Manchmal weint die alte Dame. "Richtig bitterlich", sagt Michaela Rzegotta. Sie weint, berichtet die Pflegedienstleiterin eines Würzburger Pflegeheims der Arbeiterwohlfahrt (AWO), weil sie es wieder nicht geschafft hat.
Eigentlich möchte sie nicht mehr trinken. Sie ist doch jetzt schon so alt und im Heim. Dann packt es sie doch wieder, dann besorgt sie sich wieder Wein, trinkt zwei Schoppen. Oder drei.
Sucht im Pflegeheim ist ein Tabuthema. Dabei kommt es gar nicht selten vor. "Statistiken kenne ich nicht, aber aus meiner 25-jährigen Berufserfahrung heraus schätze ich, dass bis zu zehn Prozent der Heimbewohner betroffen sind", sagt Rzegotta.
Selbstbestimmung ist wichtig
Denkt man an die vielen Heimbewohner:innen, die Medikamente schlucken, könnte man zu dem Schluss kommen: besser keinen Tropfen Alkohol. "Aber auch Selbstbestimmung ist wichtig", gibt Rzegotta zu bedenken. Sie erinnert sich an einen Bewohner, der mit Leberzirrhose kam. Aufhören zu trinken wollte er nicht. Man ließ ihn drei Wochen lang gewähren, dann starb er.
Schwieriger war es bei einem Bewohner, der so viel trank, dass er öfter stürzte. Oder er konnte alkoholisiert den Urin nicht mehr halten. Beides setzte einen Teufelskreis in Gang. Weil sich der Mann schämte, ging er nicht zum gemeinsamen Essen. Er zog sich in sein Zimmer zurück und trank aus Frust.
Rzegotta wäge von Fall zu Fall ab, wie sie vorgehe, erklärt sie: "Das müssen wir aufgrund unserer Fachlichkeit einschätzen können." Wen soll man gewähren lassen, weil die betreffende Person unter noch mehr Entzug von Autonomie leiden würde? Wem muss man unbedingt Hilfe anbieten? Stets handele sie individuell, eingedenk dessen, dass es schwierig sei, sein Leben aufgeben zu müssen, in ein Heim zu ziehen und dort zu erleben, wie es körperlich immer weiter abwärtsgehe.
Frage nach Vorteilen
Im Heim gibt es oft wenig Besuch oder Zuwendung, kaum noch Aufgaben, womöglich kommen verdrängte Erinnerungen an traumatische Erlebnisse hoch. Petra Müller, Suchttherapeutin bei der Würzburger Caritas, sagt, es sei nachvollziehbar, dass alte Menschen in dieser Situation tränken. Das Thema selbst ist auch ihrer Aussage zufolge hoch tabuisiert.
Sucht hat meist etwas mit der Psyche zu tun. "Ich beginne immer mit der Frage, welchen Vorteil der Suchtmittelkonsum bringt", berichtet Müller von Fällen, wenn jemand mit Suchtproblem zu ihr kommt. Schnell kämen die Klienten darauf: "Dadurch kann ich ein Stück Freiheit ausleben." Dieser Faktor spielt laut der Suchtexpertin bei Pflegebedürftigen eine große Rolle. Vor allem Senioren, die noch mobil sind und selbst einkaufen können, seien verleitet, zu Bier oder Wein zu greifen: "Um sich mal ein bisschen wegzubeamen."
Wird der Konsum offenbar, wagt es den Erfahrungen Müllers zufolge kaum jemand in der Einrichtung, den Bewohner direkt anzusprechen. In Fortbildungen erklärt sie, wie wichtig dies wäre. "Dabei sollte man Fürsorge ausdrücken", sagt sie. Außerdem finde sie es sinnvoll, Selbsthilfegruppen aus dem Suchtbereich anzubieten, sich in Räumen des Pflegeheims zu treffen.
Bewohnern Normalität zugestehen
Trotz allem: Alkoholkonsum gehört zur Normalität. Diese Normalität solle man auch Pflegeheimbewohnern zugestehen, appelliert Christian Morgner. Der gelernte Suchtberater aus Bremen ist seit 2012 rechtlicher Betreuer und aktuell stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands für Berufsbetreuer.
Er habe schon mehrere betagte Klienten mit Suchtproblematik gehabt, die ins Heim umziehen mussten, erzählt Morgner.
In einigen Fällen sei es schwierig gewesen, sie unterzubringen. Zwar wird ein Neuankömmling in den meisten Fällen vor dem Einzug nicht gefragt, ob er trinkt. Doch kommt dies direkt oder indirekt heraus, könne die Aufnahme abgelehnt werden. "Viele Einrichtungen leiden ja ohnehin unter Personalmangel, mit suchtkranken Bewohnern sind sie vollends überfordert", erklärt Morgner.
Morgner hatte schon Klienten, die bis zum Umzug nicht tranken: "Im Heim fingen sie plötzlich an, weil sie sich auf dem Abstellgleis fühlten", berichtet er. Unvergessen bleibe ihm ein Senior, der nach drei Wochen aus dem Heim stürzte und sich betrank. Hinterher habe er zu Morgner gesagt: "Mir ist hier einfach alles zu eng."




