Nachhaltige Forstarbeit im Bestattungswald

Pferdeführer und Fuhrmann Ingo Reimann mit Rückepferd Eddy im Wald.
epd-bild / Kay Michalak
Rueckepferd Eddy, ein elfjähriger Noriker-Wallach, im Friedwald der Bremer Schweiz.
Pferde statt Maschinen
Nachhaltige Forstarbeit im Bestattungswald
Den Großteil der Forstarbeiten im Wald erledigen heute schwere Maschinen. Doch wenn es darauf ankommt, den Boden zu schonen, kommen Pferde zum Einsatz: sanfte Riesen, die sich mit Kraft und Ausdauer ins Zeug legen.

Die Sonne schiebt sich langsam über den Horizont. Erste Lichtstrahlen lassen das feuchte Laub unter den Eichen im Friedwald zwischen dem niedersächsischen Schwanewede und Bremen glitzern. Eddy steht ganz entspannt neben seinem Pferdeanhänger. "Komm Eddy, wir machen uns warm", ruft Ingo Reimann seinem elfjährigen Noriker-Wallach aufmunternd zu, der hier gefällte Jungfichten aus dem Wald ziehen soll. "Rücken", wie es in der Forstsprache heißt.

Der Rappe bläht seine Nüstern und antwortet mit einem sonoren Schnauben. Langsam trottet er mit seinem Fuhrmann los und verschwindet im Wald.

Ingo Reimann und Eddy kommen aus Horneburg bei Hamburg und sind seit Jahren ein eingespieltes Team. Das funktioniert, denn Pferde sind Herdentiere und grundsätzlich auf Gemeinschaft, Freundschaft und klare Strukturen gepolt. "Wenn man ein Vertrauensverhältnis zu seinem Pferd aufbaut, ist es bereit, alles zu geben", sagt Reimann. Erfahrene Rückepferde erkennen, welchen Baum der Fuhrmann ansteuert und wo der Stamm hin soll. Sie finden ihre Wege und fragen über Körpersprache und Laute nach, ob es der richtige ist. Reimann ist dankbar für das Vertrauen, das ihm Eddy schenkt und ist überzeugt: "Das Rücken hier im Wald macht er nur für mich."

Hans-Martin Engell, Förster und Friedwald-Koordinator der Niedersächsischen Landesforsten in der Region, hat Ingo Reimann und Eddy als Rückepferde für Pflegearbeiten im Wald gebucht, dazu auch den neunjährigen Noriker-Wallach Anton und Fuhrfrau Kristina Göttken. Sie bewegen sich in einem sensiblen Umfeld, denn das Areal ist ein Bestattungswald: Unter vielen Bäumen gibt es Urnengräber, da darf nichts beschädigt werden. "Mit schweren und lauten Maschinen können wir hier nicht arbeiten", sagt Engell. Und Reimann ergänzt: "Wir machen keinen pietätlosen Lärm. Und die meisten Menschen finden den harmonischen Anblick der Tiere schön und beruhigend."

Den Einsatz der Pferde haben Forstarbeiter vorbereitet. Sie haben jüngere Fichten gefällt, die mit der Zeit in die Kronen der Bestattungsbäume wachsen und ihnen das Licht nehmen würden. Das geschieht außerhalb der Brut- und Setzzeit vor allem in den Wintermonaten, auch, weil dann Stämme und Äste weniger Saft führen. Eddy und Anton sollen nun Rauhbäume an die jeweils nächstgelegenen Wege rücken, damit sie dort leichte Trecker abtransportieren können.

Pferdeführer und Fuhrmann Ingo Reimann (56) mit Eddy.

Muskulöser Körperbau

Rauhbäume heißt: Die Zweige sind noch dran, was natürlich einen größeren Zugwiderstand bedeutet. "Vor allem, wenn wir uns zwischen eng stehenden Bäumen bewegen", beschreibt Reimann. Das sollte für Eddy mit seinen mehr als 800 Kilo zwar gelegentlich fordernd sein, aber kein größeres Problem. Noriker sind Kaltblutpferde aus den Alpen mit muskulösem Körperbau, breiter Brust und stabilen Beinen.

"Ich habe ihn vor acht Jahren aus dem österreichischen Schladming geholt", blickt Reimann zurück. "Eddy ist ein typisches Kaltblut, sehr ruhig, ein Energiesparer. Aber er ist nicht besonders fleißig und braucht viel Ansporn." Außerdem ist "Mr. Edd", wie Reimann ihn auch nennt, eine "Naschkatze", der im Wald gerne mal junge Baumtriebe zupft. Deshalb hat er vor dem Einsatz einen Verbiss-Schutz vor das samtweiche Maul bekommen.

Heute allerdings hat sich Eddy offensichtlich viel vorgenommen. Immer wieder scharrt er mit dem rechten vorderen Huf im Laub, will loslegen. Die Fichten hängt Reimann mit einer Schlingkette mittig an das Ortscheit hinter dem Pferd, einen beweglichen Balken aus Metall, der über Zugleinen links und rechts an den Flanken des Kaltblüters mit dem Kummet verbunden ist, einem steifen und gepolsterten Ring am Hals des Pferdes, der das Zuggewicht auf die Schultern verteilt.

