So stellen sich evangelische Schulen zur Schulpolitik der AfD

Blick in ein Klassenzimmer einer Grundschule
Bernd Weißbrod/dpa
Im Falle der Regierungsverantwortung will die AfD in Sachsen-Anhalt eine veränderte Bildungspolitik umsetzen, "die sich zur guten pädagogischen Tradition bekennt und die Schule von allen nicht-schulischen Aufgaben befreit."
AfD Wahlprogramm Sachsen-Anhalt
So stellen sich evangelische Schulen zur Schulpolitik der AfD
Die AfD in Sachsen-Anhalt hat im April ein sogenantes "Regierungsprogramm" verabschiedet. Einer veränderten Schulpolitik auf Landesebene wird darin viel Raum gegeben. Unter anderem spricht sich die AfD gegen Inklusion und Integration aus. "Sonderklassen für Flüchtlinge" und ein "Ende der Kuschelpädagogik" sind Begrifflichkeiten, die benutzt werden. Im Interview mit evangelisch.de-Redakteurin Katja Eifler nimmt der Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, Marco Eberl, Stellung zu den geplanten Umbauplänen der AfD.

evangelisch.de: Herr Eberl, wie bewerten Sie als Träger evangelischer Schulen in Sachsen-Anhalt die bildungspolitischen Vorschläge der AfD allgemein?

Marco Eberl: Als großer Träger evangelischer Schulen begrüßen wir jede ernsthafte Debatte über Bildungsqualität, Unterrichtsqualität und die Bedeutung von Lesen, Schreiben, Rechnen sowie fundiertem Fachwissen. Diese Kompetenzen bilden zweifellos das Fundament schulischer Bildung. Gleichzeitig halten wir ein Bildungsverständnis für zu eng, das Schule ausschließlich auf Wissensvermittlung reduziert. Bildung umfasst neben fachlichen Kompetenzen auch die Entwicklung sozialer, ethischer, demokratischer und personaler Fähigkeiten. Schulen haben deshalb nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag. Dieser Auftrag ergibt sich aus den Schulgesetzen der Länder ebenso wie aus dem Grundgesetz und wird von der Bildungsforschung breit bestätigt.

Aus evangelischer Sicht ist der Mensch mehr als seine Leistung. Bildung zielt auf die Entfaltung der ganzen Persönlichkeit, auf Verantwortungsfähigkeit, Mitmenschlichkeit und die Fähigkeit, Freiheit verantwortlich zu gestalten. Deshalb gehören neben fachlichem Lernen auch Gemeinschaftserfahrung, Persönlichkeitsbildung und Werteorientierung zum Auftrag von Schule.

Wie positionieren Sie sich insbesondere zu den skizierten Änderungen, welche die AfD in Sachsen-Anhalt in Bezug auf die Inklusion, einem Geschichtsunterricht mit neuem Schwerpunkt und der Idee von "Sonderklassen für Flüchtlingen" im Falle einer Regierungsverantwortung nach der Wahl durchsetzen will?

Eberl: Die Schulstiftung gehört zu den Vorreitern der schulischen Inklusion und des gemeinsamen Unterrichtes aller Kinder und Jugendlichen. Inklusion verstehen wir als Ausdruck der gleichen Würde aller Menschen. Sie ist nicht lediglich ein organisatorisches Modell, sondern beruht auf der Überzeugung, dass jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Begabung, Beeinträchtigung oder sozialem Hintergrund ein gleiches Recht auf Teilhabe besitzt. Nicht zuletzt die UN-Behindertenkonvention, die Deutschland unterschrieben hat, bindet uns und alle Schulen an diesen Auftrag. 

"Die Antwort auf bestehende Schwierigkeiten kann jedoch nicht darin bestehen, das Ziel der Teilhabe grundsätzlich aufzugeben."

Gleichzeitig sehen wir die Herausforderungen, die mit inklusiver Bildung verbunden sind. Das Land hat sich für die kostspielige Doppelstruktur entschieden, gemeinsamen Unterricht zu entwickeln und daneben weiterhin Förderschulen vorzuhalten. Die Ressourcenknappheit ist damit vorprogrammiert. Damit Inklusion gelingt, benötigen Schulen ausreichende personelle, finanzielle und fachliche Ressourcen.

