"Menschen brauchen analoge Gemeinschaft"

Joachim Bauer
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Digitale Technik und Künstliche Intelligenz breitet sich im Alltag vieler Menschen immer weiter aus. Was das für den Einzelnen und die Gemeinschaft bedeutet, erläutert Neurowissenschaftler Joachim Bauer.
Reale Erfahrungen halten Gehirn fit
"Menschen brauchen analoge Gemeinschaft"
Smartphones und KI prägen unseren Alltag – doch was macht das mit unserer Psyche? Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer warnt vor den Gefahren des digitalen Konsums für das Gehirn und erklärt im Interview, warum echte, analoge Begegnungen für uns Menschen absolut lebensnotwendig sind.

Gefühle und menschliches Bewusstsein sowie ihre Beeinflussung durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind die Spezialgebiete des Neurowissenschaftlers Joachim Bauer. Bei einem Vortragsabend zum Thema "Menschlichkeit in digitalen Zeiten" in der Stadtakademie München erklärt der Professor der Universität Freiburg und der International Psychoanalytic University Berlin, warum Menschen echte Begegnung brauchen und wie gefährlich frühkindlicher Medienkonsum für das Gehirn ist.

epd: Herr Professor Bauer, via Smartphones können Menschen Kontakt zu Freunden in aller Welt halten und Großeltern mit ihren Enkeln chatten. Das ist doch unter menschlichen Gesichtspunkten super, oder?

Joachim Bauer: Ich halte das Smartphone auch für eine der wunderbarsten Erfindungen des 21. Jahrhunderts und bin in keiner Weise ein Technikfeind. Ich möchte aber zum Nachdenken anregen, inwieweit uns digitale Angebote dienen oder uns beherrschen. Gerade das Smartphone zieht uns mit seinem Suchtpotenzial stark aus der analogen Kommunikation mit unserer Umgebung ab. Wenn ich mit dem Zug fahre, finde ich es immer traurig, wenn Familien nicht mehr miteinander sprechen, sondern jeder in sein Handy schaut. Wir müssen aufpassen, dass analoge Begegnungen, gegenseitiger Respekt und Wertschätzung dadurch nicht verloren gehen.

Nun gibt es ja schon Gegenbewegungen wie Leseclubs, wo man beim Eintritt sein Handy abgibt und dafür sogar bezahlt. Was zeigen solche Angebote?

Bauer: Solche Veranstaltungen zeigen das tiefe, gesunde Bedürfnis, Räume wiederzuentdecken, wo wir uns gegenseitig wahrnehmen. Menschen brauchen soziale Gemeinschaft und Wertschätzung, und die muss weitgehend analog erfolgen. Digitale Hilfsmittel sind wunderbar, um bei einer räumlichen Trennung Brücken zu schlagen. Aber am Ende ist für zwischenmenschliche Begegnungen ein Mindestmaß an Präsenz nötig.

"Digitale Angebote ziehen Kinder aber von der realen Welt ab und verhindern damit, dass sich ihr Gehirn und ihr Körper gut entwickelt"

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: "Wahre Intelligenz hat ihren Ursprung in körperlichen Erfahrungen." Was heißt das und was folgt daraus?

Bauer: Wenn wir - vor allem bei Kindern - die Welt vorwiegend auf einem Bildschirm darstellen oder Erklärungen hauptsächlich von der KI bekommen, bleibt etwas auf der Strecke, das für die geistig-intellektuelle Entwicklung entscheidend ist: die Interaktion des Körpers mit der realen Welt. Damit sich die sensorischen und motorischen Fähigkeiten des Gehirns gut entwickeln, müssen Kinder in den ersten zehn Lebensjahren Dinge in der realen Welt anfassen, spüren, machen. Digitale Angebote ziehen Kinder aber von der realen Welt ab und verhindern damit, dass sich ihr Gehirn und ihr Körper gut entwickelt.

Heißt das, frühkindlicher Medienkonsum produziert dumme Erwachsene?

Bauer: Tatsächlich gibt es dazu eine aktuelle Diskussion in der neurowissenschaftlichen Forschung. Viele Kolleginnen und Kollegen sehen die Gefahr, dass wir das Gehirn lahmlegen, wenn wir reales Erleben in virtuelle Welten auslagern. Manche befürchten, dass wir dadurch in 30 Jahren eine Demenzwelle bekommen, die weit über das hinausgeht, was wir schon haben. Damit unser Gehirn gesund und die Nervenzellen intakt bleiben, müssen wir sie benutzen, indem wir in der realen Welt Erfahrungen machen und Probleme lösen.

Von den Kirchen wird die digitale Entwicklung zunehmend kritisch betrachtet, zuletzt hat Papst Leo XIV. mit seiner Enzyklika "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz" für Aufsehen gesorgt. Was könnten die Kirchen beisteuern, damit die Menschlichkeit trotz Digitalisierung nicht auf der Strecke bleibt?

Bauer: Als werteorientierte Institutionen haben die Kirchen meiner Meinung nach eine wichtige Wächterfunktion. Natürlich sollen sie ihre Botschaft in den sozialen Medien verbreiten und dort präsent sein. Aber sie sollen das christliche Menschenbild, das gegenseitige Liebe, Zuwendung und Fürsorge beinhaltet, gegen den Technizismus der Digitalkonzerne verteidigen. Auf Experimente wie KI-generierte Predigten oder ein KI-Programm, das man anklicken und mit dem man beten kann, können sie getrost verzichten. Die Begegnung von Mensch zu Mensch muss ein zentraler Punkt von Kirche bleiben.