evangelisch.de erreicht Florian Westphal, Geschäftsführer von "Save The Children Deutschland", telefonisch während seines Besuchs in Isjum, das dicht an der Front liegt. Er erzählt, dass er vor wenigen Stunden eine Familie in ihrem von Raketenangriffen teilweise zerstörten Haus besuchte und sich längere Zeit auch mit der siebenjährigen Tochter Olesia unterhielt.
Sie sei ein "wirklich sehr fröhliches, lebhaftes" Kind, berichtet Westphal am Telefon. Olesia habe ihm stolz gezeigt, wo ihr Zimmer einmal sein wird, erzählt von dem Bett, das sie dort hinstellen möchte und davon, dass sie bald zwei Katzen bekommen soll. Doch hinter dieser unbeschwerten Oberfläche sitzt die Angst tief, so der Geschäftsführer. Denn seit einem Raketeneinschlag im Garten der Familie vergangenen April, sagt die Mutter, könne sie die Tochter eigentlich nicht wirklich alleine lassen. Sobald Explosionsgeräusche zu hören seien, bekomme ihre Tochter "furchtbar Angst und zittert am ganzen Körper". Für Westphal ist das exemplarisch. Selbst wenn ein Kind beim ersten Eindruck aufgeweckt wirkt, sei "diese Realität des Krieges einfach allgegenwärtig".
Westphal ist zum dritten Mal in der Ukraine, diesmal im vierten Kriegswinter, den er als den schwierigsten und kältesten beschreibt. Er besucht Gebiete nahe der Front und spricht mit Familien, Kindern und Jugendlichen. In Isjum unterstützt seine Organisation mit Bargeldmitteln Reparaturen an Häusern, die bei Angriffen beschädigt wurden. Außerdem war Westphal in einem digitalen Lernzentrum, in dem Kinder und Jugendliche über die Gefahr von Minen und Blindgängern aufgeklärt werden. Auch dieses wird von "Save the Children" unterstützt.
Unterricht unter der Erde
Besonders eindrücklich ist für ihn ein Besuch in Charkiw. "Eine sehr widersprüchliche Erfahrung", sagt er. Hier sah er sich eine neue Schule sieben Meter unter der Erde an, eigens als Bunker gebaut, mit 20 Klassenzimmern und mehreren hundert Schüler:innen. Diese Bunkerschule sei so konstruiert, dass sie sogar gegen nukleare Einschläge halten würde, berichtet Westphal. Aber es ist eine Schule ohne Fenster und ohne Tageslicht. "Für kleinere Kinder hat man deshalb große Fotos von der Stadt im Sommer, von Bäumen und Blumen an die Wände gehängt, weil fehlendes Tageslicht für sie besonders schwer ist", erzählt Westphal. Der Unterricht findet in Schichten statt. "Die ersten Kinder kommen um acht und die letzten gehen um fünf."
Für den "Save the Children Deutschland"-Chef zeigt sich hier, wie wichtig Präsenzunterricht bleibt. Das gemeinsame Lernen, das Zusammensein mit Freund:innen, das direkte Wahrnehmen der Kinder, auch ihrer Körpersprache, all das lasse sich mit dem Online-Unterricht überhaupt nicht vergleichen. In Charkiv gibt es mehrere solcher Schulbunker. "Außerdem findet Unterricht in U-Bahn-Stationen statt", erzählt Westphal. "In Stadtteilen wie Saltivka (Anm. d. Red.: Saltivka ist ein großes Wohngebiet in der nordöstlichen Region Charkiw in der Ostukraine) leben Hunderttausende Menschen, und viele Kinder haben immer noch ausschließlich Online-Unterricht. Die Schulbunker sind im Moment die einzige Möglichkeit für gesicherten Präsenzunterricht", so Westphal.
Die psychische Belastung der Kinder ist für ihn ein zentrales Thema. Er verweist auf Schätzungen, nach denen bis zu anderthalb Millionen Kinder in der Ukraine unter Depressionen, Stresssymptomen und Belastungsstörungen leiden. Manche entwickelten Sprachstörungen, hätten Zuckungen, Albträume. Ärzt:innen hätten sogar berichtet, dass Kindern graue Haare gewachsen sind als Folge dauerhafter Anspannung. Westphal betont, dass neben Verletzungen und Krankheiten die unsichtbaren Folgen von Konflikten mindestens ebenso gravierend sind. Hilfe beginne oft klein, etwa mit Schutz- und Spielräumen, "in denen ein Kind für ein paar Stunden sicher spielen und diese Realität da draußen für einen Moment vergessen kann". Psychosoziale Hilfe ist ein wichtiges Anliegen der Hilfsorganisation. "Wahrscheinlich ist es so, dass diese Kinder ihr Leben lang mit diesen Traumata leben werden. Die Frage ist, ob sie als Kinder schon etwas gelernt haben, wie sie damit umgehen können, wie sie diese Traumata später bewältigen können."
