Von einer kleinen Ebene aus Geröll und Eis hallt kilometerweit eine Trommel ins sommerliche Tal hinab. Drei Sängerinnen stimmen ein, mit Versen aus der Bibel, von Homer und dem Barockdichter Gryphius. Für die ökumenische Totenmesse, die katholische und evangelische Christen dort, nahe Deutschlands höchstem Gipfel feiern, hat ein bayerischer Kirchenmusiker eigens ein Lied komponiert, eine "Elegie auf das Ende des Ewigen Eises". Abschied nehmen die angrenzenden Gemeinden an diesem Tag im Juli 2023 nicht von einem Menschen, sondern von zwei Zugspitzgletschern. Der Südliche Schneeferner gilt seit dem Vorjahr nicht mehr als Gletscher, sein nördlicher "Bruder" wird ihm voraussichtlich bis 2030 folgen.
Als die Seelsorgerin Gabriela Hund sich eine Aufnahme des Abschiedsrituals anschaut, die weinende Trauergemeinschaft sieht, kommen auch ihr die Tränen. Als Jugendliche verarbeitete sie bei Gletscherwanderungen mit ihrer Mutter ein gemeinsam erlittenes Trauma, sammelte neue Kraft in der Eislandschaft, die nun verschwindet. Gabriela Hund glaubt, dass die Kirchen ihr Augenmerk auf gesellschaftliche Verlusterfahrungen und Katastrophen richten sollten. Denn für "kollapsbewusste" Menschen wie Hund brauen Klimaerwärmung, Artenverlust, Überdüngung, eine übermäßige Nutzung von Land und zunehmende Trinkwasserknappheit derzeit eine sozial und ökologisch verheerende Großwetterlage zusammen. Zumal ein entschiedenes politisches Eingreifen immer unwahrscheinlicher wird, auch infolge von Kriegen und einer autoritären Drift in vielen Gesellschaften.
Hund will nun für einen neuen Geist in den Kirchen werben, gemeinsam mit der Akademie der VRK, der Evangelischen Arbeitsstelle midi und der Kölner Melanchthon-Akademie. Denn wer die Klimaforschung ernstnehme, müsse mit dem Schlimmsten rechnen. In Forschung und Klimabewegung nennt man das einen sozialen "Kollaps". Wie "kollapsbewusste" Kirchen einer aus dem Tritt geratenden Gesellschaft helfen könnten, darüber sprechen Gabriela Hund und die beiden Mitorganisatoren, midi-Referent Walter Lechner und der Studienleiter der Melanchthon-Akademie Martin Horstmann, am Rande eines Fachtags mit evangelisch.de.
evangelisch.de: In der Medizin ist ein Kollaps ein Schwächeanfall: Die Durchblutung im Hirn ist gestört, ein Mensch sinkt in sich zusammen. Wie sieht der Kollaps einer Gesellschaft aus?
Gabriela Hund: Nach einem Schwächeanfall kann mich ein Glas Wasser wieder auf die Beine bringen. Was bei einem gesellschaftlichen Kollaps verloren geht, kommt nicht wieder. So wie die indigenen Kulturen in Nordamerika, die unter dem Druck der siedelnden Europäer zusammengebrochen sind. Die indigenen Gemeinschaften heute sind Kollaps-Überlebende.
Das ist ein drastischer Vergleich.
Walter Lechner: Die vielen Brandherde in unserer Gesellschaft, die vielfältigen Folgen der Klimakrise, aber auch Kriege und das Erstarken von Autoritären können aufeinander übergreifen, bis das System insgesamt überlastet ist. Die sogenannten Kollapsologen sagen nicht, dass wir unvermeidlich auf Faschismus oder einen europaweiten Krieg zulaufen. Aber die Welt wird höchstwahrscheinlich instabiler werden, vor allem aufgrund der Klimakatastrophe. Deshalb sollten wir uns gesellschaftlich und als Kirche darauf vorbereiten: dass mehr Hochwasser, Brände oder Stromausfälle kommen, und auf eine echte Systemüberlastung.
