"Die Zahl der Anfragen, die uns erreichen, steigt derzeit deutlich an", sagt Stefan Schwarzer. Der Stuttgarter Pfarrer ist Koordinator der Gewissensberatung in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und landeskirchlicher Friedenspfarrer. "Dieses Jahr schaffen wir EKD-weit locker die Zahl von 1.000 Beratungen."
"Bereits Mitte April haben wir so viele Beratungen durchgeführt wie 2022 im gesamten Jahr. Auch gegenüber dem Vorjahreszeitraum hat sich die Zahl schon jetzt verdoppelt", so Stefan Schwarzer weiter. Die Gründe für diesen deutlichen Anstieg sieht die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) dabei im neuen Wehrdienst-Modernisierungsgesetz.
Nach ihrem Volontariat in der Pressestelle der Aktion Mensch arbeitete Alexandra Barone als freie Redakteurin für Radio- und Print-Medien und als Kreativautorin für die Unternehmensberatung Deloitte. Aus Rom berichtete sie als Auslandskorrespondentin für Associated Press und für verschiedene deutsche Radiosender. Seit Januar 2024 ist sie als Redakteurin vom Dienst für evangelisch.de tätig.
"Seitdem Jugendliche, die volljährig werden, einen Fragebogen erhalten, der nach ihrer Bereitschaft zum Wehrdienst fragt, denken viele auch über die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung nach", berichtet der Stuttgarter Pfarrer. Aber dass auch in der Gesellschaft sehr kontrovers über sicherheitspolitische Fragen diskutiert werde, trage dazu bei, dass von jungen Menschen auch die Kriegsdienstverweigerung eine Rolle spiele.
Berater:innen-Netz wird bundesweit ausgebaut
Dies zeigt sich auch in den aktuellen Zahlen. Nach Angaben des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln, wo die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung bearbeitet werden, hätten im ersten Quartal dieses Jahres bereits fast 2.700 Menschen einen KDV-Antrag gestellt. 2024 waren es im gesamten Jahr nur knapp 3.000 Anträge.
"Das zeigt, welche Rolle Kriegsdienstverweigerung wieder spielt und wie wichtig die Gewissensberatung ist", ist Stefan Schwarzer überzeugt. Die EAK ist daher dabei, ihr Berater:innen-Netz bundesweit auszubauen und Menschen für eine Beratung zu schulen. Mittlerweile gibt es in allen 20 Gliedkirchen der EKD, aber auch in den Freikirchen, die auch in der EAK mitwirken, entsprechende Ansprechpartner.
Verweigerungen um 29 Prozent gestiegen
In dem heute erschienen Jahresbericht "Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen in Europa" des Büros für Kriegsdienstverweigerung (EBCO) für das Jahr 2025 sind in Deutschland die Anträge auf Kriegsdienstverweigerung im Jahr 2025 um 29 Prozent gestiegen im Vergleich zu 2024. Während es 2024 noch knapp 2.998 Anträge waren, sind es 2025 3.867 Anträge gewesen.
Zusätzlich gab es im ersten Quartal 2026 bereits 2.656 Anträge, was auf eine fortgesetzte starke Zunahme hindeutet. "Wir stehen Menschen bei Gewissensfragen zur Seite, das ist auch eine seelsorgerliche Aufgabe der Kirche", macht Stefan Schwarzer deutlich.
Kirche unterstützt Menschen bei Gewissensfragen
Kriegsdienstverweigerung sei aber auch ein wichtiges Thema in Europa, gibt der Pfarrer zu bedenken. "Der aktuelle Bericht des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung zeigt, dass noch lange nicht in allen Staaten das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung auch gewährleistet wird", so Stefan Schwarzer, der die EAK in diesem Europäischen Büro vertritt.
Der Bericht zeigt, dass das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Europa unter Druck steht, aber gleichzeitig mehr Menschen dieses Recht in Anspruch nehmen. Die internationale Gemeinschaft wird aufgefordert, sich stärker für die Anerkennung und den Schutz dieses Menschenrechts einzusetzen. Der Bericht zeige, dass sich in vielen Ländern des Europarates habe sich die Lage von Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren verschlechtert und deren rechtliche Anerkennung werde oft untergraben, berichtet auch Stefan Schwarzer.
"Gerade in Zeiten, in denen wieder aufgerüstet und die Wehrpflicht in vielen Ländern wieder eingeführt wird, ist eine uneingeschränkte Anerkennung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung sowie die Einrichtung wirklicher Alternativdienste ohne Strafcharakter sowie die Angleichung von nationalen Rechtsvorschriften an internationale Menschenrechtsstandards unbedingt erforderlich", macht der Pfarrer klar.
Die EAK ist Teil der Friedensarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und beschäftigt sich mit Fragen der Friedensethik, Friedenstheologie, Friedenspolitik und Friedenspädagogik.




