Bloggerin berichtet täglich aus dem Kriegsalltag

Polizist untersucht Fragmente einer russischen Drohne, die ein Wohnhaus im ukrainischen Charkiw getroffen hat.
Andrii Marienko/AP/dpa
Der Krieg ist für die Menschen in der Ukraine seit vier Jahren Alltag. Ein Polizist untersucht Fragmente einer russischen Drohne vor einem getroffenen Wohnhaus in Charkiw.
Vier Jahre Ukraine-Krieg
Bloggerin berichtet täglich aus dem Kriegsalltag
Der Krieg in der Ukraine dauert fast vier Jahre. Die Bloggerin Kate Bohuslavska aus Charkiw berichtet in den sozialen Medien von ihrem Alltag, der durch Minusgrade und Bombenangriffe immer härter wird. Flucht ist für sie aber keine Option.

Die Aktivistin und Bloggerin Kate Bohuslavska ist nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in Charkiw geblieben, einem Hotspot der Bombenangriffe. Draußen herrschen derzeit -12 Grad Celsius, die Stromversorgung wird durch russische Raketen immer wieder unterbrochen. Viele Menschen in ihrem Umfeld sind bei Anschlägen bereits gestorben. Trotzdem will Bohuslavska auch nach vier Jahren Krieg ihre Heimat nicht verlassen.

"Dies ist mein Zuhause. Meine Familie ist hier, meine Freunde sind hier, alles, was ich liebe, ist hier", sagt sie im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. Ihre Freunde seien gestorben, um diesen Ort zu verteidigen. "Warum sollte ich all das aufgeben, nur weil genozidale Nachbarn beschlossen haben, es uns wegzunehmen? Nein, ich gehe nicht weg", erklärt die 36-Jährige entschlossen.

Der ständige Bombenalarm und der harte Winter rängen den Menschen aber viel ab. "Ich lebe in einem Wohnhaus ohne Gas. Ohne Strom gibt es keinen Herd zum Kochen, und für viele Menschen, die auf Pumpen angewiesen sind, bedeutet das auch kein Wasser - nicht einmal kaltes." Die meisten Menschen hätten kleine Campingkocher zum Erhitzen von Wasser und Essen angeschafft, außerdem Powerbanks oder Ladestationen, um Geräte wie Smartphones aufzuladen. Kalt sei es in den Mehrfamilienhäusern trotzdem.

Tägliche Berichte auf X

"Russland versucht, uns zu manipulieren, damit wir Deals akzeptieren, die in Wirklichkeit Vorschläge zur Kapitulation sind", sagt sie. Diese Strategie werde auf keinen Fall funktionieren. "Ich kenne niemanden, der denkt, dass wir kapitulieren sollten. Die Russen haben Menschen ermordet, Massenvergewaltigungen begangen, Häuser und Geschäfte geplündert und 20.000 Kinder ihren Eltern entrissen. Niemand würde solche Gräueltaten erdulden, nur um Strom zu haben."

Seit vier Jahren berichtet Bloggerin Kate Bohuslavska aus dem Alltag im Ukraine-Krieg.

Unter dem Profilnamen "Kate from Kharkiv" postet Bohuslavska täglich auf der Social-Media-Plattform "X" auf englisch ihre Erlebnisse in Charkiw und zeigt Fotos von ihrer Stadt nach Bombenangriffen. Mittlerweile folgen ihr knapp 100.000 Menschen. Sie unterstützt außerdem die Stiftung "Hugs", die sich für Familien einsetzt, die aus anderen Landesteilen vertrieben wurden und nun versuchen, in Charkiw wieder Fuß zu fassen.

Unterstützung für Kinder

Besonderes Augenmerk legt die Stiftung auf Kinder, die in Charkiw, nur 35 Kilometer von der Front entfernt, nicht mehr zur Schule gehen können. Die Kinder würden in Charkiw in erster Linie online unterrichtet. Die russischen Raketen träfen innerhalb von Sekunden ein, es bleibe keine Zeit, sie zu evakuieren, sagt Bohuslavska. Deshalb würden seit über einem Jahr unterirdische Schulen gebaut, aber bezogen auf die Bevölkerung seien das viel zu wenige.

Bohuslavska bedauert, dass vor allem die jüngeren Kinder keine Erinnerungen an das Leben vor dem Krieg haben. "Es macht mich wütend, wenn ich daran denke, was Russland ihnen alles genommen hat."

Zu diesen Kindern gehört auch ihr sechsjähriger Neffe Denys. Im vergangenen Sommer explodierte in seiner Nähe eine Drohne. Seitdem machten ihm laute Geräusche Angst. Dennoch sei er immer noch ein Sonnenschein, wolle später Weltraumforscher werden. "Kinder sind unglaublich darin, trotz allem in vielen Momenten noch Freude zu finden", sagt die Aktivistin. "Vielleicht liegt es daran, dass sie die Gefahr nicht wirklich erfassen können."

Appell an Europa

Bohuslavska bittet Deutschland weiter um Hilfe. Die Ukraine brauche entschlossene militärische Unterstützung und Sicherheitsgarantien. "Wendet euch an eure gewählten Vertreter, setzt euch für die Ukraine ein und spendet, wenn ihr könnt, an transparente, ukrainische Stiftungen", appelliert sie.

Ihr Land brauche weiterhin auch die Unterstützung der USA, um Waffenlieferungen in die Ukraine zu gewährleisten. "Dazu müssen wir Donald Trump und seine Stimmungsschwankungen in den Griff bekommen." Aber die ukrainische Regierung mit Präsident Wolodymyr Selenskyj an der Spitze habe das bisher gewuppt. "Wir brauchen außerdem die Sicherheitsgarantien der Amerikaner, wenn wir wollen, dass dieser Krieg irgendwann endet."

Kritisch sieht sie das Engagement der Europäischen Union. "Europa hatte genug Zeit, die Rüstungsindustrie anzukurbeln, hat es aber leider nicht in dem erforderlichen Umfang getan." Im Hinblick auf die derzeitige US-Politik erklärt sie: "Europa muss endlich seine eigene Supermacht werden!"

Ein Ende des Krieges sei schwer abzusehen, findet die Bloggerin. Es gebe ihr aber Hoffnung, dass Frankreich und Deutschland begonnen hätten, gegen die russische Schattenflotte vorzugehen. Die französische Marine hatte Mitte Januar im Mittelmeer einen Öltanker gestoppt. Er steht unter dem Verdacht, für Russland unter falscher Flagge gefahren zu sein, um das Öl-Embargo gegen Russland zu umgehen. "Krieg ist teuer, und wir müssen den Geldfluss unterbinden", sagt Bohuslavska. "Wenn Europa dabei bleibt, ist das eine großartige Sache."