Florian Westphal hat schon einige Krisengebiete besucht. "Ich habe in vielen Konfliktgebieten gesehen: Kinder sind Gefahren ausgesetzt, aber sie sind auch sehr resilient. Wenn man ihnen eine halbwegs sichere Umgebung bietet, auch nur für ein paar Stunden, umgeben von Erwachsenen, denen sie vertrauen, dann haben sie eine erstaunliche Widerstandskraft. Aber das gilt natürlich nur für den Moment."
Warum bleiben Familien so nah an der Front?
Der diesjährige besonders harte Winter verschärft die Lage zusätzlich. In der Nacht habe es minus 15 Grad gehabt, erzählt Westphal. Angriffe auf die Energieversorgung führten immer wieder zu Ausfällen, kein Strom, keine Heizung, teilweise kein Wasser. In Charkiw, berichtet er, gebe es Elektrizität oft nur stundenweise und dann falle sie ganz aus. Dazu komme die Erschöpfung durch die Dauer des Krieges. Jugendliche, die er in Isjum trifft, hätten seit 2022 fast nur Online-Unterricht. Sie säßen im Winter zu Hause, hofften auf funktionierende Heizung und versuchten mit Tablet oder ähnlichen Geräten den Unterricht zu verfolgen und können eigentlich kaum nach draußen.
Warum bleiben Familien trotzdem so nah an der Front? Westphal zählt dafür mehrere Gründe auf. Das Zuhause, das man nicht verlassen will, aber auch die Armut. Wer innerhalb der Ukraine flieht, lande häufig in Sammelunterkünften, das seien "wirklich sehr schwierige Bedingungen". Eine Familie in einem Zimmer und kaum Chancen auf Arbeit. "Die staatliche Unterstützung reicht oft zum Überleben, aber auch nicht mehr." Und wer geht, fürchtet um das, was er zurücklässt, Haus, Wohnung, Eigentum. "Der Schritt, alles zurückzulassen und nur das mitzunehmen, was man tragen kann, ist enorm. Ich habe das in vielen Konfliktgebieten gesehen. Die meisten Menschen warten bis zum letzten Moment, weil sie so viel zu verlieren haben."
Für Westphal ist seine Reise auch ein politisches Signal. Im Blick auf den bevorstehenden Jahrestag des russischen Angriffs im Februar 2022 will er noch einmal darauf aufmerksam machen, wie Kinder den Krieg tagtäglich erleben und zugleich, wie viel Widerstandskraft Familien und Helfer:innen zeigen. Er wirbt dafür, Sicherheitspolitik nicht nur militärisch zu begreifen. Wenn über die Sicherheit der Ukraine gesprochen werde, müsse es um die Sicherheit der Menschen gehen, die dort leben. Denn: "Kinder sind die Zukunft und die nächste Generation."
Westphal kritisiert, dass Verteidigungsausgaben steigen, während humanitäre Hilfe und Entwicklungshilfe gekürzt werden. Dabei gehöre zur Sicherheit auf jeden Fall auch, dass Kinder Zugang zu Bildung haben, halbwegs gesund aufwachsen und Hoffnung behalten. "Das wird maßgeblich bestimmen, wie die Zukunft dieses Landes aussieht."
Mit Blick auf Deutschland widerspricht Westphal dem Eindruck, die Solidarität sei weggebrochen. Er sehe weiterhin viele Spender:innen, die die Arbeit regelmäßig unterstützen. Eine angebliche Entsolidarisierung werde in der Debatte teilweise übertrieben. Es sei aber bestimmt entscheidend, dass Interesse und Anteilnahme nicht nachlassen. "Wir wissen nicht, wie lange es hier noch dauert", sagt er und gerade deshalb brauche es die Aufmerksamkeit, Unterstützung und das Beharren darauf, dass Hilfe für die Zivilbevölkerung den gleichen Stellenwert haben müsse wie politische und militärische Ziele.


