Unter Gewerkschaftern und Unternehmern

Seelsorger im Gespräch auf einem Boot
Thorsten Volz
An vielen ungewöhnlichen Orten sind Seelsorgende anzutreffen. Hier unterhält sich Kathinka Kaden gerade auf einem Boot.
Seelsorge ohne Gemeinde
Unter Gewerkschaftern und Unternehmern
Seelsorge gibt es nicht nur in Gemeinden. Kirchenleute nehmen Gefangenen die Beichte ab, reisen Volksfesten hinterher – und bringen Arbeiterinnen und Unternehmer an einen Tisch. So wie die Wirtschafts- und Arbeitsseelsorgerin Kathinka Kaden.

Kathinka Kaden, 64, aus Stuttgart erzählt:

"Als Gemeindepfarrerin auf der Schwäbischen Alb lernte ich Arzthelferinnen und Krankenpflegende kennen, Handwerker und Landwirte. Obwohl sie in unterschiedlichen Berufen arbeiten, stehen sie oft vor ähnlichen Herausforderungen, zum Beispiel Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen oder Mobbing am Arbeitsplatz. Weil ich auch nach politischen Lösungen suchte, engagierte ich mich als Gemeinde- und Kreisrätin in der Kommunalpolitik, kandidierte als Oberbürgermeisterin von Schwäbisch Hall und für den Landtag.

Vor zweieinhalb Jahren packte ich im Pfarrhaus meine sieben Sachen und zog nach Stuttgart. Dort sitze ich nicht im Landtag, sondern kümmere mich als Wirtschafts- und Sozialpfarrerin im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) um Menschen, die im Norden und in der Mitte Württembergs etwa in Brauereien, Krankenhäusern oder bei Automobilzulieferern arbeiten oder unternehmerisch tätig sind. In diesem Beruf setze ich mich für einen menschlichen Arbeitsmarkt ein, so ähnlich, wie ich mir das in der Politik vorgestellt hatte.

Wo gerade der Kittel brennt, das erfahren wir im KDA häufig von Pfarrerinnen und Pfarrern vor Ort. Manchmal sind es auch Zufälle, die mich zu neuen Themen bringen. Im Stuttgarter Raum gibt es viele Arbeitsplätze in der Filmindustrie. Aus dem familiären Umkreis kenne ich einen älteren Drehbuchautor, der tolle Geschichten schreibt, die aber nicht mehr ganz zu heute gefragten Stoffen und Rollenbildern passen. Ohne neue Aufträge stehen viele Kreative im Alter schlecht da, denn sie sind kaum abgesichert. Ebenso hörte ich von einem Kameramann, Mitte 40, der sich offenbar wegen fehlender Aufträge das Leben nahm.

Gerechte Arbeit und Lohn sind Themen der Bibel

Ich will aufgrund solcher Missstände herausfinden: Warum knirscht es da so, etwa zwischen Kameraleuten, Drehbuchautorinnen und öffentlich-rechtlichen Auftraggebern? Manchmal wissen beide Seiten einfach zu wenig voneinander. Jeden Sommer laden wir deshalb Langzeitarbeitslose, Armutsbetroffene und Bürgergeldempfangende zu einer dreitägigen Tagung ein, gemeinsam mit Expert:innen und Landespolitiker:innen der demokratischen Parteien. Natürlich halten sich Politikprofis vor einem bestimmten Publikum bedeckt. Aber es ist schon ein Unterschied, ob man im Landtag über Kürzungen beim Bürgergeld diskutiert oder vor und mit Betroffenen.

Dass die Kirche in der Arbeitswelt mitmischt, wundert einige Menschen, denen ich von meinem Beruf erzähle. Dabei macht die Bibel gerechte Arbeit und gerechten Lohn durchaus zum Thema. Auch wenn sie in landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften entstanden sind, haben diese Bibelstellen auch uns in der modernen Arbeitswelt noch viel zu sagen, finde ich. Zum Beispiel Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg: Auf dem Marktplatz heuert ein Gutsbesitzer früh am Morgen die ersten Tagelöhner an. Für einen Tagessatz von einem Denar sollen sie die Ernte einholen. Den Tag über heuert er weitere Arbeiter an. Als er am Abend allen denselben Lohn auszahlt, unabhängig davon, ob sie seit dem Morgen oder dem Nachmittag arbeiten, stößt das vielen Arbeitern sauer auf. Jesus sagt daraufhin den Satz: "So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte."

Arbeiterbewegung und Kirche

Das lässt sich wunderbar auslegen in Predigten, zu denen ich auch immer wieder eingeladen werde. Zurzeit stellen sich gerade Unternehmerinnen, Manager und leitende Angestellte wieder die Frage: Wollen Arbeitnehmende heute weniger arbeiten als früher? Wie gehe ich mit Mitarbeitenden um, die weniger leisten als andere? Das Gleichnis vom Weinberg sagt: Auch wer, aus welchen Gründen auch immer, nur ein paar Stunden arbeiten kann, muss sich und wahrscheinlich auch Angehörige versorgen. Das ist ein treffender Gedanke und eine gute Grundlage, um ins Gespräch zu kommen. Mir ist es wichtig, auch die Sichtweise der Arbeitgebenden zu kennen und verantwortliches Unternehmertum zu fördern.

Weil wir uns in der Betriebsseelsorge für menschliche Arbeitsbedingungen einsetzen, stehen wir auch den Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung nahe. Dort sah und sieht man die Kirchen zum Teil sehr kritisch. Den protestantischen Pfarrern wurde früher etwa ihre meist bürgerliche Herkunft vorgehalten. Zumindest daran hat sich bis heute wenig geändert, auch ich komme nicht aus einer Arbeiterfamilie. Bei ihrer Gründung in den 1950er-Jahren hatte der KDA die Aufgabe, ehemaligen, vom nationalsozialistischen, menschenverachtenden Gedankengut geprägten Soldaten zu einer vertretbaren Ethik, gerade im Beruf und bei der Arbeit, zu verhelfen. 

Man wollte aber auch gerne die Gewerkschaftsarbeit auf ein christliches Fundament stellen, um kommunistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Nach und nach entstanden die Gewerkschaften und die Sozialpartnerschaft, die wir heute kennen.

Wie weiter in der Arbeitswelt von morgen?

Ich glaube, dass wir in der Kirche bis heute blinde Flecken haben, wenn es um prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen geht, etwa bei vielen Beschäftigten auf Kreuzfahrtschiffen oder für Geflüchtete, die in der Landwirtschaft oder in der Fleischindustrie eingesetzt werden, oder durch die nach wie vor an vielen Stellen unbezahlte Sorgearbeit von Frauen.

Der rasante Wandel in der Arbeitswelt beschäftigt mich am meisten. Viele Arbeits- und Produktionsweisen haben sich in den vergangenen fünfzig Jahren komplett verändert und sind dank Automatisierung und dem Einsatz von Robotern leichter geworden. Durch den Siegeszug der Künstlichen Intelligenz werden viele Arbeitswelten voraussichtlich noch sehr viel mehr von körperlicher oder auch stupider geistiger Arbeit entlastet. Wenn es gut geht, haben wir zukünftig die Chance, weniger zu arbeiten und viel mehr von dem zu tun, was wir für sinnvoll halten. Vielleicht wagt die Politik dann, ein Grundeinkommen für alle zu schaffen? Einen Versuch fände ich es wert."

Protokolliert von Lino Wimmer