Zum geänderten Geschichtsunterricht

Als ehemaliger Geschichtslehrer fällt es mir besonders leicht darauf zu verweisen, dass wir für einen wissenschaftlich fundierten Geschichtsunterricht eintreten, der unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt und Schülerinnen und Schüler zu eigenständigem historischen Urteil befähigt.

"Besonders die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Diktaturerfahrungen und der Geschichte demokratischer Entwicklungen gehört aus unserer Sicht unverzichtbar zur politischen Bildung."

Und politische Bildung gehört unverzichtbar zur Schule, denn unsere Kinder und Jugendlichen brauchen Räume, den Diskurs und demokratisches Handeln auszuprobieren und einzuüben. Und selbstverständlich dürfen und sollen Lehrkräfte auch eine eigene Meinung haben! Keine Lehrkraft kann neutral sein; diese Vorstellung irritiert mich zunehmend. Vielmehr fühlen wir uns dem Beutelsbacher Konsens verpflichtet. Was in der öffentlichen Diskussion kontrovers ist, darf auch in der Schule kontrovers sein, wenn Kinder und Jugendliche nicht überwältigt, sondern in ihrer Meinungsbildung gefördert werden. 

Zur Teilhabe von Kindern mit Migrationshintergrung

Neu zugewanderte Kinder benötigen häufig zunächst intensive Sprachförderung. Vorbereitende Sprachlernangebote können daher pädagogisch sinnvoll sein. Langfristig sollte jedoch die Teilhabe am regulären, gemeinsamen Unterricht das Ziel bleiben. Die Bildungsforschung zeigt, dass soziale Integration und gemeinsames Lernen wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiche Bildungsbiografien und gesellschaftliche Integration sind.

Was würden Sie im Falle einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt tun, wenn Sie diesen neuen Vorgaben folgen müssten?

Eberl: Freie Schulen sind Teil des öffentlichen Bildungswesens und selbstverständlich an geltendes Recht gebunden. Zugleich besitzen sie aufgrund der Verfassung und des Schulrechts ein eigenes pädagogisches Profil. Als evangelische Schulen leben wir bewusst unsere Freiheit in eigener Verantwortung. Das begründet die nachhaltige Qualität unserer Schulen. Und die lassen wir uns auch nicht unter veränderten politischen Rahmenbedingungen nehmen.

"Die Achtung der Menschenwürde, die Förderung von Gemeinschaft, die Verantwortung für Benachteiligte sowie die Bildung der ganzen Persönlichkeit ist für uns nicht verhandelbar."

Das Recht unserer Schülerinnen und Schüler werden wir notfalls mit allen demokratischen und juristischen Mitteln sichern.  Wir würden selbstverständlich zuvor den Dialog mit politischen Entscheidungsträgern suchen und uns weiterhin für eine Bildung einsetzen, die Leistungsansprüche mit Menschlichkeit, Verantwortung und Teilhabe verbindet, denn unsere Kinder verdienen beste Lernmöglichkeiten, und die Zukunft unseres Landes hängt auch von der Qualität unserer Schulen ab.  

evangelisch.de: Welches Menschenbild liegt den jeweiligen bildungspolitischen Konzepten ihrer Meinung nach zugrunde?

Bildungspolitische Einzelmaßnahmen lassen sich letztlich nur vor dem Hintergrund des Menschenbildes verstehen, von dem sie ausgehen. Evangelische Schulen orientieren sich an der Überzeugung, dass jeder Mensch Geschöpf Gottes und geliebt ist, unverlierbare Würde besitzt und deshalb Anspruch auf Bildung, Teilhabe und Förderung hat. Dieses Menschenbild prägt unser Verständnis von Schule und Bildung. Darauf aufbauend und auf dem aktuellen Stand der Bildungswissenschaften haben wir für unsere Kinder und Jugendlichen beste schulische Bedingungen geschaffen. Nun frage ich die AfD in Sachsen-Anhalt: Welches Menschenbild und welche Bildungskompetenz zeigt sich in den von ihnen zitierten Forderungen?

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