Pflegeroboter sind nur Scheinlösung

Sozialer Roboter Ricky unterhält Seniorin.
epd-bild/Jens Schulze
Der Pflegeroboter ist laut dem Frankfurter Soziologen Florian Butollo eine Scheinlösung, weil in den allermeisten Fällen keine einzige Pflegekraft substituiert werde.
Soziologe zu Digitalisierung
Pflegeroboter sind nur Scheinlösung
Arbeitskräfte werden künftig knapp, sagt der Frankfurter Soziologe Florian Butollo. Aber in einer vollerwerbstätigen Gesellschaft muss sich trotzdem jemand um die Alten, die Kranken und die Kinder kümmern.

Die Zukunft der Gesellschaft werde durch einen Mangel an Arbeitskräften geprägt sein, schreibt der Frankfurter Soziologe Florian Butollo in seinem Buch "Das knappe Gut Arbeit".

Der Evangelische Pressedienst (epd) sprach mit dem Experten für Digitale Transformation und Arbeit an der Goethe-Universität über Deindustrialisierung in Deutschland, den Pflegeroboter und die "One-Million-Dollar-Frage", wie eine positive Zukunftsvision entwickelt werden könnte.

Die deutsche Wirtschaft scheint sich in einer Krise zu befinden, Unternehmen kündigen einen Stellenabbau an oder haben schon Mitarbeitende entlassen. Auch in vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Entlassungswellen. Sie aber schreiben in Ihrem Buch: Es gibt einen dauerhaften, strukturellen Mangel an Arbeitskräften. Wie passt das zusammen?

Florian Butollo: Die 1990er Jahre waren eine Zeit der Massenarbeitslosigkeit, die mit ökonomischen Gründen zu tun hatte, etwa der Restrukturierung nach der Wiedervereinigung. Es gab einen Arbeitskräfteüberschuss. Das hat unseren Blick auf die Dinge geprägt und uns übersehen lassen, dass die langfristige Tendenz eine Ausweitung von Erwerbsarbeit ist, insbesondere seit den 2010er Jahren.

Wir haben aktuell fünf Millionen Beschäftigte mehr als noch 2010. Viele Berufsfelder, vor allem der IT-Sektor, sind extrem gewachsen. Die Erklärung ist: Neben der Rationalisierungstendenz des Kapitalismus gibt es auch einen Trend zur Ausdifferenzierung. Es kommt zu Komplexitätssteigerung und Beschleunigung. Das hängt auch mit der Digitalisierung zusammen, die oft mehr Arbeit macht, als sie spart. Und ein großer Treiber der Beschäftigung ist die zunehmende Sorgearbeit, vor allem infolge der Alterung der Gesellschaft.

Die Digitalisierung, die Sorgearbeit für Alte und Kranke, die ökologische Krise - all das macht in Zukunft mehr Arbeit, sagt der Frankfurter Soziologe Florian Butollo.

Hinzu kommt, dass auch die ökologische Krise Arbeit macht. In meinem Buch geht es zentral um einen strukturellen Arbeitskräftemangel, weil aufgrund des demografischen Wandels das Angebot an Arbeitskraft zurückgeht.

Welche Rolle spielen die Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) auf dem Arbeitsmarkt?

Butollo: In einigen Befragungen von Gewerkschaften sagen die Befragten, sie hätten mehr Arbeit durch die Digitalisierung. Die Entlastung durch Digitalisierung trifft nicht in dem Maße zu, wie es erhofft wird. Oft wird gesagt, die Menschen in der Arbeitswelt sind überlastet, und das sehe ich genauso.

Wer soll sich um Alte, Kinder und Kranke kümmern?

Sie sind überlastet aufgrund der Doppelbelastung in der Erwerbsarbeit und in der privaten Sorgearbeit, die größer wird, wenn wir eine vollerwerbstätige Wirtschaft haben. Wer soll sich um die Alten, die Kinder, die Kranken kümmern? Da wird in Aussicht gestellt, dass die KI das schon lösen wird. Meine Forschung zeigt: Das ist in der Regel ein falsches Versprechen.

Im Pflegebereich etwa gibt es einen eklatanten Mangel an Arbeitskräften. Können da nicht KI und Robotik helfen?

Butollo: Es ist überraschend: Seit so vielen Jahren wird debattiert, dass jetzt die Pflegeroboter kommen - und doch passiert so wenig. Meines Erachtens liegt es daran, dass es eine Faszination gibt, die Pflege technisch zu entlasten. Der Pflegeroboter ist aber eine Scheinlösung, weil in den allermeisten Fällen keine einzige Pflegekraft substituiert wird. Wenn überhaupt ist das eine Assistenztechnologie. Es wird die eigentliche Quelle der Überlastung nicht lösen, nämlich dass wir viel zu wenig Leute haben, die in dem Bereich arbeiten.

Sie schreiben, dass 2024 monatlich 10.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren gingen. Erleben wir eine Deindustrialisierung in Deutschland?

Butollo: Zunächst ist zu sagen: Deindustrialisierung gibt es nicht - in dem Sinne, dass es ein Ende der Industrie ist. Wir sehen vielmehr eine Korrektur auf ein realistischeres Maß. Das Maß war unrealistisch, weil Deutschland jahrelang Exportweltmeister war. Das funktioniert in einer kompetetiveren globalen Ökonomie nicht mehr.

Wir reden in den letzten zwei, drei Jahren, wo es ans Eingemachte ging in der Industrie, über den Verlust von 300.000 Industriearbeitsplätzen - von insgesamt sechs Millionen. Es ist wichtig, dies in der alarmistischen Diskussion um Deindustrialisierung festzuhalten.

Traditionelle Skills am Arbeitsmarkt weiter wichtig

Viele Menschen sind angesichts der zahlreichen Krisen verunsichert. Ihr Blick auf die Zukunft ist hingegen nicht ganz so pessimistisch. Was raten Sie den Leuten?

Butollo: Tatsächlich würde ich die Zukunft etwas gelassener sehen, zumindest was die Arbeitsmarktsituation anbelangt. Es wird keine Massenarbeitslosigkeit ausbrechen. Die traditionellen Skills bleiben wichtig, gleichzeitig gibt es viel Bewegung aufgrund der Einführung von KI. Man kann sich dem Neuen öffnen, ohne Angst zu haben, dass die alten Skills nichts mehr wert sind. Die große Frage ist, wie wir gesellschaftlich den Turnaround schaffen, sodass wieder eine Zukunft möglich ist.

Meines Erachtens liegt ein großer Grund für die politische Polarisierung darin, dass uns jegliche Vorstellung einer positiven Zukunft abhandengekommen ist, vor allen Dingen aufgrund des Klimawandels. Es gibt den Begriff des "climate mourning", dem Betrauern der Klimakatastrophe. Das ist die One-Million-Dollar-Frage: Wie wir wieder eine positive Zukunftsvision entwickeln können.

Und wie könnte das gelingen?

Butollo: Wir müssen wegkommen von dieser verrückten Beschleunigungs- und Komplexitätsspirale, die dafür verantwortlich ist, dass wir trotz Automatisierung noch immer 40 Stunden arbeiten müssen. Wir müssen überlegen, wie wir unsere Wirtschaftsweise selbstgenügsamer machen und ob wir bestimmte Sachen bleiben lassen.

Woran denken Sie?

Butollo: Zum Beispiel an Influencer, die den Fast-Fashion-Trend anheizen, zum Beispiel an Innovationsarbeiten, die da reinfließen, neue Produktgenerationen möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Alles, was auf Eroberung von Märkten um jeden Preis abzielt.