TV-Tipp: "Tatort: Könige der Nacht"

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3. Mai, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Könige der Nacht"
Ein Mord ohne Motiv, eine Zeugin ohne Papiere: "Tatort – Könige der Nacht" wird zum spannungsreichen Krimi über die Ausgeliefertheit eines jungen Sexarbeiters und die moralische Zwickmühle zweier Zürcher Kommissarinnen, die um eine Frau kämpfen, die offiziell gar nicht existieren dürfte.

"Und warum? Weil sie es können!": Das sagen Fußballreporter gern, wenn einem Team eine besonders eindrucksvolle Kombination gelungen ist. Die Feststellung ist auch die Quintessenz dieses von einem kleinen Schönheitsfehler abgesehen rundum sehenswerten Sonntagskrimis aus Zürich: "Einfach so" lautet am Ende die Begründung für ein denkbar abscheuliches und vollkommen sinnloses Verbrechen. Die Täter sind Männer, die sich für Herren über Leben und Tod halten.

Das Besondere an Mathias Schneltings Drehbuch für "Könige der Nacht", den elften Fall für das 2020 gestartete Zürcher "Tatort"-Duo Grandjean und Ott (Anna Pieri Zuercher, Carol Schuler), ist der Perspektivwechsel. Die Handlung wird zwar über weite Strecken aus Sicht der Polizistinnen erzählt, wechselt aber immer wieder zu einer Frau, die ohnehin schon ein Dasein im Schatten führt und nun auch noch um ihr Leben fürchten muss: Moya Alemu (Nambitha Ben-Mazwi), Kriegsflüchtling aus Äthiopien, ist mit einem Boot nach Italien gekommen und gleich weiter in die Schweiz gereist; hier lebt ihre Cousine Sanaa (Nancy Mensah-Offei). Als Ausgleich dafür, dass sie bei ihr wohnen darf, übernimmt Moya die Nachtschichten als Fahrradkurierin eines Restaurants. In einem luxuriösen Wohnhochhaus läuft sie beinahe dem Wachdienst in die Arme.

Da sie keine gültigen Papiere hat, öffnet sie die nächstbeste Tür, um sich zu verstecken. Als sie endlich einen Ausgang findet, sieht sie zwei Männer in Schutzanzügen, die offenbar einen in Plastikfolie eingewickelten Körper aus dem Haus schleppen. Sie erreicht ihr Rad, versucht zu fliehen, kollidiert mit einem Auto, kann trotzdem entkommen, hat jedoch den Ausweis der Cousine verloren; und deshalb sind nun beide in größter Gefahr.

Die entsorgte Leiche findet sich Tags drauf am Ufer der Limmat, und weil der Fundort an Moyas morgendlicher Joggingstrecke liegt, wird Ott auf sie aufmerksam; auf diese Weise kann Schnelting, der neben dem kürzlich ausgestrahlten sehenswerten "Saarland-Krimi" (ZDF) viele gute Drehbücher für die Anna-Loos-Reihe "Helen Dorn" (ebenfalls ZDF) geschrieben hat, später einen Kreis schließen, als Ott die Frau wiedererkennt. Zunächst geht’s allerdings um den Toten, einen Sexarbeiter namens Ruben, in dessen Wohnung die Polizistinnen zwei Einbrecher überraschen, was zu einer heftigen Action-Szene führt: Die Männer sind über ein Gerüst geklettert, und als Grandjean einen der beiden verfolgt, stürzt sie ab.

Der andere führt das Duo auf die Spur des verheirateten Richters Urs Jacobi (Stefan Merki), der sich verständlicherweise erst windet, dann aber einräumen muss, dass er ein Verhältnis mit Ruben hatte. Jacobi ist in dieser Angelegenheit jedoch eher Opfer als Täter. Als Ott im Umweg über Sanaas Telefon Kontakt zu Moya knüpfen kann, manövriert sie sich selbst in ein moralisches Dilemma: Die Äthiopierin hat berechtigte Angst davor, abgeschoben zu werden, wenn sie sich als Zeugin zur Verfügung stellt. Ott versichert ihr, dazu werde es nicht kommen; ein Versprechen, dass sie gar nicht halten kann. Bei der Gegenüberstellung mit den vermeintlichen Mördern erweist sich Moyaas Aussage zudem als gänzlich unbrauchbar. Die Männer, die sie gesehen hat, waren maskiert und daher kaum zu erkennen; als Täter identifiziert sie ausgerechnet Justus (Basil Eidenbenz), einen Informatik-Doktoranden, der als Ersatz für den demnächst ins Sabbatical entschwindenden Kollegen Noah (Aaron Arens) die digitale Hintergrundrecherche übernehmen wird.

Der "Tatort" aus Zürich hat schon oft enttäuscht, aber "Könige der Nacht" ist einer der besten Beiträge des Schweizer Fernsehens der letzten Jahre, zumal Claudio Fäh das ohnehin dichte Drehbuch zu seinem ersten Sonntagskrimi durchgehend fesselnd umgesetzt hat. Darstellerisch ist der Film nicht zuletzt dank der Südafrikanerin Nambitha Ben-Mazwi in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle (meist spricht sie allerdings Englisch) sowie wegen Basil Eidenbenz, der das spannende Finale prägt, ebenfalls sehenswert.

Deshalb lässt sich auch ein kleiner Wermutstropfen verschmerzen, als Ott einen dieser typischen Krimi-Monologe aufsagt. Bei Rubens Ermordung handele es sich um einen "klassischen Fall von Übertötung", was auf eine persönliche Beziehung zwischen Täter und Opfer hindeute: "Auf jeden Fall stecken bei solchen Taten immer starke Gefühle dahinter"; und hinter solchen Sätzen eine sträfliche Unterschätzung des Krimi-Publikums, das derartige Aussagen schon hundertmal gehört hat. Ungleich gelungener ist die Integrierung der Flüchtlingsebene mit ihrer klaren, aber unaufdringlich vermittelten Haltung.