evangelisch.de: Gemeinden schrumpfen, Kirchen geht das Geld aus und Sparpläne müssen umgesetzt werden. Ihre Gemeinde ist ein Fallbeispiel für auftauchende Probleme. Wie ist ihre aktuelle Situation in Fahrenbach?
Michael Roth-Landzettel: Wir haben Probleme einen Ort zu haben, an dem sich die Gemeinde auch noch in ein paar Jahren treffen kann. Schon vor 12 Jahren, also bevor ich hier angefangen habe, war klar, dass unser altes Gemeindehaus zu alt und hinfällig ist. Ein Gutachten hatte ergeben, man kann es nicht renovieren, es müsste abgerissen werden.
Der Leidensweg begann mit dem Versuch, den Neubau ökumenisch und damit günstiger zu realisieren. Das war eine große Zukunftsvision: Wir bauen einfach nicht mehr alleine, sondern wir bauen zusammen. Das hätte ein wichtiges Signal sein können für andere Gemeinden. Das erste große Problem war, dass sich die Kirchenleitungen in Karlsruhe und Freiburg ewig lange nicht auf ein gutes Grundkonstrukt in der Rechtsform der ökumenischen Idee einigen konnten. Nach zwei Jahren war Schluss. Daraufhin hat es wieder ein Jahr gedauert bis dann die Idee aufkam, nur einer baut (wir) und der andere mietet. Dann kam Corona und der Ukraine-Krieg. Danach hatten wir eine weitere Kostensteigerung an der letztendlich die Umsetzung auch wieder mangels Einigung gescheitert ist.
Katja Eifler volontierte nach ihrer Studienzeit im Lokalradio im Rhein-Kreis Neuss. Anschließend arbeitete sie als Radioredakteurin. Später als Redaktionsleiterin eines Wirtschaftsmagazins am Niederrhein. Seit April 2023 ist sie als Redakteurin vom Dienst für evangelisch.de tätig. Weiterhin arbeitet sie nebenbei als freischaffende Journalistin, Online-Texterin, Coach und Moderatorin.
Das heißt, sie hatten nach all den Jahren immer noch das alte renovierungsbedürftige Gemeindehaus und waren keinen Schritt weiter?
Roth-Landzettel: Ja, aktuell haben wir einen Gemeindesaal in einem ehemaligen Kindergarten, der von der Kirche verkauft wurde, indem wir aber noch ein paar Jahre geduldet sind. Und neben der Kirche steht immer noch das alte ehemalige Gemeindehaus. Es war nur noch wegen der dort beheimaten Heizungsanlage in Betrieb. Dann wurde es für eine Feuerwehr-Katastrophenübung freigegeben. Diese Übung ging schief, es kam zu einem echten Brand. Danach war es komplett zerstört.
Was machen Sie denn jetzt ohne Gebäude?
Roth-Landzettel: Als die ersten Probleme auftauchten, hatte ich schon mal vorsichtig angesprochen, ob man sich vorstellen könnte, die Kirche als Plan B umzubauen und die Gemeinderäume dort zu integrieren. Das war zu dem Zeitpunkt vor sechs, sieben Jahren für die Gemeinde in keiner Weise vorstellbar. Sie haben sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt und sagten, es muss ein separates Gemeindehaus sein. Dann scheiterte der gemeinsame Bau und auch die Mietlösung funktionierte nicht mehr. Aus Plan B, könnte jetzt A werden.
Haben Sie denn noch dieses Budget, was Sie für den Neubau eines Gemeindehauses gehabt hätten, oder wurde Ihnen das jetzt zusammengekürzt?
Roth-Landzettel: Also es wurde definitiv zusammengekürzt. Einmal durch den Wertverlust des Geldes an sich und durch die Kürzung der Zuschüsse von Seiten der badischen Landeskirche. Waren es vorher zwei Drittel, die sie mitbezahlt hätten, sind es jetzt nur noch 55 Prozent. Ein neues Gemeindehaus separat zu bauen wäre zwar günstiger als die Kirche umzubauen, aber die Unterhaltungskosten wären dann später zu hoch.
