Vom falschen Versprechen "alles haben zu können"

Portrait der Autorin Lina Muzur
epd-bild/Christian Werner
Autorin Lina Muzur sammelte unzählige Sprachnachrichten von Frauen zwischen 40 und 50 Jahren.
Buch über Frauenprobleme
Vom falschen Versprechen "alles haben zu können"
Frauen zwischen 40 und 50 stehen laut der Verlegerin Lina Muzur unter Druck: Ihnen sei versprochen worden, sie könnten Karriere, Familie und eine gute Partnerschaft haben. Viele sind jedoch erschöpft und zerrissen, wie ihr Buch "Frauenprobleme" zeigt.

 Die Verlagsleiterin von Hanser Berlin, Lina Muzur, hat Stimmen von erschöpften und zerissenen Frauen in einem Buch gesammelt - per Sprachnachricht.

epd: Sie nennen das Buch "Frauenprobleme". Warum dieser provokante Titel?

Lina Muzur: Ich wollte etwas ausstellen, das in unserer Gesellschaft noch sehr präsent ist. Dieser Begriff löst oft einen negativen Reflex aus - auch bei mir. Genau das interessiert mich: Warum gelten Themen von Frauen immer noch schnell als privat, als nicht so wichtig oder nicht so interessant? Mit dem Titel wollte ich diesen Reflex sichtbar machen.

Frau Muzur, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch aus Sprachnachrichten zu machen?

Muzur: Ich hatte schon länger das Gefühl, dass in unserem Alter - zwischen 40 und 50, also in der Mitte des Lebens - besonders viele Herausforderungen zusammenkommen. Freundinnen erzählten mir sehr persönliche Dinge, und ich dachte, es wäre toll, das festzuhalten. Lange wusste ich nicht, in welcher Form. Dann brachte eine Kollegin die Idee mit den Sprachnachrichten ins Spiel.
Zuerst fand ich das schräg, weil es ja ein ganz anderes Medium ist. Aber beim Ausprobieren habe ich gemerkt, wie gut es funktioniert. Beim Sprechen formuliert man Gedanken anders, manchmal entstehen sie erst im Erzählen. Mir war wichtig, dass dieser Sound, diese Spontaneität erhalten bleibt.

Wie stark haben Sie die Texte bearbeitet?

Muzur: Das war bei jeder Nachricht anders. Manche waren sehr lang und mussten gekürzt werden, andere habe ich zusammengefügt. Ich wollte, dass sie als Texte funktionieren, ohne dass die Stimme verloren geht. Das war eine große Herausforderung, weil es dafür keine Vorbilder gab.

"Mich hat bewegt, wie oft von Erschöpfung die Rede war."

Welche Themen haben Sie besonders überrascht?

Muzur: Mich hat bewegt, wie oft von Erschöpfung die Rede war. Diese Generation hat gehört: Ihr könnt alles haben - Karriere, Familie, Partnerschaft, Freundschaften. Aber viele merken, dass das gar nicht geht, alles unter einen Hut zu bekommen. Sie sind erschöpft oder zerrissen. Es ist nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern schon auch ein Aufschrei.

Worin bestehen diese besonderen Belastungen?

Muzur: Viele werden später Mutter, während die eigenen Eltern älter und pflegebedürftig werden. Diese Generation ist analog aufgewachsen und muss sich nun ständig mit Digitalisierung und sozialen Medien auseinandersetzen. Dazu kommen Pandemie, politische Krisen, Zukunftsängste. Das hinterlässt Spuren. Und auf der privaten Ebene wird man damit oft allein gelassen.

Hoher eigener Anspruch von Müttern

Care-Arbeit und "Mental Load" spielen im Buch eine große Rolle.

Muzur: Ja, und ich finde es interessant, wie unterschiedlich Frauen damit umgehen. Gleichzeitig gibt es diesen hohen eigenen Anspruch. Warum muss der Kuchen selbst gebacken sein? Warum glaubt man, nur dann eine gute Mutter zu sein? Ich erlebe das bei mir und anderen - und verstehe selbst nicht ganz, woher das kommt. Väter haben diesen Anspruch meist nicht in gleicher Weise.

Das Buch versammelt vor allem Stimmen aus Ihrem Umfeld. Ist das eine bewusste Begrenzung?

Muzur: Ja. Das verbindende Element bin ich. Es sind Frauen, die ich kenne. Nur so entsteht die Intimität, dass sie wirklich persönlich werden. Ich hatte keinen umfassend dokumentarischen Anspruch. Das wäre ein ganz anderes Projekt gewesen. 

"Dieses Gefühl, nicht allein zu sein, ist zentral. Vielleicht ist das Buch auch ein Aufruf, mehr miteinander zu sprechen und empathischer zu sein."

Was bedeutet Ihnen die Resonanz der beteiligten Frauen?

Muzur: Es war ein sehr schöner Moment, als sie das Buch gelesen und sich auch in den Texten der anderen wiedergefunden haben. Dieses Gefühl, nicht allein zu sein, ist zentral. Vielleicht ist das Buch auch ein Aufruf, mehr miteinander zu sprechen und empathischer zu sein.

Ich habe selbst gemerkt, dass mir Freundinnen Dinge erzählt haben, über die wir vorher nie gesprochen hatten. Da habe ich mich gefragt: Warum reden wir darüber eigentlich nicht?

 

Buchtipp:
Lina Muzur (Hg.): Frauenprobleme, 33 neue Nachrichten, Berlin 2026 (Hanser Berlin), 224 Seiten, 22 Euro