Christopher Schuller, 40, aus Berlin erzählt:
"Sechs Wochen nachdem ich in Berlin-Moabit mein erstes Pfarramt antrat, rückten russische Truppen auf Kiew vor. Der Berliner Hauptbahnhof liegt auf meinem damaligen Gemeindegebiet, und so landeten die aus der Ukraine Flüchtenden buchstäblich bei uns auf der Matte. Wochenlang diente eine Gemeindekirche allein als Notunterkunft für die Flüchtlinge. Die Schicksale und Erzählungen dieser Menschen machten mich wütend und traurig. Dieser Krieg fühlte sich bedrohlicher und näher an als andere. Noch drei Monate zuvor hatte ich in Kiew einen Urlaub verbracht.
Internationale Konflikte waren für mich aber nicht neu. Als ich mich mit 30 Jahren für ein berufsbegleitendes Theologiestudium entschied, habe ich als Jurist am Deutschen Institut für Menschenrechte gearbeitet und bin oft nach Genf und Brüssel gereist, ins Zentrum des weltpolitischen Geschehens. Nun, nach der russischen Vollinvasion der Ukraine, stand ich vor der Frage: Was mache ich in dieser veränderten Welt?
Zur Bundeswehr zu gehen, erschien mir wie ein logischer Schritt. Als eine Stelle als Militärpfarrer in Berlin ausgeschrieben wurde, bewarb ich mich. Wäre ich aber Arzt oder Personaler gewesen, dann wäre ich als Arzt oder Personaler zur Bundeswehr gegangen.
Diese Entschiedenheit für die Bundeswehr und die Soldaten ist wichtig in meinem Beruf, denke ich. Man muss schon Teil der Bundeswehr werden wollen, denn Militärgeistliche werden von der Kirche beurlaubt und sind so lange Bundesbeamte. Allerdings muss man sich zugleich die prophetische Stimme des Pfarrers bewahren. Wir reden von "kritischer Solidarität". Aber dazu komme ich später.
Was tun Militärpfarrer:innen?
Drei Aufgaben beschäftigen mich in meinem Beruf. Erstens feiere ich Gottesdienste in der Kaserne und im Krankenhaus. Soldatinnen haben ein Recht, während der Dienstzeit ihre Religion auszuüben. Auch wenn ein Soldat heiratet oder sein Kind taufen lässt, fragt er meist die Militärseelsorge. Vielleicht, weil unsere Rituale der Bundeswehrkultur entsprechend kürzer und zackiger sind. Meine Gottesdienste überschreiten nie dreißig Minuten.
Ich verantworte außerdem einen Ethikunterricht für die Truppe. Das ist meine zweite Aufgabe. Dann rede ich mit einer Kompanie Sanitäter über ihr Menschenbild, über dessen Herkunft, und über das, was diese Vorstellungen dafür bedeuten, wie sie mit Menschen umgehen, die sie militärtypisch als Kameraden oder Feinde einstufen. Um Religion geht es in diesen Unterrichtsstunden eher am Rande.
"Ich bin so etwas wie der Gefühlsoffizier"
Die meiste Zeit verbringe ich aber mit meiner dritten Aufgabe: Für etwa 2500 Soldatinnen und Soldaten bin ich so etwas wie der Gefühlsoffizier. In meinem Berliner Büro kann ich eine Stunde konzentriertes Zuhören anbieten, dafür sind wir geschult. Vielleicht fällt es in meinem Büro auch leichter, Schwäche zu zeigen und zu weinen als in anderen Ecken der Behörde.
"Meine" Soldaten sind zum großen Teil Sanitäterinnen und Sanitäter. Reden wollen zum Beispiel die Sanis, Ärztinnen und Pflegekräfte im Bundeswehrkrankenhaus, das auch Zivilisten versorgt. Ihre Arbeit ist sehr anstrengend, zudem sterben jede Woche Patientinnen und Patienten. In meiner "Sprechstunde" geht es außerdem um Fernbeziehungen und um Konflikte mit Kameraden und Vorgesetzten. Natürlich gibt es auch Momente, in denen die Seelsorge am Ende ist, und ich den Soldaten an eine Psychologin oder einen Psychiater überweise. Das gehört zur Professionalität.
Zur Verschwiegenheit verpflichtet
Für die Soldaten haben wir Militärpfarrerinnen und -pfarrer einen großen Wert. Das hat mit unserer einzigartigen, auch rechtlich verbrieften Rolle in der Bundeswehr zu tun, und mit der entsprechenden Haltung der "kritischen Solidarität". Wir stehen nämlich, anders als die Ärztinnen und Ärzte, unter einer absoluten Schweigepflicht. Das ist entscheidend, denn Soldaten sind nicht krankenversichert, sondern werden unmittelbar über die Bundeswehr versorgt. Die weiß also gut Bescheid über den Gesundheitszustand und auch über etwaige psychiatrische Diagnosen der Soldaten. Das ist durchaus sinnvoll. Wer aber erst einmal nach Orientierung sucht, findet bei mir eine erste, sichere Anlaufstelle, ohne gleich ein berufliches Risiko eingehen zu müssen.
Außerdem bin ich für Probleme da, die nicht pathologisch sind. Zum Beispiel für Gewissenskonflikte: Denken Sie an einen Soldaten, der vor vielen Jahren in Afghanistan im Einsatz war, den noch immer die Erinnerung an einen Moment quält, in dem er etwas Schlimmes nicht verhindern konnte. Aus der psychologischen oder psychiatrischen Perspektive ist das vielleicht ein gesunder Mensch. Aber er sucht Sinn, er ringt um eine Deutung, nicht nur von diesem Ereignis, sondern von seiner eigenen Rolle darin. Dabei kann ich als Theologe helfen.
"Manchmal bin ich der Einzige, der kritisieren darf"
Auch Konflikte mit Vorgesetzten fallen in meinen Aufgabenbereich. Hier kommt wieder die "kritische Solidarität" ins Spiel: Ich habe das Recht, mit Beteiligten auf allen Ebenen der militärischen Hierarchie zu sprechen. Wenn sich ein seelisch belasteter Soldat bei mir über das Verhalten seines Vorgesetzen beklagt, dann muss ich mitunter Rückgrat beweisen und dem Vorgesetzten den Spiegel vorhalten. Das habe ich auch schon gemacht. Klar, Wunder kann ich keine bewirken, die Vorgesetzten müssen nicht tun, wozu ich ihnen rate. In einigen Situationen bin ich aber der Einzige, der eine Kritik äußern darf. Das ist nicht zu unterschätzen!
Heute, nach zwei Jahren habe ich gut in meine Arbeit als Militärpfarrer gefunden. Dass ich selbst ehrenamtlich als Sanitäter arbeite und eine Vorstellung von ihrem Schaffen habe, hilft mir, Vertrauen zu gewinnen und ihnen beizustehen. "Lache mit den Lachenden, weine mit den Weinenden", heißt es im Römerbrief. Daran halte ich mich: Lasse mir in der Notaufnahme alles zeigen, lerne, wie man Zugänge legt, fahre mit beim Rettungsdienst und nehme mit meinem Regiment an den Übungen teil. Und wenn in meinem Büro ein Sanitäter sitzt, weil er gehört hat, dass ich mich auskenne, dann ist das für mich ein großes Kompliment."
Protokolliert von Lino Wimmer



