Heino Bosselmann: Weg von der AfD, hin zur Kirche

Heino Bosselmann / epd-bild
Heino Bosselmann war lange Lehrer und hat mehrere Jahre für die Partei der AfD gearbeitet, sowohl im Landtag von Sachsen-Anhalt als auch im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.
Publizist ließ sich taufen
Heino Bosselmann: Weg von der AfD, hin zur Kirche
Die AfD verbucht wachsende Unterstützung, bei Wahlen, Umfragen, Parteieintritten. Über eine mögliche absolute Mehrheit bei kommenden Landtagswahlen wird spekuliert. Doch es gibt Menschen, die den umgekehrten Weg gehen, weg von der AfD.

Geboren in Rostock, aufgewachsen in der Prignitz, NVA-Grenzsoldat, DDR-Lehramtsstudium in Leipzig. Danach war er lange Lehrer. Dann ist Heino Bosselmann zur AfD gewechselt und hat mehrere Jahre für die Partei gearbeitet, erst kurz im Landtag von Sachsen-Anhalt, dann länger im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen warnt er vor der AfD und sagt, er habe ihr den Rücken gekehrt - und sich der Kirche zugewandt.

Die Partei präsentiere sich als Fürsprecherin der Schwachen und plane zugleich eine gegen sie gerichtete Politik, sagt der frühere Schweriner Fraktionsreferent. Sie mache Versprechen, die sie wegen fehlender Haushaltsmittel nicht halten könne. Auch mit der Migrationspolitik der AfD rechnet er ab. Das Land sollte angesichts globaler Entwicklungen offener für Migration sein und zugleich mehr für die Integration tun, sagt er. Käme die AfD an die Macht, sei eine Politik zu erwarten, "die ganz im allgemeinen Sinne ethisch kaum zu vertreten ist".

"Vordenker der Neuen Rechten"

Heino Bosselmann ist nicht irgendwer aus dem AfD-Milieu. Aus Kreisen der früheren Parteijugend "Junge Alternative" wurde er als "intellektueller Vordenker der Neuen Rechten" bezeichnet. Er hat, teils über viele Jahre hinweg, in Medien wie "Sezession", "Compact" und der "Jungen Freiheit" publiziert.

Auf der Webseite der "Sezession", einst vom inzwischen offiziell aufgelösten rechtsextremen "Institut für Staatspolitik" um Götz Kubitschek herausgegeben, wird er neben Martin Sellner und Martin Lichtmesz als einer von zehn Stammautoren aufgeführt. Allein dort hat Heino Bosselmann im "Netztagebuch" 174 Beiträge veröffentlicht, zuletzt am 12. Februar.

Die Amadeu Antonio Stiftung gegen Rechtsextremismus beschreibt ihn als "ideologisch gefestigt" und hat Zweifel an einer wirklichen Abkehr von rechtsextremen Milieus und Ideologien. 2014 habe Bosselmann bereits einmal mit der Neuen Rechten gebrochen, heißt es dort. Diese Umkehr habe jedoch nur wenige Jahre gedauert, dann habe er dort wieder publiziert. Seine "vermeintliche neue Umkehr" sei daher "kein bisschen glaubwürdig".

Kritik an Bildungspolitik

Bosselmann widerspricht. Seine Kritik an der Bildungspolitik habe sich in rechtsintellektuellen Medien besonders leicht platzieren lassen, sagt er bei einem Gespräch in Pritzwalk im Norden Brandenburgs. Seine Texte seien dort auf Resonanz gestoßen. Heute frage er sich, ob er dabei nicht auch von narzisstischer Eitelkeit angetrieben wurde.

Bosselmann hat sich auch noch auf einen anderen Weg begeben, von einer atheistischen Herkunft hin zum Christentum. Den habe er konsequent gehen wollen. "AfD und Christentum, das passt für mich nicht zusammen", sagt er: "Ich bin aus der AfD ausgetreten, habe meine Referentenstelle gekündigt und meine publizistische Tätigkeit eingestellt." Ende März sei das gewesen.

Der Weg zur Religion sei ein "jahrzehntelanger gründlicher Prozess" gewesen, erzählt er. Er habe philosophisch-theologische Texte gelesen, lange Gespräche mit einem katholischen Priester geführt. Dann sei er auf Pfarrer Helmut Kautz aus Brandenburg aufmerksam geworden und habe sich an ihn gewandt.

"Bekehrungsgeschichte"

Und Pfarrer Kautz ist in seinem Element. "Ich sehe das als eine echte Bekehrungsgeschichte", erzählt er begeistert. Bosselmanns Abkehr von seiner Vergangenheit halte er für überzeugend. Nicht zuletzt, weil der ehemalige AfD-Mitarbeiter sich jetzt für Flüchtlinge engagiere. Er habe dessen Texte auch "durch eine Analyse-KI gejagt", mit positivem Ergebnis. Bosselmann habe dann Taufunterricht bei einem Pfarrer im Ruhestand genommen.

Nun hat sich Heino Bosselmann tatsächlich taufen lassen und ist damit ganz offiziell evangelischer Christ und Mitglied der Kirche: Während die AfD Anfang Juli in Erfurt ihren Bundesparteitag abgehalten hat, wurde dem 62-Jährigen in der Prignitz mit dem Sakrament der Taufe die bedingungslose Liebe Gottes zugesagt.

In der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz war auch das für die Region zuständige Mitglied der Kirchenleitung, Kristóf Bálint, damit befasst. Heino Bosselmann habe sich "sehr glaubwürdig mit seiner Geschichte auseinandergesetzt, sein bisheriges Wirken kritisch angesehen", sagt der Theologe. Er habe sich "in großer Ernsthaftigkeit und klarem Bekenntnis taufen lassen" und eine zweite Chance verdient.

In der Amadeu Antonio Stiftung wird weiter mit äußerster Skepsis auf die Sache geblickt, besonders wegen der bis ins laufende Jahr reichenden langen Publikationsgeschichte. Bosselmann selbst spricht von einer prinzipiellen Veränderung, von heilender und heilsamer Umkehr, einem Akt der Befreiung, von einer strengen inneren Revision. Der Abschied von AfD und Neuer Rechter sei wie eine Erlösung, das Christentum eine Inspiration zu einem sinnvollen Leben, sagt er. Der Verfassungsschutz gibt zu dem Thema keine Einschätzung ab.