Vor 35 Jahren tagten die Sechste Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) und die VII. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erstmals zeitgleich in Berlin. Sie beschlossen in jeweils eigener Abstimmung das "Kirchengesetz des Bundes der Evangelischen Kirchen zur Regelung von Fragen im Zusammenhang mit der Herstellung der Einheit der Evangelischen Kirche in Deutschland".
Damit wurde der Weg für die Wiedervereinigung der evangelischen Kirchen in Ost- und Westdeutschland geebnet. "Die Geschichte der evangelischen Kirche in der DDR gehört zum gemeinsamen Erbe aller evangelischen Kirchen in Deutschland", erklärt Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt in einer Pressemitteilung, die der evangelisch.de-Redaktion vorliegt.
"Die Berliner Synoden im Februar 1991 waren mehr als ein juristischer Akt – sie waren ein sichtbares Zeichen der Einheit und Verbundenheit aller evangelischen Christinnen und Christen in Deutschland", sagt Kristina Kühnbaum-Schmidt. "Für uns heute bedeutet das: Wir tragen diese Erfahrungen aus Ost und West weiter und lernen daraus, wie wichtig der Perspektivwechsel und das gegenseitige Verstehen sind."
DDR-Geschichte ist Teil gesamtdeutscher Kirche
Die Landesbischöfin, die auch Vorsitzende des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) ist, hebt zwei Grundgedanken besonders hervor: "Erstens: Die Geschichte der evangelischen Kirche in der DDR gehört zum gemeinsamen Erbe aller evangelischen Kirchen in Deutschland. Sie ist kein Ost-Sonderfall, sondern Teil unserer gesamtdeutschen Kirche. Und zweitens: Wir dürfen nicht wegsehen. Wir müssen die Erfahrungen der Menschen ernst nehmen, die unter der Diktatur litten, und daraus lernen – für unsere Kirche, unsere Gesellschaft und unsere Verantwortung heute."
"Die Stimmung auf der Synode war euphorisch wie im gesamten Land. Wir fühlten Dankbarkeit, endlich Kirche in einem freien Staat zu sein, aber zugleich auch die Verantwortung, die besonderen Bedürfnisse der Menschen in der DDR ernst zu nehmen", berichtet die Zeitzeugin Martina Domann.
Die heutige Rentnerin war damals 30 Jahre alt und Gemeindediakonin in der Kirchengemeinde St. Georgen in Waren/Müritz, nahm für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Mecklenburgs als Synodale am historischen Treffen in Berlin teil.
Nordkirche als Brücke zwischen Ost und West
Waren spielte während der Wende im damaligen Bezirk Schwerin eine Vorreiterrolle: Am Abend des 16. Oktober 1989 zogen rund 400 Menschen mit Kerzen in den Händen schweigend von der St.-Georgen-Kirche zur St.-Marien-Kirche – das war die erste Montagsdemonstration auf dem Gebiet des heutigen Landes Mecklenburg-Vorpommern.
Mit Gemeinden in Hamburg und Schleswig-Holstein ebenso wie in Mecklenburg-Vorpommern verbindet die Nordkirche als einzige Landeskirche in Deutschland großflächig Ost und West. "Für mich ist deshalb besonders wichtig, dass wir als Kirche nicht wegsehen, sondern diese Erfahrungen ernst nehmen und daraus lernen", betont Kristina Kühnbaum-Schmidt. Die Nordkirche versteht sich als Brücke zwischen Ost und West, die die historischen Erfahrungen aufarbeitet und für die Gegenwart fruchtbar macht.
So wurde am 1. Oktober 2025 in Schwerin das Papier "35 Jahre Deutsche Einheit – Empfehlungen zur Aufarbeitung in den evangelischen Kirchen Deutschlands" vorgestellt, das unter anderem von Pastor i. R. und Außenminister a. D. Markus Meckel gemeinsam mit weiteren 14 Theologen und Wissenschaftlern in einer ad-hoc-Arbeitsgruppe verfasst wurde.
Kristina Kühnbaum-Schmidt betont abschließend: "Wir gedenken heute der Entscheidungen der Synodalen von damals, der Pionierinnen und Pioniere, die den Zusammenhalt der evangelischen Kirche trotz jahrzehntelanger Trennung sicherten. Ihre Arbeit zeigt uns, dass Einheit mehr ist als rechtliche Zusammenführung – sie lebt von gelebter Solidarität, Respekt und gegenseitigem Verständnis."


