatten", sagt er. Heute herrsche eine "Straffreiheit, die wieder aufhören muss".
Kritik an Doppelstandards
Von der Bundesregierung forderte der "Ärzte ohne Grenzen"-Geschäftsführer eine "klare und unmissverständliche Unterstützung des Völkerrechts". Man müsse sich bei Verletzungen äußern, "auch wenn enge Partner wie die israelische Regierung dafür verantwortlich sind". Doppelstandards schadeten der Glaubwürdigkeit massiv.
"Bewaffnete Gruppen überall auf der Welt registrieren, was stillschweigend akzeptiert wird und was nicht", sagt Katzer: "Und sie können eigene Verbrechen damit rechtfertigen, dass sie in anderen Kontexten geduldet werden." Christian Katzer arbeitet seit 1999 für "Ärzte ohne Grenzen". Einsätze für die medizinische Hilfsorganisation führten ihn unter anderem nach Liberia, Afghanistan und Somalia.