"Angesichts der gegenwärtigen Krisen helfen optimistische Botschaften den Menschen nicht weiter"
Ist das nicht alarmistisch?
Martin Horstmann: Wir reden keinen Zusammenbruch herbei, sondern nehmen wissenschaftlich begründete Szenarien ernst, die etwa vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung kommen. Dessen Direktor, Johan Rockström, benennt 16 globale und regionale Kipppunkte für das Klima, beispielsweise ein Massensterben in den Korallenriffen bei etwa 1,5 Grad Meereserwärmung oder die Eisschmelze in der Arktis. Wenn ein System kippt, dann kann es einen Domino-Effekt geben. Als kirchliche Projektgruppe sind wir allerdings selbst keine Kollaps-Experten, sondern wollen ein Signal in die Kirchen senden: Angesichts der gegenwärtigen Krisen helfen optimistische Botschaften den Menschen nicht weiter.
Was schlagen Sie stattdessen vor?
Martin Horstmann: Die Kirchen haben im Umgang mit gesellschaftlichen Notlagen einen großen Schatz an Erfahrungen angehäuft. Daraus lässt sich etwas machen, gemeinsam mit der Zivilgesellschaft. Ein Beispiel: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenvorsorge will, dass in jedem Dorf und Stadtteil sogenannte Katastrophenleuchttürme entstehen.
"All das ist doch in einer Krise Gold wert. Was für ein beachtliches Potenzial!"
Was ist das?
Martin Horstmann: Dort sollen Anwohner im Notfall ihr Handy aufladen oder Informationen abholen können, die mit einem vorgehaltenen Kurbelradio empfangen werden. Es gibt gut 20.000 katholische und evangelische Kirchengemeinden in Deutschland. Und die haben doch eine super Infrastruktur: Sie bieten Raum und produzieren teilweise eigenen Strom, denn immer mehr Gemeinden haben eine Photovoltaik-Anlage. Zudem haben die Gemeindehäuser und Kitas immer eine eigene Küche und die Ehrenamtlichen kennen sich vor Ort gut aus. All das ist doch in einer Krise Gold wert. Was für ein beachtliches Potenzial! Man muss es nur erkennen, dann kann man es auch weiter vorantreiben.
"In den Gemeinden treiben sich überraschend viele hilfsbereite Fricklerinnen und Ingenieure herum"
Wo können Kirchen noch hilfreich sein?
Martin Horstmann: Die Liste für ein mögliches Engagement der Kirchen ist lang: Läutende Kirchenglocken könnten bei Gefahr warnen, Gemeindehäuser als Versammlungsorte dienen. Technisches Know-How ist auch da: In den Gemeinden treiben sich überraschend viele hilfsbereite Fricklerinnen und Ingenieure herum.
Walter Lechner: Bei der Flut im Ahrtal, kürzlich beim Stromausfall in Berlin, oder als 2015 eine große Zahl an Geflüchteten nach Deutschland kam, boten Kirche und Diakonie seelische und praktische Hilfe an. Die waren manchmal schneller da als staatliche Helfer. Wenn große Versorgungssysteme ausfallen, kommt es auf die Sozialräume, die Dörfer und die Stadtteile, an. Da ist Kirche stark vertreten, zugleich ist sie teils besser organisiert als andere zivilgesellschaftliche Akteure. Wir haben landes- und bundesweite Strukturen. Als nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hierzulande die sich leerenden Gasspeicher für Unruhe sorgten, boten Tausende Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen warme Räume und Beratung an.
"Die Feuerwehr fängt mit dem Training auch nicht erst an, wenn es brennt"
Als im Berliner Südosten der Strom wegblieb, habe ich eine sehr hilfsbereite Gemeinde begleitet. Die wollten sich nach den Menschen erkundigen, die in ihren Wohnungen zurückgeblieben waren. Aber mit dieser großen Aufgabe fühlte sich die Gemeinde überfordert.