Die Kirche wird von der Stiftung Schönhaus in Bezug auf Instandhaltungskosten getragen, das heißt da werden Reparaturen bezahlt. Und angesichts weiter sinkender Kirchensteuern: Ein Gemeindehaus kann auch wesentlich schneller wiederverkauft werden.
Das neue Konzept der multifunktionellen Kirche läuft unter dem Namen "Neues Leben in alten Mauern. Kirche im Dorf und Dorf in der Kirche." Was steckt dahinter?
Roth-Landzettel: Unsere Kirche ist mitten im Dorf und soll Treffpunkt für das ganze Dorf werden. Wir haben die Vision von Räumen (in der und um die Kirche), in denen alle Fahrenbacher zusammenkommen können: In der Kirche sollen neben den Gottesdiensten künftig Kleinkinder der Krabbelgruppe herumrobben, die Kirchenmusiker proben, die Jugendlichen feiern und ihre Übernachtungen machen und Konzerte und Vorträge stattfinden. Damit wird die Kirche kein Ort mehr ausschließlich für den Gottesdienst sein, sondern auch des Alltags – oder andersherum: Der Alltag wird in der Kirche "im Angesicht Gottes" stattfinden. Daher ist es auch ein wichtiger Teil des Konzeptes, dass die Gruppenräume unter der Empore mit Glaswänden eingebaut werden, damit man immer den Blick in den Sakralraum hat.
Wie reagiert man als Gemeinde darauf, dass plötzlich in Frage steht, dass man sich noch irgendwo treffen kann. Beunruhigt das die Menschen oder sagen die halt, es ist der Lauf der Dinge?
Roth-Landzettel: Unterschiedlich, also der Weg dahin zu sagen, wir verabschieden uns von einem eigenen Gemeindehaus war ein schmerzhafter Prozess. Und da sind die vielen Enttäuschungen über die gescheiterten ökumenischen Bemühungen. Wir haben da als Gemeinde an Glaubwürdigkeit verloren. Wenn jetzt am Ende rauskommt, dass wir auch diese Lösung, also den Kirchenumbau nicht finanzieren können, dann wird es einige geben, die sagen: Das haben wir doch gleich gewusst.
Ja, aber was machen Sie, wenn Sie jetzt diesen Umbau in der Kirche nicht finanzieren können?
Roth-Landzettel: Dann sind wir erst einmal ratlos. Wir haben viele Gruppen und Kreise und können nicht auf ausreichende kommunale Räume zugreifen. Andere Gemeindehäuser des Kooperationsraumes sind schlecht erreichbar, mit dem Bus bräuchte man eine Stunde dahin. Im Notfall müsste also alles irgendwie in der Kirche selbst stattfinden. Das hieße aber ständig umbauen und alles wäre eigentlich zu eng.
Jetzt heißt es also Geld für den Umbau aufzutreiben?
Roth-Landzettel: Als erstes haben wir einen Förderverein gegründet, über den wir anders Fördermittel abrufen können und auch Spendengelder sammeln können. Dieses Jahr läuft beispielsweise unser Festprogramm zum 200-jährigen Jubiläum der Kirche. Außerdem ist ein Weihnachtsmarktstand mit selbstgemachten Marmeladen und Deko aus Gesangbüchern geplant. In dem Projekt wollen wir Jung und Alt zusammenbringen.
Wir werden auch mit der Landeskirche verhandeln, welche Möglichkeiten wir haben, einen Kredit aufzunehmen. Außerdem wollen wir uns mit ortsansässigen Unternehme vernetzen. Die Aktionen und Kooperationen bringen nicht nur Geld in die Kasse, sondern unterstützen auch das Gemeinschaftsgefühl. Wer mitgemacht, gespendet und sich eingebracht hat, entwickelt eher das Gefühl: Das ist meine Kirche, hier bin ich zu Hause, als wenn irgendwann einfach der fertige Bau dasteht. So gesehen ist jeder Euro aus der Gemeinde das Dreifache wert.



