TV-Tipp: "Die Verteidigerin: Der Fall Nicola"

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14. Januar, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Die Verteidigerin: Der Fall Nicola"
Der Film rund um eine verschwundene Frau ist inszeniert wie eine True-Crime-Dokumentation. Der ruhige Stil und die düstere Atmosphäre verfehlen ihre Wirkung aber nicht.

"Ihr seht zu viele Krimis!" Ganz so direkt formuliert er es zwar nicht, der zutiefst besorgte Ehemann der spurlos verschwundenen Nicola, aber so ist es wohl gemeint, als er bei einem Medientermin versichert, das sei hier kein Sonntagskrimi. In die gleiche Richtung geht eine Bemerkung des zuständigen Kommissars, der sinngemäß feststellt, dass die Dinge in der Realität am Ende oft eine einfache Erklärung hätten; aber so leicht macht es das Drehbuch des vielfach ausgezeichneten Autors Magnus Vattrodt den Beteiligten selbstverständlich nicht.

"Der Fall Nicola" ist der dritte Film aus der SWR-Reihe "Die Verteidigerin" und der zweite mit Andrea Sawatzki als Freiburger Anwältin Lou Caspari, die ihrer Titelrolle diesmal erst später und eher unversehens gerecht wird. Zunächst agiert sie nur als Freundin mit guten Beziehungen, als Benno Schmidtbauer (Andreas Döhler) sie um Hilfe bittet.

Gattin Nicola sei wie jeden Morgen mit Hund Anton zum Waldspaziergang aufgebrochen, anschließend direkt zur Arbeit gefahren und seither nicht heimgekehrt. Für die Polizei ist Bennos Sorge kein Grund, tätig zu werden: Nicola ist eine erwachsene Frau, vielleicht brauchte sie eine Auszeit, und selbstverständlich werde man nicht ihr Telefon orten, bloß weil ihr Mann wissen will, wo sie sich aufhält.

Als die Juristin die Überwachungskamera eines Nachbarn überprüfen lässt, stellt sich raus: Nicola ist schon am Nachmittag zuvor verschwunden. Lehrer Benno ist erst spät von einer Notenkonferenz heimgekommen, wollte seine Frau und vor allem den Hund nicht wecken und hat im Arbeitszimmer geschlafen.

Jetzt endlich initiiert der zuständige Kommissar Kröber (Henning Flüsloh) das übliche Programm. Das Auto der Schmidtbauers wird an einem Waldsee entdeckt, die Scheiben sind eingeschlagen; nun geht auch Kröber von einem Verbrechen aus. Ein Spürhund nimmt die Fährte der Frau auf, doch die Spur verliert sich irgendwo im Wald. Ein öffentlicher Auftritt Bennos samt Nicolas Tochter Jasmin (Mariella Aumann) hat zur Folge, dass die Bevölkerung regen Anteil am Schicksal der Familie nimmt, allerdings keineswegs nur im Guten: Plötzlich wird Benno in den einschlägigen digitalen Netzwerken als "brutaler Fußball-Hooligan" verfemt, weil er einst wegen Körperverletzung zu einer Jugendstrafe verurteilt worden ist.

Prompt kursiert die These, er habe Nicola auf dem Gewissen, erst recht, als er zur Vernehmung ins Polizeirevier abgeholt wird: Bei den Befragungen der Nachbarschaft hat sich rausgestellt, dass sich das Ehepaar in letzter Zeit öfter lautstark gestritten hat. Allerdings gerät auch Nicolas Ex-Mann (Jean-Luc Bubert) ins Visier der Ermittlungen, weil sich die beiden am Tag ihres Verschwindens getroffen haben.

Regisseur Lars-Gunnar Lotz hat fürs ZDF unter anderem eine sehenswerte Krimi-Trilogie mit Henry Hübchen als tragische Ermittlerfigur sowie mehrere zum Teil herausragend gute Episoden für die Krimireihe "Stralsund" gedreht. "Der Fall Nicola" ist ganz anders: Lotz hat den Film wie ein "True Crime"-Drama inszeniert. Der sachliche und größtenteils betont ruhige Stil wirkt mitunter fast dokumentarisch, selbst wenn die Musik zwischenzeitlich für Thriller-Spannung sorgt, als Jasmin mit dem Fahrrad einen verdächtigen polnischen Transporter verfolgt, dabei vermeintlich in große Gefahr gerät und am Ende tatsächlich im Krankenhaus landet.

Ansonsten konzentrieren sich Buch und Regie jedoch darauf, wie die Ereignisse den Beteiligten zusetzen. Das gilt nicht nur für Vater und Tochter: Caspari ist sauer, weil ihr Freund sie nicht über seine Jugendstrafe und die jüngsten Spannungen mit seiner Frau informiert hat, und fragt sich, welche Informationen er ihr sonst noch vorenthalten hat. Andreas Döhler ist nicht zuletzt dank seiner düsteren Aura eine ausgezeichnete Besetzung für die männliche Hauptrolle.

Zwischendurch zeigt Lotz immer wieder, was sich im Netz tut, wo dauernd neue Fake-Fotos von Nicola auftauchen und die Spekulationen ins Kraut schießen. Gleich zu Beginn versucht sich ein angeblicher "Profiler" an einer Interpretation von Nicolas Körpersprache, als das Video von ihrer Abfahrt im Netz verbreitet wird. Zwei wichtigtuerische Influencerinnen fabulieren von einem Serienmörder und mutmaßen später, Jasmin stecke hinter dem Verschwinden. Großen Anteil an der düsteren Gesamtstimmung haben auch die vielen Waldszenen (gedreht wurde im Nordschwarzwald), zumal der Film regelmäßig bei einem zwielichtigen Typen vorbeischaut, dessen Foto Caspari an der Wand in Kröbers Büro gesehen hat; auch er zählt wegen einer einschlägigen Vorstrafe zum erweiterten Kreis der Verdächtigen.