Ihre im letzten Jahr veröffentlichte Friedensdenkschrift ist ein Kompromiss zwischen christlicher Friedensethik und pazifistischen Traditionen auf der einen sowie der Anerkennung staatlicher Schutzpflicht auf der anderen Seite. Das Papier steht für eine fundamentale Neuorientierung, im Grunde handelt es sich um einen Paradigmenwechsel. Um es plakativ auf den Punkt zu bringen: statt "Frieden schaffen ohne Waffen" Frieden schaffen auch mit Waffen.
In ihrer Reportage "Eine Frage des Gewissens" stellt Susanne Böhm vier Personen vor, die dezidierte, aber sehr unterschiedliche Haltungen zu dem Thema haben. Bernd Tiggemann zum Beispiel, Jahrgang 1970, war Leiter der Stabsstelle Kommunikation im Kirchenamt der EKD; dann hat er gekündigt, um Militärseelsorger im Fliegerhorst Wunstorf zu werden. In den späten Achtzigern hat er den Kriegsdienst verweigert, doch die Zeiten und somit auch seine Einstellung haben sich geändert.
Tiggemann würde nie selbst zur Waffe greifen und will sich bei seiner neuen Aufgabe nach wie vor für gewaltfreie Lösungen einsetzen, weil Gewalt, wie er sagt, nur die "Ultima Ratio" sein dürfe; aber davon abgesehen sieht er viele Dinge heute anders. Sein Leben, sagt er, sei stets von einer Frage geprägt gewesen: "Was würde Jesus tun?"
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
In Wunstorf wird der protestantische Bundeswehrpfarrer auch auf Menschen wie Hagen Vockerodt treffen. Der ehemalige Soldat, heute Mitte fünfzig, hat insgesamt fast viereinhalb Jahre bei diversen Auslandseinsätzen verbracht und viele lebensgefährliche Situationen überlebt; und er hat getötet. Der muskulöse Mann wirkt wie ein Hüne, sichtbare Verletzungen sind nicht zu erkennen, doch als er vor zweieinhalb Jahren ausschied, war er seelisch versehrt und seine Ehe in Gefahr. Er litt unter einem Posttraumatischen Belastungssyndrom; erst eine Therapie brachte ihn wieder in die Spur. Aber selbst wenn sich seine Uniform jetzt fremd anfühlt: Er würde alles wieder genauso machen.
Gegenentwürfe zu diesen beiden lebenserfahrenen Männern sind zwei deutlich jüngere, der eine halb so alt, der andere noch ein Teenager: Ole Nymoen (Jahrgang 1998) ist Journalist und Podcaster. In seinem Buch "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde" (2025), das ihm unter anderem einen Auftritt bei Markus Lanz beschert hat, setzt er sich mit "Kriegstüchtigkeit" und der Wiedereinführung der Wehrpflicht auseinander. In dieser Hinsicht hat Mats Landwehr Glück: Er ist ein Jahr zu alt und bekommt vorerst keine Post von der Bundeswehr. Und falls doch, würde er den Dienst an der Waffe auf jeden Fall verweigern. Ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert er als Schulbegleiter eines geistig eingeschränkten Jungen ohnehin bereits.
Abgesehen von der Tatsache, dass das Thema natürlich auch Frauen betrifft, die in diesem Film jedoch keine Stimmte bekommen, ist Böhms im Stil von "37 Grad" gestaltete 45 Minuten lange Reportage gerade auch dank ihrer Differenziertheit mehr als sehenswert, zumal sich die Autorin in ihrem Kommentar weitgehend auf Fakten beschränkt; wie man zur Frage von Krieg und Frieden steht, überlässt sie dem Publikum.
Die Auswahl der Gesprächspartner erweist sich als überaus klug, zumal alle vier ihre jeweiligen Haltungen fundiert und nachvollziehbar darlegen. Der überraschendste Mitwirkende ist dabei womöglich Vockerodt: Der ehemalige Soldat gewährt tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Der Hauptmann außer Dienst ist Christ und beschreibt sehr nachvollziehbar seinen Konflikt mit dem fünften Gebot ("Du sollst nicht töten").
Interessant sind auch die Orte, die Böhm gemeinsam mit ihren Protagonisten besucht hat, zumal sie einen direkten Bezug zum Thema haben: Mit Nymoen war sie am Leipziger Völkerschlachtdenkmal, mit Landwehr auf einem Soldatenfriedhof. Ole ist nach eigener Aussage kein Pazifist, er würde sich wehren, wen ihn jemand persönlich angreift, aber Antimilitarist: "In einer Welt konkurrierender Staaten ist Krieg immer die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln." Mats fragt sich angesichts der Grabsteine für die vielen Männer in seinem Alter, wofür sie eigentlich gestorben seien. Tiggemann sagt, laut Standpunkt der EKD könne auch der Dienst an der Waffe "ein Akt der Nächstenliebe sein". Die Frage, was Jesus dazu sagen würde, lässt die Reportage offen.



