Verweigerungsanfragen seit 2022 verdoppelt

Schild mit der Aufschrift "Kriegsdienst verweigern"
Markus Scholz/dpa
2025 sind in Deutschland die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung im Vergleich zu 2024 um 29 Prozent gestiegen.
Krieg, nein Danke!
Verweigerungsanfragen seit 2022 verdoppelt
Seit dem 1. Januar 2026 gelten in Deutschland die Regelungen für den neuen Wehrdienst. Zwar betont die Regierung, dass es sich dabei nicht um die Reaktivierung der allgemeinen Wehrpflicht handele, vielen jungen Menschen aber ist das neue Gesetz suspekt und sie verweigern. Der Bedarf an Beratungen zu Fragen der Kriegsdienstverweigerung ist weiterhin sehr hoch, erklärt auch die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) zum heutigen Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung. evangelisch.de-Redakteurin Alexandra Barone berichtet.

"Die Zahl der Anfragen, die uns erreichen, steigt derzeit deutlich an", sagt Stefan Schwarzer. Der Stuttgarter Pfarrer ist Koordinator der Gewissensberatung in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und landeskirchlicher Friedenspfarrer. "Dieses Jahr schaffen wir EKD-weit locker die Zahl von 1.000 Beratungen."

"Bereits Mitte April haben wir so viele Beratungen durchgeführt wie 2022 im gesamten Jahr. Auch gegenüber dem Vorjahreszeitraum hat sich die Zahl schon jetzt verdoppelt", so Stefan Schwarzer weiter. Die Gründe für diesen deutlichen Anstieg sieht die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) dabei im neuen Wehrdienst-Modernisierungsgesetz.

"Seitdem Jugendliche, die volljährig werden, einen Fragebogen erhalten, der nach ihrer Bereitschaft zum Wehrdienst fragt, denken viele auch über die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung nach", berichtet der Stuttgarter Pfarrer. Aber dass auch in der Gesellschaft sehr kontrovers über sicherheitspolitische Fragen diskutiert werde, trage dazu bei, dass von jungen Menschen auch die Kriegsdienstverweigerung eine Rolle spiele.

Berater:innen-Netz wird bundesweit ausgebaut

Dies zeigt sich auch in den aktuellen Zahlen. Nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln, wo die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung bearbeitet werden, hätten im ersten Quartal dieses Jahres bereits fast 2.700 Menschen einen KDV-Antrag gestellt. 2024 waren es im gesamten Jahr nur knapp 3.000 Anträge.

Beratungseinrichtungen zur Kriegsdienstverweigerung wie die Deutsche Friedensgesellschaft (Bild) oder die Evangelische Friedensarbeit verzeichnen steigenden Bedarf.

"Das zeigt, welche Rolle Kriegsdienstverweigerung wieder spielt und wie wichtig die Gewissensberatung ist", ist Stefan Schwarzer überzeugt. Die EAK ist daher dabei, ihr Berater:innen-Netz bundesweit auszubauen und Menschen für eine Beratung zu schulen. Mittlerweile gibt es in allen 20 Gliedkirchen der EKD, aber auch in den Freikirchen, die auch in der EAK mitwirken, entsprechende Ansprechpartner.

Verweigerungen um 29 Prozent gestiegen

In dem heute erschienen Jahresbericht "Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen in Europa" des Büros für Kriegsdienstverweigerung (EBCO) für das Jahr 2025 sind in Deutschland die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung im Jahr 2025 um 29 Prozent gestiegen im Vergleich zu 2024. Während es 2024 noch knapp 2.998 Anträge waren, sind es 2025 3.867 Anträge gewesen. 

Zusätzlich gab es im ersten Quartal 2026 bereits 2.656 Anträge, was auf eine fortgesetzte starke Zunahme hindeutet. "Wir stehen Menschen bei Gewissensfragen zur Seite, das ist auch eine seelsorgerliche Aufgabe der Kirche", macht Stefan Schwarzer deutlich. 

Kirche unterstützt Menschen bei Gewissensfragen

Kriegsdienstverweigerung sei aber auch ein wichtiges Thema in Europa, gibt der Pfarrer zu bedenken. "Der aktuelle Bericht des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung zeigt, dass noch lange nicht in allen Staaten das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung auch gewährleistet wird", so Stefan Schwarzer, der die EAK in diesem Europäischen Büro vertritt. 

Der Bericht zeigt, dass das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Europa unter Druck steht, aber gleichzeitig mehr Menschen dieses Recht in Anspruch nehmen. Die internationale Gemeinschaft wird aufgefordert, sich stärker für die Anerkennung und den Schutz dieses Menschenrechts einzusetzen. Der Bericht zeige, dass sich in vielen Ländern des Europarates habe sich die Lage von Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren verschlechtert und deren rechtliche Anerkennung werde oft untergraben, berichtet auch Stefan Schwarzer.

"Gerade in Zeiten, in denen wieder aufgerüstet und die Wehrpflicht in vielen Ländern wieder eingeführt wird, ist eine uneingeschränkte Anerkennung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung sowie die Einrichtung wirklicher Alternativdienste ohne Strafcharakter sowie die Angleichung von nationalen Rechtsvorschriften an internationale Menschenrechtsstandards unbedingt erforderlich", macht der Pfarrer klar.

Die EAK ist Teil der Friedensarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und beschäftigt sich mit Fragen der Friedensethik, Friedenstheologie, Friedenspolitik und Friedenspädagogik.