Wertvoller Boden

So ausgerüstet steht Eddy bereit. Reimann schnalzt kurz mit der Zunge, schickt ein "Komm" hinterher. Der Wallach lässt sich nicht lange bitten, legt seinen Kopf auf die Brust, spannt die Muskeln und trabt an. Die Kette klirrt, Holz knackt, tote Äste krachen. Nichts, was Eddy irritiert. Er zieht eine Fichte nach der anderen zu den Wegen, den Rückegassen, wo sie später vom Trecker abgeholt werden. Reimann kommt kaum hinterher. Beide schwitzen und dampfen in der kühlen Luft, die jetzt im Winter von der Sonne nur wenig erwärmt wird.

Die Holzernte übernehmen heutzutage meist sogenannte Harvester, die mehr als 40 Tonnen wiegen können. Wo die Maschinen eingesetzt werden, wird der Waldboden verdichtet. Das schadet der Luft- und Wasserdurchlässigkeit und allem, was da in der Erde kreucht und fleucht. "Der Boden ist ein unfassbar komplexer Lebensraum, unsere Existenzgrundlage", betont Förster Engell: "In einer Hand vernünftigem Boden gibt es mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde."

Da ist Eddy genau richtig. Nicht nur, dass Rückepferde den Boden kaum verdichten. Sie fördern auch die Waldverjüngung, denn beim Ziehen der Stämme räumt Eddy Laub und Nadeln beiseite, legt den darunter liegenden Mineralboden frei. Samen können da nun besser keimen.

Fuhrmann Ingo Reimann hängt Fichten mit einer Schlingkette an einem beweglichen Balken aus Metall, der mit einem gepolsterten Ring am Pferd verbunden ist. Pferd Eddy zieht dann eine Fichte nach der anderen zu den Wegen, von wo abtransportiert werden können.

Keine Liebhaberei

Viele Fuhrleute, auch Reimann, sind in der Interessengemeinschaft Zugpferde (IGZ) organisiert, zu der zehn Landesverbände gehören. "In Deutschland gibt es etwa 150 bis 200 Pferdebetriebe, die Holz rücken, die allermeisten im Nebenerwerb", schätzt Bundesvorsitzender Stephan Dietrich und fügt hinzu, Pferde könnten Maschinen nicht ersetzen: "Liebhaberei ist es trotzdem nicht, das Interesse nimmt zu, auch mit Blick auf nachhaltige Forst- und Landwirtschaft."

Bis zum Mittag haben Eddy, Anton und die Fuhrleute ihr Pensum geschafft. Alle Fichtenstämme sind an die Wege vorgerückt, Schwerstarbeit. Auch Reimann ist komplett durchgeschwitzt, seine Mütze nass. Nach getaner Arbeit werden zuerst die Pferde versorgt, bekommen Decken umgelegt und genießen ihr Futter, Heu und Hafer. Feierabend für heute. Reimann lobt seinen Wallach: "Eddy war heute wirklich fleißig."

 

Überall da, wo in der Holzernte im Wald der Boden geschont werden soll, werden vermehrt Pferde eingesetzt - ein Beitrag für den Klimaschutz.

Früher haben in der Regel Pferde Baumstämme aus dem Wald geholt, heute geschieht ein Großteil der Holzernte im Forst mit schweren Maschinen. Doch überall dort, wo der Waldboden vor Verdichtung geschützt werden soll, wenn Holz gezogen, "gerückt" wird, kommen vermehrt wieder Pferde zum Einsatz, oft Kaltblüter. "Die Arbeit mit den Tieren schont Böden und Ressourcen und sorgt für Biodiversität", sagt Stephan Dietrich, Vorsitzender der bundesweiten Interessengemeinschaft Zugpferde (IGZ) und betont: "Pferdekraft ist angewandter Klimaschutz."

Topografie, örtliche Begebenheiten und Einsatzzweck entscheiden, welche Tiere für die jeweilige Aufgabe am besten geeignet sind. "Die Scholle prägt das Pferd", beschreibt es Ingo Reimann, Länderbeauftragter der IGZ für Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.

Kaltblutrassen gefährdet

So sind Haflinger, Schwarzwälder und Fjordpferde wendiger, kleiner und leichter als beispielsweise Brabanter, eine mit etwa 1.000 Kilo besonders schwere Kaltblutrasse. Grundsätzlich sind viele Kaltblüter vom Aussterben bedroht und stehen auf der Roten Liste gefährdeter Nutztierrassen, weil sie vielerorts durch Maschinen ersetzt wurden. Die Arbeit im Forst oder auch vor Kutschen eröffnen Aufgaben und tragen so dazu bei, die Rassen zu erhalten.

Die Berliner Forsten haben sogar eigene Rückepferde. "Der Einsatz stößt bei großen Mengen und Massen an Grenzen, bei starkem Gefälle und nassen Böden", erklärt Reimann, der auf seinem Übungsgelände in Horneburg bei Hamburg Anfängerkurse und Schnuppertage mit Zugpferden anbietet.

Da es selten dauerhafte Rücke-Aufträge gibt, die Pferde aber im Training bleiben müssen, laufen die Tiere auch vor Kutschen. Sie werden zudem im Garten- und Gemüsebau, bei der Grünland-Bewirtschaftung, bei weiteren forstwirtschaftlichen Arbeiten oder in Baumschulen eingesetzt.