Anders als die Sonntagskrimis im "Ersten", bei denen bereits kurz vor Ablauf der neunzigsten Minute Schluss ist, dauern Fußballspiele mittlerweile nicht selten deutlich länger. Manche Menschen verlassen das Stadion allerdings schon vor dem Abpfiff, erst recht, wenn ihre Mannschaft scheinbar aussichtslos mit zwei Toren zurückliegt: weil sie mit dem Auto da sind und nicht im Stau stehen wollen. Wenn ihrem Team dann in der Nachspielzeit auf wundersame Weise doch noch der Ausgleich gelingt, ist der Ärger groß.
Ganz so fulminant endet der "Tatort" aus Saarbrücken zwar nicht, doch wer um- oder ausschaltet, als der Fall gelöst ist, verpasst die größte Überraschung dieses fesselnden Krimis. "Das Böse in Dir" erzählt eine klassische "Romeo und Julia"-Geschichte, verlegt die Handlung aber wie in der 1855 erschienenen Novelle von Gottfried Keller in ein Dorf. Es gibt jedoch einen deutlichen Unterschied zu den berühmten Vorlagen: Bei dem Liebespaar handelt es sich um Mädchen.
Die beiden jungen Teenager entstammen zwei Sippen, die seit langer Zeit verfeindet sind. Heute weiß vermutlich keiner mehr, wie alles begonnen hat, aber der Hass zwischen den Familien Feidt und Louis wird von Generation zu Generation weitergegeben. Wie bei Shakespeare genügt ein Funke, um den schwelenden Konflikt jederzeit explodieren zu lassen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Bevorzugter Begegnungsort ist die örtliche Kneipe, deren Atmosphäre von Aggression geschwängert ist wie früher die Wirtshäuser vom Zigarrenqualm. Seit dem Tod von Becky Feidt herrschte immerhin eine Art Burgfrieden in Hohenweiler nahe der französischen Grenze: Das dreizehnjährige Mädchen ist vor fünf Jahren an den Folgen eines unglücklichen Sturzes gestorben. Ob ein Fremdverschulden vorlag, konnte nie geklärt werden.
Als Beckys Vater erstochen wird, muss das Saarbrücker Kripo-Team rund um Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) zwangsläufig auch den alten Fall wieder aufrollen. Schon allein die Kernidee ist interessant, aber Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann haben ihr Drehbuch um einen überaus reizvollen Aspekt ergänzt: Hölzers Kollegin Esther Baumann (Brigitte Urhausen) ist in Hohenweiler aufgewachsen. Sie ist in jungen Jahren mit ihrer Mutter weggezogen; einige Leute erinnern sich trotzdem noch an sie.
Mit der Polizei will man hier ohnehin nichts zu tun haben, aber ihr begegnen die Einheimischen mit besonderem Misstrauen, erst recht die Familie Feidt: Esther hat den Mädchennamen ihrer Mutter angenommen, früher hieß sie Louis; und ausgerechnet ihr Bruder Sven (Robert Nickisch) wird schließlich als Hauptverdächtiger verhaftet.
Der einzige Mensch, der Esther herzlich willkommen heißt, ist Katja (Franziska Wulf), einst ihre beste Freundin. Katjas Mann Clemens (Fabian Stumm) gehört die Kneipe, er nennt sie scherzhaft die Schweiz des Dorfes, weil sie neutrales Gebiet sein soll. Clemens versucht unermüdlich, die beiden Sippen miteinander zu versöhnen, und wird prompt zur tragischen Gestalt der Geschichte.
Heimliche Hauptfigur ist jedoch die von Carolin Wege sehr eindrücklich verkörperte Claire, Beckys Freundin. Die beiden wollten das Dorf verlassen, doch dazu ist es nie gekommen. Der Auftakt des Films zeigt zu düsteren Choralklängen Beckys Leiche in einem Bach. Sie hat sich bei dem Sturz einen Zahn ausgeschlagen; er ist nie gefunden worden. Der Prolog endet mit dem Titel, wobei das Wort "Böse" in knalligem Rot fast den ganzen Bildschirm füllt.
Der besondere Reiz des Films liegt nicht zuletzt in der Kombination von Gegenwart und Vergangenheit. Rückblenden zeigen zwei verliebte junge Frauen; an einem Baumstamm entdeckt Esther, die auch als Erzählerin fungiert, das Wort "forever", für immer. Regie führte Luzie Loose, die mit diesem Krimi ihren zweiten "Tatort" aus Saarbrücken gedreht hat. "Das Herz der Schlange" (2022) hatte gewisse darstellerische Schwächen; diesmal gibt es nichts auszusetzen.
Zwischendurch sorgt eine Verfolgungsjagd durch den Wald für Dynamik, und gegen Ende, als ein von Clemens organisiertes Dorffest eskaliert, kommt es zu einer regelrechten Belagerung der Kneipe; ansonsten konzentriert sich die Inszenierung auf die handelnden Personen, wobei Claires Onkel (Gerhard Liebmann) eine besondere und sehr berührende Rolle spielt. Eine optische Besonderheit sind die Ausflüge in die Vergangenheit, weil die Bilder dank der Unschärfe an den Rändern auszufransen scheinen (Kamera: Jan Mayntz), und so ist "Das Böse in Dir" ein rundum gelungener Krimi, dessen verblüffender Epilog die Rückblenden in einem komplett anderen Licht erscheinen lässt.


