"Es ist höchste Zeit für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik, die nicht die Flüchtlinge bekämpft, sondern deren Ursachen", betont Jan Gildemeister, der Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Dass es Menschen seien, die meist unfreiwillig ihre Heimat wegen Krieg, Unterdrückung und Verfolgung hätten verlassen müssen, sie zudem oft traumatisiert seien und daher einen Schutz genießen müssten, werde in den aktuellen politischen Debatten leider vergessen, kritisiert Gildemeister.
Zum heutigen Weltflüchtlingstag weisen Menschenrechtsorganisationen, Verbände und Kirchen in einem Memorandum auf ihre Sorge über die restriktive Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa hin. Flucht und Migration würden gezielt zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert, Flüchtlinge zu Feindbildern und als Gefahr für die Sicherheit oder den Wohlstand des eigenen Landes dargestellt, heißt es in dem veröffentlichten Papier.
In der Folge würden ihnen grundlegende Rechte verweigert. Ein spaltendes "Wir gegen die Anderen" werde "zum politischen Prinzip erhoben". Das Memorandum "Es geht auch anders! Gemeinsam für Schutz und Zusammenhalt" wird von insgesamt 275 Organisationen unterstützt, darunter auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), der Flüchtlingsrat NRW, die Diakonie RWL und die Evangelische Kirche von Westfalen.
Bischof Stäblein: "Man lässt keinen Menschen ertrinken, Punkt"
Der EKD-Beauftragte für Flüchtlingsfragen, der Berliner Bischof Christian Stäblein, mahnt Solidarität für Menschen auf der Flucht an: "Es gibt eine Erfahrung, die die Menschheit eint, durch alle Kulturen, durch alle Zeiten hinweg: Wer in Gefahr gerät, sucht Schutz. Wer verfolgt wird, flieht. Wer sein Kind in Sicherheit bringen will, tut alles dafür."
Die christliche Haltung dazu sei klar: "Man lässt keinen Menschen ertrinken, Punkt", bekräftigte Stäblein. Dass es trotzdem passiere, sei "eine furchtbare Realität". In der Berliner Passionskirche ist am Freitagabend eine 24-stündige Gedenkaktion für auf der Flucht umgekommene Menschen eröffnet worden. Bei der Aktion "Beim Namen nennen" werden bis Samstagabend mehr als 72.000 Schicksale verlesen werden. Grundlage sei die Liste des Netzwerkes "United for Intercultural Action", die seit 1993 Todesfälle von Menschen auf der Flucht dokumentiert
Ruck-Schröder: Biblischen Auftrag zur Nächstenliebe
Die westfälische Präses Adelheid Ruck-Schröder betont, jeder Mensch sei ein Ebenbild Gottes und habe dementsprechend ein "Recht auf Schutz, Würde und Leben in Sicherheit": "Aus dem biblischen Auftrag zur Nächstenliebe folgt für uns, dass wir uns klar für einen solidarischen und menschenrechtsbasierten Flüchtlingsschutz einsetzen."
Die Präsidentin der evangelischen Hilfswerke "Brot für die Welt" und Diakonie Katastrophenhilfe, Dagmar Pruin, warnt vor mangelnder politischer und gesellschaftlicher Unterstützung für den Flüchtlingsschutz und forderte: "Deutschland muss sich mit dafür einsetzen, dass der globale Flüchtlingsschutz nicht kollabiert."
Bischof Jeremias: "Gott führt aus der Gefangenschaft in die Freiheit"
"Wer Flüchtlingsschutz systematisch abbaut, beschädigt nicht nur die Rechte Schutzsuchender, sondern die Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens", warnen Landesbischof Christian Kopp und die Präsidentin der Diakonie Bayern, Sabine Weingärtner, in einer gemeinsamen Mitteilung.
Der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche, Tilman Jeremias, betont, dass die Ur-Erzählung der Bibel eine Fluchtgeschichte ist – eine Geschichte von Menschen, die Unterdrückung, Gewalt und Lebensgefahr entkommen. "Gott beendet Unterdrückung. Gott führt in die Freiheit. Aber der Weg dorthin ist lang, gefährlich und voller Zumutungen", so der Bischof.
Greenpeace: "klimabedingte Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen als Fluchtursachen im Blick behalten"
Die Umweltorganisation Greenpeace rückt zum Weltflüchtlingstag klimabedingte Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen als Fluchtursachen in den Blick. Die Zahl der Menschen, die aus diesen Gründen ihre Heimat verlassen, erhöhte sich im Jahr 2025 auf 13,6 Millionen Menschen, nach 9,9 Millionen Menschen im Vorjahr, wie es in einer Studie der Universität Hamburg im Auftrag von Greenpeace heißt.
Das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" fordert von der internationalen Gemeinschaft, mehr für den Schutz und die spezifischen Bedürfnisse von Mädchen in humanitären Krisen zu machen. Auf der Flucht sowie in Kriegs- und Konfliktregionen seien Mädchen zusätzlichen Risiken ausgesetzt, teilt die Organisation in Aachen mit. Für einen besseren Schutz seien sichere Unterkünfte, Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, psychosoziale Hilfe und ein freier Zugang zu Bildungsangeboten notwendig.
"Ein Flüchtlingsschutz, der diesem Anspruch gerecht wird, ist möglich"
Die Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats NRW, Birgit Naujoks, erklärt: "Echter Flüchtlingsschutz setzt Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Humanität voraus." Sie appellierte an die Politik, den "Kurs der Entrechtung" und ihre "spalterische Rhetorik" aufzugeben. Stattdessen müssten Lösungen "für eine von Respekt, Gleichberechtigung und Menschlichkeit geprägte vielfältige Gesellschaft" gefunden werden.
Das Memorandum verweist auf die vor 75 Jahren völkerrechtlich verankerte Genfer Flüchtlingskonvention, die Staaten zum Flüchtlingsschutz verpflichtet und eine Abweisung Schutzsuchender verbietet. In Zeiten wie heute sei die Einlösung des Versprechens der Konvention "eine große Herausforderung", heißt es in dem Papier. "Ein Flüchtlingsschutz, der diesem Anspruch gerecht wird, ist möglich."
Caritas: "Geas muss verlässlich und menschenwürdig umgesetzt werden"
In dem Memorandum wird unter anderem die Abschaffung des Konzepts sicherer Drittstaaten gefordert, das als Grundlage für sogenannte Return Hubs zur Abschiebung von Flüchtlingen dienen soll, die Wiederaufnahme humanitärer Aufnahmeprogramme sowie Zugang zu Asylberatung und Integrationskursen.
Ergänzend zu dem Memorandum forderte die Caritas in NRW, dass die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas) in Nordrhein-Westfalen "verlässlich und menschenwürdig" umgesetzt wird. Dazu sollte unter anderem schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen ein schneller und qualitativ guter Zugang zur Regelschule ermöglicht werden.
Im vergangenen Jahr haben in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen gelebt, die wegen Flucht, Vertreibung oder auf der Suche nach internationalem Schutz ins Land gekommen sind. Wie das Statistische Bundesamt anlässlich des Weltflüchtlingstags sowie des Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung mitteilt, sind 3,3 Millionen Menschen seit 1950 aus Gründen von Flucht und Vertreibung zugewandert. Weitere 713.000 Menschen sind Vertriebene des Zweiten Weltkriegs, die vor 1950 zugewandert sind.




