Mitgliederschwund: "Jeder einzelne Verlust schmerzt"

Leere Kirchenbänke
Bernd Weißrod/dpa
Gehören leere Kirchenbänke bald zur Zukunft der Kirchen in Deutschland? Die evangelische und katholische Kirchen verzeichnen immer weniger Mitglieder.
Reaktionen der Kirchenvertreter
Mitgliederschwund: "Jeder einzelne Verlust schmerzt"
Der Trend der Kirchenaustritte hält weiter an: Die evangelischen und katholischen Kirchen zählten Ende 2025 noch 36,6 Millionen. evangelisch.de hat für Sie die Reaktionen der leitenden Kirchenvertreter zusammengestellt.

"Die Entwicklung der Mitgliederzahlen setzt einen langjährigen Trend seit mehr als 50 Jahren fort. Wir werden weniger aufgrund von Austritten einerseits und mehr Sterbefällen als Taufen andererseits. "Jeder einzelne Verlust schmerzt, weil wir damit Kontakt zu Menschen verlieren", so Thorsten Latzel. "Zugleich haben wir dadurch weniger Ressourcen, um für andere da sein zu können."

Für den Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland steht fest: Drei Faktoren wirken bei dem Mitgliederschwund zusammen: 1. demografisch das Altern der Gesellschaft; 2. die Abkehr von großen Institutionen wie Gewerkschaften, Parteien und eben auch Kirchen; 3. ein Nachlassen religiöser Bindungen, wie es in der westlichen Welt insgesamt zu beobachten ist. "Hinzu kommt ein Vertrauensverlust von Kirche in den vergangenen Jahren. Besonders schmerzlich ist, dass die Zahl der Taufen weiter rückläufig ist."

Während Demografie, De-Institutionalisierung und Säkularisierung nicht beeinflussbar seien, könne sich die Kirche auf das konzentrieren, was in ihren Händen liege. "Dazu gehören vor allem der persönliche Kontakt zu Menschen und die Begleitung ihres Lebens, etwa speziell bei der Taufe", so Latzel. "Unsere Aufgabe ist es, für Menschen da zu sein und das Evangelium zu vermitteln – und das werden wir tun, gerade in schwierigen Zeiten."

Menschen an Lebensschwellen begleiten

Aus der EKD-Spitze und von der hannoverschen Landeskirche wurde die Statistik zunächst nicht kommentiert. Die Pressemitteilung der EKD, die der Redaktion vorliegt, verweist auf die zahlreichen Angebote der Kirche für Menschen in unterschiedlichen und oft schwierigen Situationen, etwa in der Seelsorge, in der Pflege und in Beratungsstellen. Mit der Kirchenmitgliedschaft trügen Christinnen und Christen dazu bei, dass diese Angebote bestehen können, heißt es.

"Wir müssen immer wieder deutlich machen, wofür Kirche steht und was sie tut", sagt die kurhessische Bischöfin Beate Hofmann. Menschen an Lebensschwellen zu begleiten und ihnen Segen zuzusprechen, sei eine Stärke der Kirche. Mit ihrem Engagement in Seelsorge, Diakonie und Lebensbegleitung biete die Kirche Orte der Kraft und des Trostes für Menschen in Not und in Krisen und sei somit ein wichtiges Netz der Solidarität und Gemeinschaft.

Größter Rückgang in Berlin

Bezogen auf Bundesländer-Ebene gab es den größten Rückgang in Berlin - von 448.951 auf 430.712 Gemeindemitglieder. Darunter waren 10.489 Austritte. Landesbischof Christian Stäblein von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) spricht von einem schon längeren Trend: "Es gibt an diesen Zahlen nichts schönzureden." Jede einzelne Entscheidung, die Kirche zu verlassen, sei schmerzhaft. "Hinter jedem Austritt steht eine Geschichte, die uns angeht", fügt Stäblein hinzu. Kirche müsse sich verändern und tue dies seit Jahren auch.

"Die rückläufigen Mitgliederzahlen zeigen deutlich, dass sich unsere Kirche in einer Phase tiefgreifender Veränderungen befindet", sagt Landesbischof Christian Kopp von der evangelischen Kirche in Bayern (ELKB). "Das fordert uns heraus, Kirche zu profilieren und zu fragen, wie wir für die Menschen da sein können - mit Formen von Gemeinschaft, Glauben und Begleitung, die Menschen heute brauchen."

Kirche für die Gesellschaft

Sachsens evangelischer Landesbischof Tobias Bilz betont am Montag in Dresden, "wir sind eine Kirche für andere - und das werden wir bleiben, auch wenn wir kleiner werden". Die Arbeit von Kirche und Diakonie sei in Sachsen nicht wegzudenken - ob in den evangelischen Kindertagesstätten und Schulen, den Pflegeheimen und Beratungsstellen der Diakonie, in der Kirchenmusik, in Kirchen oder auf Friedhöfen in evangelischer Trägerschaft. "Diese Einrichtungen stehen grundsätzlich allen Menschen in Sachsen unabhängig ihres Glaubens zur Verfügung", betont der Landesbischof.

Der Kirchenpräsident der Bremischen Evangelischen Kirche, Bernd Kuschnerus, spricht von einer schmerzhaften Mitgliederbilanz: "Für uns ist jedes einzelne Kirchenmitglied wichtig." Die Entwicklung sei "Teil einer gesellschaftlichen Situation, die uns herausfordert, aber auch motiviert". Die Arbeit der Kirche für die Menschen in der Stadt bleibe unverzichtbar, betont Kuschnerus. "Wir stehen für eine Gesellschaft, in der Nächstenliebe und ein freundliches, respektvolles Miteinander jeden Tag mit Leben gefüllt wird."

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, erklärt zu den Zahlen, sie seien "ein Spiegelbild unserer Kirche". Jeder Kirchenaustritt schmerze, sagt der Hildesheimer Bischof. Er hob das Engagement Ehrenamtlicher hervor, die die Angebote der Kirche überhaupt erst ermöglichten. Trotz aller Umbrüche ermutige er dazu, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sagt er.

Religionssoziologe Pollack hat in den vergangenen Jahren eine verstärkte antireligiöse Tendenz in der Gesellschaft ausgemacht. Das Bewusstsein für die Bedeutung kirchlicher Feiertage sinke. Zugleich bilde sich bei manchen Menschen in der Kirche ein Bewusstsein dafür heraus, wie sehr es darauf ankomme, kirchliche Traditionen zu pflegen.