"Durch die Wälder, durch die Auen, zog ich leichten Sinns dahin": Die vermeintlich unbeschwerte Stimmung, mit der dieser Krimi aus dem Erzgebirge beginnt, ist nur von kurzer Dauer. Die entsprechende Arie aus Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" ist ohnehin bei weitem nicht so heiter, wie die zitierten Zeilen vermuten lassen. Für den Film gilt das nicht minder, und das nicht allein wegen des Toten, den ein Mann und eine Frau sonntags auf dem Weg zur Chemnitzer "Freischütz"-Matinee bei ihrer Abkürzung durch den Wald entdecken. Das Opfer ist Karl Zenker, Besitzer eines Sägewerks und ungekrönter Holzkönig der Gegend. "Unglück kennt keine Sonntage", stellt Robert Winkler (Kai Scheve) fest.
Was ihn betrifft, kennt es auch keinen Feierabend: Seit seiner Rettung vor dem fast sicheren Tod im letzten Film ("Über die Grenze", 2025) wird der der Kommissar in geschlossenen Räumen von Panikattacken heimgesucht; er zieht es daher vor, unter freiem Himmel zu schlafen. Rückblenden gehören zum dramaturgischen Muster der "Erzgebirgskrimis", weil sie die Aussagen der Beteiligten illustrieren; in Winklers Fall sind sie so etwas wie psychischen Stolpersteine, die ihn immer wieder aus dem Konzept bringen. Aber auch nahezu sämtliche weitere Beteiligte sind mehr oder minder aus der Spur geraten, wie sich rasch zeigt; die namhafte Besetzung der Gastrollen ist in dieser Hinsicht ein untrügliches Indiz.
Einzig Shenja Lacher spielt in seiner kleinen Nebenrolle als uniformierter Polizist tatsächlich einen gänzlich unbescholtenen Zeitgenossen. Die meisten anderen hätten, wie sich nach und nach zeigt, durchaus ein Motiv, dem Holzkönig (Michael Kind) nach dem Leben zu trachten, allen voran der eigene Sprössling (André Kaczmarczyk, Hauptdarsteller der "Polizeiruf"-Krimis des RBB): Das Sägewerk steht vor der Pleite. Der Alte hat dem Junior zwar die Geschäftsführung übertragen, ist aber nach wie vor der alleinige Besitzer und hält überhaupt nichts von den Ideen, mit denen Heiko den Betrieb retten will.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Hätten Leo P. Ard (alias Jürgen Pomorin) und Produzent Rainer Jahreis, die die meisten Drehbücher für die Reihe gemeinsam verfasst haben, nicht mehr zu bieten, wäre "Mordholz" bloß ein Krimi wie viele andere. Interessant wird die Geschichte, weil das Duo den Todesfall als Anlass nutzt, um gleich mehrere Dramen ins Spiel zu bringen; eins davon reicht 25 Jahre zurück. Geschickt haben die beiden Autoren die handelnden Personen mit kleinen, aber für den weiteren Verlauf der Handlung sehr triftigen Merkmalen versehen. Leonie (Leonie Brill) zum Beispiel, die Praktikantin von Försterin Saskia Bergelt (Teresa Weißbach), hat eine Rechtschreibstörung, wie beiläufig erwähnt wird.
Was zunächst wie ein nebensächliches Deteil wirkt, das eine Figur interessanter machen soll, wird später natürlich noch eine entscheidende Rolle spielen. Dass Saskias Onkel (Thomas Thieme) bei der Fahrt zur "Freischütz"-Aufführung von einer Bekannten aus dem Opernverein begleitet wird, ist gleichfalls kein Zufall, zumal die Frau von Jana Klinge (eine der beiden Hauptdarstellerinnen der ARD-Reihe "Nord bei Nordwest") verkörpert wird. Auch die örtliche Pfarrerin (Inka Friedrich) ist in die Ereignisse involviert, und selbstverständlich fragen sich Winkler und seine Kollegin Szabo (Lara Mandoli), warum sie Zenker das Holz aus dem Kirchenwald schon seit einigen Jahren weit unterm marktüblichen Preis überlässt. Als Hauptverdächtige gelten zunächst jedoch zwei Holzdiebe, die seit geraumer Zeit ihr Unwesen in der Gegend treiben.
Wie stets sind auch die für die Region typischen Märchen und Bräuche weit mehr als bloß eine pittoreske Dreingabe. Inspiration für "Mordholz" war daher auch nicht Webers romantische Oper, sondern die Sage vom bösen Waldschütz, der einen Holzhauer in einen Baumstumpf verwandelt hat. Weil die einheimischen Wälder größtenteils aus Buchen, Erlen und Linden bestehen, muss das Birkenholz für die berühmten Schnitzereien importiert werden, und Heiko Zenker hat sich, wie einer seiner Angestellten ahnt, auf schmutzige Geschäfte eingelassen.
Mit diesem Holzarbeiter schließt sich ein weiterer Kreis: Gregor Kampmann (Christian Erdmann) ist Leonies Vater; aber das ist nicht der Grund, warum die Beziehung der beiden jungen Leute unter keinem guten Stern steht. Die Inszenierung (Regie: Lena Knauss) dieses vierzehnten "Erzgebirgskrimis" ist zwar längst so fesselnd wie beim letzten Film, aber die vielen Waldbilder sind eindrucksvoll. Das Ensemble ist ebenfalls sehenswert, zumal bei der Besetzung der Gastrollen auch auf die Herkunft geachtet worden ist.