Gabriela Hund: Ich beobachte Ähnliches: Der Wille ist da, aber häufig endet es mit Überforderung oder geht ins Leere. Als das Coronavirus das öffentliche Leben lahmlegte, wollten unzählige Menschen vulnerablen Gruppen beim Einkaufen helfen. Nur wurden so viele Einkaufshelfer gar nicht gebraucht. In solchen Erfahrungen sehe ich vor allem eine Herausforderung für die Kirchen, Notlagen künftig besser zu verstehen und auf sie zu reagieren: Die Feuerwehr fängt mit dem Training auch nicht erst an, wenn es brennt.
Walter Lechner: Auch eine frühzeitige Vernetzung ist entscheidend. Wenn der Pfarrer nicht mit der Feuerwehr an einem Tisch sitzt, mit der Bürgermeisterin und dem Sportverein, dann stoßen kirchliche Initiativen schnell an Grenzen.
"Auch theologisch sehe ich große Herausforderungen – aber auch einen reichen Schatz, auf den wir zur Deutung von Kollapserfahrungen zurückgreifen können"
Warum sollten Kirchen da mitmischen, beim Katastrophenschutz und in der Vorbereitung auf einen Kollaps?
Walter Lechner: Das Kollabieren von Systemen fordert die evangelische Kirche und Diakonie in allen Bereichen heraus. Als Kirche haben wir den Auftrag, die Gegenwart im Licht des Evangeliums zu deuten und den Menschen in allen sozialen Lebenslagen beizustehen. So sind wir etwa Spezialist:innen für Sterben und Trauer, aber noch relativ wenig geübt im Umgang mit gesamtgesellschaftlichen Verlusten. Bei der Diakonie Katastrophenhilfe etwa gibt es viel Krisenexpertise, die man für Kollapsszenarien ummünzen und ausweiten kann. Auch theologisch sehe ich große Herausforderungen – aber auch einen reichen Schatz, auf den wir zur Deutung von Kollapserfahrungen zurückgreifen können, etwa die apokalyptischen Vorstellungen der Bibel, die nicht in erster Linie Weltuntergangsfantasien sind, sondern Vertrauen stärken, dass Gott selbst in Kollapsen wirken kann.
Bleiben wir zunächst bei den Verlusterfahrungen: Im Sommer 2023 feierten die Gemeinden von Garmisch-Partenkirchen eine Totenmesse für ihre Gletscher. Wieso?
Gabriela Hund: Die Gletscher bringt das nicht zurück. Aber ein Abschiedsgottesdienst wie an der Zugspitze schafft einen gemeinsamen Raum, um die Trauer und Wut angesichts des Verlusts zuzulassen und auszuhalten. Das ist ehrlich. Und wer sich richtig verabschiedet, hat es leichter, nach vorne zu schauen. Das ist nicht anders als bei einem Todesfall in der Familie.
Wünschen Sie sich mehr Raum für negative Gefühle in der Kirche?
Gabriela Hund: Für Gefühle wie Trauer und Wut gibt es bereits Räume, etwa in der Notfallseelsorge und in der Sterbebegleitung. Aber dabei geht es kaum um kollektive Gefühlslagen, sondern meist um die schweren Schicksale von Einzelnen. Eine Ausnahme ist die Notfallseelsorge, die bei größeren Unglücken und Notlagen im Einsatz ist, beispielsweise nach der Flut im Ahrtal.
Wo bleibt bei all der Schwere die christliche Hoffnung?
Walter Lechner: Hoffnung ist etwas anderes als Optimismus. Als Christ glaube ich, dass Gott die Dinge doch noch in eine gute Richtung lenken kann, selbst wenn ein Kollaps wahrscheinlich ist. Die Auferstehung Christi oder die Befreiung der israelitischen Sklaven aus Ägypten erzählen davon. Nur können wir Christen nicht darauf spekulieren. Christliche Hoffnung hat mit Jesus Christus zu tun, der aufersteht, nachdem er Entsetzliches durchlebt hat und gestorben ist. So entsteht Hoffnung immer wieder in der Bibel: Menschen sind bereit, die schlimmen Prognosen und Entwicklungen nicht auszublenden, sondern hinzuschauen und auch bis an den tiefsten Punkt zu gehen. Oft entstehen erst dann neues Leben und neue Handlungsmacht.


